


Seit 16 Jahren holt «Nordklang» Musik aus dem Norden nach St. Gallen. Nach zwei Jahren Corona-Pause kehrt das Festival dieses Wochenende zurück. Mit einem seltenen Programmpunkt: den Nordklang-Sessions. Mit ihnen wird am Freitagabend im Pfalzkeller das Festival eröffnet. Das Besondere daran: Die Songs sind dann maximal fünf Tage alt. Elf Musikerinnen und Musiker schreiben sie diese Woche in der Gruppenunterkunft Alpstein. Die TP hat reingehört.
Erst muss die Sprach-Frage geklärt werden. Der Journalist ist etwas unsicher: Hochdeutsch oder Englisch? Luna Ersahin lebt zwar in Dänemark, spricht aber auch Deutsch. Beim Mittagessen erzählt Nordklang-OK-Mitglied Steffen Wöhrle, sie habe eine Weile als Au-pair in Hamburg verbracht. In dem kleinen Zimmer sitzen noch zwei andere Musizierende. «Machen wir doch Englisch. Das reden wir hier sowieso immer», sagt Riana aus Appenzell. Mattiu aus Graubünden nickt zustimmend. «Hier» ist die Gruppenunterkunft Alpstein in Teufen. Das Haus ist während dieser Woche das Daheim der elf Musikschaffenden, die am Freitag das Nordklang-Festival eröffnen. Was genau sie dann im Pfalzkeller anspielen, wissen sie an diesem Dienstagnachmittag allerdings noch nicht. Es gilt noch einige Stücke zu schreiben. Und zu üben.
Spontan ist Programm
«Ziel ist, dass wir zwischen 20 und 25 Songs aufführen», sagt Roar Amundsen. Der 50-Jährige ist hauptberuflich im Musik-Business tätig. Er betreibt ein Record-Label («Songcrafter»), organisiert Workshops und macht selbst Musik. Die Nordklang-Sessions leitet er bereits zum dritten Mal. «Bisher läuft es sehr gut. Die Gruppe ist harmonisch und scheint sich musikalisch zu verstehen.» Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn die meisten der jungen Musikerinnen und Musiker kannten sich vor Sonntag nicht. Für die Auswahl der Talente aus dem Norden – heuer sind Schweden, Norwegen, Dänemark und Island vertreten – ist Roar Amundsen zuständig. In der Schweiz schaut sich das Nordklang-OK um. Dazu gehören Steffen Wöhrle und Suzan Can. Sie servieren gerade das Mittagessen. «Heute gibt es nichts allzu Schweres: Suppe und Sandwiches. Dann sind wir hoffentlich noch fit für den Nachmittagsausflug nach Appenzell.» Die beiden engagieren sich unentgeltlich für das «Nordklang» und setzen für die Woche hier Ferientage ein. «Die ‘Nordklang-Sessions’ sind ein sehr schöner, aber auch aufwändiger und teurer Programmpunkt. Deshalb können wir das nicht jedes Jahr realisieren. Jetzt nach der Corona-Pause ist es natürlich besonders schön», sagt Steffen Wöhrle. Schon 2014 und 2016 wurde die Songs hier in der Gruppenunterkunft geschrieben. Haus und Ort eignen sich laut Roar Amundsen sehr gut für das musikalische Experiment: «Hier stören wir niemanden, die Aussicht ist wunderschön und wir sind ein gutes Stück von den Ablenkungen der Stadt entfernt.»
«Nicht das ganze Lied?» Luna Ersahin blickt fragend zu Riana am Keyboard, während sie ihr eigenes Instrument zur Hand nimmt. «Das ist eine Saz, eine Langhalslaute. Ich habe türkische Wurzeln», erklärt sie. «Das wäre etwas lang, oder?», antwortet Riana. «Stimmt», meint auch Mattiu. Die drei einigen sich auf einen Startpunkt und beginnen zu singen. Eine Zusatzrunde für die Kamera. Und ein kleines Privileg: Der Song ist erst wenige Stunden alt. Ausser den Musizierenden hat ihn noch niemand gehört. Die drei singen nacheinander: Luna auf Dänisch, Riana auf Schweizerdeutsch, Mattiu auf Romantsch. Der Journalist versteht nur den mittleren Teil und fragt später nach der Bedeutung: «Wir haben unsere Texte nach dem Einstudieren der Melodie separat geschrieben. Beim Übersetzen fiel uns dann auf, dass sie erstaunlich gut zueinanderpassen: Luna singt vom Aus- und Aufbrechen, ich beschreibe den Weg und Mattiu sucht nach der Kraft durchzuhalten.»
Kontakte knüpfen
Wer mit wem diese Sessions bestreitet bzw. neue Songs schreibt, bestimmt Roar Amundsen. Als musikalischer Leiter ist er für die Einteilung zuständig. So schwierig wie das tönt, ist es aber gar nicht zwingend: «Natürlich hat jede und jeder einen eigenen Stil. Aber sie hätten zu dieser Woche gar nicht ‘Ja’ gesagt, wenn sie nicht offen für Neues wären. Am wichtigsten ist, dass man sich auf die Gruppe einlässt und das eigene Ego zurücksteckt.» Während des Gesprächs löffelt Amundsen seine Suppe aus. Normalerweise stünde nach dem Mittagessen das Musizieren im Plenum auf dem Programm. Dabei spielen die Gruppen den am Vormittag geschriebenen Song allen anderen vor. «Dabei geht es aber nicht um Feedback oder Anpassungen. Das Lied bleibt, wie es ist.» Vielmehr steht dabei der Austausch im Vordergrund. Das gilt für die gesamte Woche hier im «Alpstein». «Das Beisammensitzen am Abend ist genauso wichtig wie die Sessions. Hier werden Verbindungen geknüpft, die oft länger als das ‘Nordklang’ halten», sagt Roar Amundsen. tiz
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Die Fotos stammen von Thomas Jensen. Er begleitet die Nordklang-Sessions mit seiner Kamera.

























