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Herr Staub, noch ist der Palmsonntag fast vier Wochen entfernt. Glauben Sie, Baba Sheikh wird anreisen können?
Stand heute kann man das noch nicht sagen. Während der letzten Tage sind an die 70 Raketen auf Erbil niedergegangen. Deshalb ist der Flughafen momentan gesperrt. Wir können nur hoffen, dass sich die Lage in den nächsten Wochen etwas beruhigt und das Reisen wieder möglich sein wird. Die Flugtickets sind auf jeden Fall gekauft.
Haben Sie denn schon etwas von Ihren Kontakten in Nordirak gehört?
Nicht direkt. Unsere Kommunikation läuft über unserer Partner der «Barzani Charity Foundation» (BCF). Sie haben uns auch von den Raketenangriffen berichtet.
Aus der Luft lässt sich keine echte Veränderung im Iran erwirken.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie vom Angriff auf das Mullah-Regime hörten?
Wie dumm. Das dachte ich wirklich. Ich frage mich: Haben die von all den gescheiterten Versuchen denn noch immer nichts gelernt? Mit Luftschlägen wurde noch nie ein Regime gestürzt. Wer Bomben ohne richtige Strategie wirft, hat nie nachhaltigen Erfolg. Im Gegenteil: Das ist brandgefährlich. Das sehen wir jetzt. Der Iran schlägt wild um sich und greift alles an, was er als «westlich» identifiziert. Und man darf nicht vergessen: Rund 20 Prozent der Iraner stehen hinter dem Regime, das extrem gut aufgestellt ist. Es zu stürzen, wird schwierig.
Sie befürchten also eine Wiederholung der jüngeren Geschichte: Der Westen interveniert, tötet, richtet Schaden an, zieht sich zurück und überlässt das Land dem Extremismus.
Genau. Wer Bomben säht, wird Hass ernten. Wie gesagt: Aus der Luft lässt sich keine echte Veränderung im Iran erwirken.
Was bedeutet das für den Nordirak, wo ihr mit «Hilfe für Kurdistan» aktiv seid?
Dieses Gebiet liegt direkt an der Grenze zum Iran. Jetzt gerade bedeutet das deshalb vor allem: viel Unsicherheit und neue Flüchtlingsströme. Aber eben auch Angriffe auf dortige US-Armeestützpunkte. Das alles schürt wiederum in der ganzen Region den «Hass auf den Westen». Ein Hass, der nicht allzu sehr differenziert. Was westlich ist, ist schlecht. Diese Entwicklung birgt sehr viel Zündstoff – wie wir aus der Vergangenheit wissen.

Was heisst das für eure Mission?
Die ist unverändert. Wir wollen mit unseren Konvois bzw. Hilfsgütern den Menschen in der Region helfen. Dabei konzentrieren wir uns auf die kurdische Region des Iraks. Wir bleiben bei dem, was wir kennen.
Sie waren auch schon im Nordirak auf Besuch und haben ein Gefühl für die Menschen und ihre Bräuche bekommen. Was ist Ihre Einschätzung: Werden wir eine «theologische Beruhigung» der Grossregion noch erleben?
Das glaube ich nicht. Aber das ist auch eine sehr grosse Frage. Wir müssen erstmal differenzieren zwischen der kurdischen Region bzw. der Jesiden, mit denen wir vor allem in Kontakt stehen, und dem arabischen Raum. Bei den Jesiden hat die Religion nie den Stellenwert, den sie im Staaten wie dem Iran hat. Das liegt auch an der Natur dieser Religion. Sie kennt keine heilige Schrift, sondern wird mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Und sie ist eher eine integrative und keine abgrenzende Religion. Auch wenn die Jesiden mehrheitlich unter sich bleiben. Ihre Religion ist alt und hat sich von allen Glaubensrichtungen, die hier einmal «durchkamen», das rausgenommen, was gepasst hat: von den Ägyptern und Babyloniern, von den Juden, den Christen und schliesslich vom Islam. Hier werden Weihachten, Bayram und jesidische Feste gefeiert. Und die Jesiden sind ein sehr friedliebendes Volk.
Und was ist mit dem arabischen Raum?
Ich befürchte, dort wird der Kampf gegen den Westen noch lange weitergehen. Vor allem, wenn ebendieser «Westen» weiterhin solche Aktionen wie am Wochenende durchführt.
Schon wieder reden wir über eine tragische geopolitische Entwicklung. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Mich beschäftigt dieses globale Chaos sehr. Ich merke, wie die «Käseglocke», unter der wir Schweizer uns gerne verstecken, Risse bekommt. Ich bereite mich gerade auf das «Wort zum Tag» im Stab der Territorialregion 4 vor (Hinweis: Stefan Staub ist auch Armeeseelsorger) und wurde gebeten, etwas über den Umgang mit dieser Ungewissheit zu sagen.
Und?
Nun, als Christ liegt es nahe, den baldigen Karfreitag anzusprechen. Mir scheint es, wir befinden uns in einem «grossen Karfreitag». Und wir müssen uns darauf besinnen, dass diese Nachrichten nicht alles sind. Also eine Rückbesinnung auf etwas Grösseres – oder eben den Glauben. Das ist der einzige echte Hebel gegen Frustration und Hoffnungslosigkeit.
Wenn Sie schon von Ostern sprechen: Worauf verzichten Sie während der Fastenzeit?
Auf Alkohol und Süsses. Mit einer kleinen Ausnahme am Sonntag (lacht).