Trotz der Verspätung von 10 Minuten des Zugs von St.Gallen nach Uzwil erreicht die eindrückliche Gruppe ihr Ziel «Jonschwil Winkel» per Bus fast pünktlich. Dank der Platzreservierung wartete das Postauto in Uzwil auf die angekündigten Wandersleute.
Heiliger Martin
In gewohnter Manier begrüsst Walter Bosshard die Wanderinnen und Wanderer in Jonschwil und gibt ein paar Informationen zum Dorf. Unter anderem zeigt er das markante Wappen der Gemeinde. Der heilige Martin zu Pferd, der seinen Mantel mit dem Schwert zerschneidet, um ihn mit dem frierenden Bettler zu teilen. Die Basis dafür bildet das mittelalterliche Kirchsiegel der Martinskirche Jonschwil (814).
«Genau dieses Motiv prägte die alte Hunderter Note von Graphiker Pierre Gauchat. Sie war zwischen 1957 und 1980 in der Schweizer im Umlauf.» Den meisten Anwesenden ist sie in guter Erinnerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg war dieses Motiv ein starkes Sinnbild für Menschlichkeit, Solidarität und Hilfsbereitschaft und ist damit wieder sehr aktuell.





Verschwundene Burg
Etwas weiter oben sehen die Wandernden eine Statue auf einem kleinen Hügel. Mägi Koller informiert über den Gedenkstein, der an die Burg erinnert, die hier einst thronte. «Diese ist auf alten Karten als Regenberg oder Regenburg eingetragen. Mauerspuren oder Gräben wurden jedoch keine gefunden.»
Die Statue wird mit dem Mönch Notker, «dem Stammler» (gestorben 912), in Verbindung gebracht. Er war der Sohn der Adelsfamilie, die ihren Sitz auf der Burg hatte. Der Mönch kam mit einem Zahnfehler auf die Welt und konnte nicht richtig sprechen. Den Beinamen «der Stammler» gab er sich selber. Schon als Kind kam er ins Kloster nach St. Gallen und wurde in klassischen Sprachen und Literatur ausgebildet. Er erlangte vor allem mit seiner Lebensbeschreibung von Karl des Grossen Berühmtheit. Später wurde er Leiter der Klosterschule, war literarisch und musikalisch tätig und führte das Kloster zu grosser Blüte.
Erst 1495 wird die Burg Jonschwil wirklich fassbar. In jenem Jahr soll ein Bauer mit der Wehranlage belehnt worden sein, die damals aber bereits zerfallen war.










Bunt, farbig
Überall, vom Regenberg, via Hori, Oberhori, dem Katzentobel, durch den Wildbergwald ist das bunte Laub der Bäume und Sträucher zu bewundern. Ein Teil davon raschelt unter den Schuhen. Natürlich wären die Farben bei Sonnenschein noch kräftiger. Der Nebel ist zum Glück nur so dicht, dass die nähere Landschaft ihre Schönheit doch noch zeigen kann. Oben auf dem Wildberg (ca. 800 m.ü.M.) sei die Aussicht wunderschön, berichten Walter und Mägi. Sie haben die Vorwanderungen jeweils bei schönstem Wetter gemacht.









Im Restaurant Wildberg werden wir zum Mittagessen erwartet. Auf der Eingangstüre steht geschrieben: heute geschlossene Gesellschaft. Ausser dem Stammtisch ist das heimelige Restaurant mit der Gruppe gut gefüllt.
Nach dem leckeren Hackbraten mit Karotten und Polenta oder den gefüllten Röstitaschen gönnen sich viele noch einen Kaffee und ein Stück «Schlorziflade». Eine herzliche Umarmung und ein grosses Danke, von der aus Sibirien stammenden Chefin, beim Verlassen des Restaurants, ist eine einmalige Erfahrung. Sie zeigt auf berührende Weise, wie bunt die Welt, entgegen aller gemachten Meinungen, ist.
Würdigung
Seit 20 Jahren ist Walter Bosshard Mitglied der Wandergruppe. Zwischen 2012 und 2022 führte er die damalige Seniorenwandergruppe als Obmann. Seit 2008 wandert auch seine Partnerin Mägi Koller mit, die kurz nach ihrem Eintritt begann, eigene Wanderungen zu leiten. Zusammen haben sie in fast 20 Jahren unzählige Wanderungen geplant, vorgewandert, geleitet und auch Wanderferien durchgeführt. Sogar im Abschiedsjahr 2026 haben sie vier Wanderungen geleitet. Der offizielle Abschied wird am Jahres-Höck im Lindensaal am 3. Dezember gefeiert werden – auf den Tag genau am 86. Geburtstag von Walter.
Heute bekommen die beiden lange anhaltenden, sehr herzlichen Applaus der anwesenden Mitglieder. Die Wehmut ist bei ihnen zu spüren, aber auch ein Gefühl der Erleichterung. Dies verwundert wenig, wenn man bedenkt, welches Engagement und wieviel Energie hinter jeder einzelnen Wanderung steckt. Dazu kamen in ihrem Fall elf Jahre Gesamtverantwortung.

Am Wegrand
Heute ist gewissermassen auch ein Wandertag der Begegnungen. Nebst den vielen Kühen, Pferden -mit und ohne Kutsche –, davonrennenden Schafen, dem liebesbedürftigen Bläss hinter dem Staketenzaun, begegnen die Wandernden auch imposanten Pferdestärken auf Rädern. Bauern sind mit Futtermais unterwegs und Forstunternehmen häckseln Holz am Wegrand. Die Hinterräder der Traktoren sind auf jeden Fall erheblich höher als die Köpfe der grössten Wanderer.
Eine tragische Erinnerung zeigt uns Walter Bosshard kurz nach dem Süsackwald, unten im Gebiet Seewadel. Ein ehemaliges Munitionsdepot der Schweizer Armee wird heute privat genutzt.
Am 10. November 1942 (Walter war damals knapp 2 Jahre alt) wurde hier der 23-jährige Ernst Schrämli wegen Landesverrats erschossen. Nach ihrem Ausgang mussten 16 Soldaten kurzfristig ins Freie treten. Sie hätten den Todeskandidaten und Tagträumer persönlich gekannt. Alle hätten gezittert, einige geweint. Die Hälfte der Soldaten sollen scharfe Munition, die anderen Platzpatronen erhalten haben. So wird ein in der Nähe wohnhafter Bauer, namens Wenger, im Jonschwiler Jahrbuch 2012 zitiert.
Geblendet vom Scheinwerferlicht hätten die Soldaten geschossen. Schrämli war einer von 17 Landesverrätern, die im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz hingerichtet wurden.
Der Film «Landesverräter», von Michael Krummenacher (2024), lief am 30. August 2026 im Schweizer Fernsehen: Landesverräter – Schweizer Film – Play SRF.
Geschichte und Aktualität geben sich die Hand. Unsere Wanderung endet zum Glück weniger dramatisch. Angekommen am schönen Bettenauer Weiher, auf dem zwischen Juni und Oktober Hunderte weisser Seerosen blühen, trennen sich die Teilnehmenden. Die einen besteigen bereits hier den Bus. Die anderen wandern ihre 12 km via Frohe Aussicht, Forenwald, Schlüechti, Cholplatz, Freudenberg hinunter zum Bahnhof Uzwil. Von hier reisen auch sie, nach einem Wandertag voller Eindrücke und Emotionen, heimwärts. Dies mit grosser Dankbarkeit im Herzen für den jahrelangen Einsatz von Walter und Mägi für ihre Wandergruppe.

















