Karin Sutter
Seit April sind in der Bibliothek Bilder von einem besonderen Künstler ausgestellt. Van Hai Tran bearbeitet Acrylschichten mit seinen Linolschnitzmessern und erzeugt Bilder, die durch ihre Struktur und Farbe im Licht ihre Wirkung erzielen. Er hat diese Schnitztechnik nicht erfunden, aber weiterentwickelt und verfeinert.
Van Hai Tran lebt seit 2017 mit seiner Familie in Niederteufen. Der gebürtige Vietnamese flüchtete im Alter von drei Jahren gemeinsam mit seinen Eltern und zwei Brüdern mit dem Boot nach Malaysia. Durch die Unterstützung der UNHCR und der Caritas Schweiz kam die Familie 1990 in die Schweiz nach Ebnat-Kappel. «Im Nachhinein gesehen war es ein Glück, dass meine Familie als politische Flüchtlinge von Vietnam in die Schweiz kam. Viele vietnamesische Flüchtlinge hofften damals auf ein neues Leben in Amerika oder Kanada, doch unsere Familie wurde durch internationale Hilfsorganisationen der Schweiz zugeteilt.»
In Ebnat-Kappel besuchte Van Hai Tran die Schule, absolvierte eine Maurerlehre bei der Pozzi AG in Wattwil und bildete sich später zum Baupolier weiter. Heute arbeitet er bei der Mahler AG in Niederuzwil. Die handwerkliche Arbeit und das präzise Arbeiten mit verschiedenen Materialien begleiten ihn aber nicht nur im Beruf, sondern auch in seiner Kunst. Schon immer zeichnete und malte er gerne. Von Anfang an faszinierte ihn, dass man Acryl nicht nur malen, sondern auch bearbeiten und formen kann, um Tiefe und Struktur zu erzeugen. Dabei trägt er 40 und mehr Acrylschichten übereinander auf, welche einzeln getrocknet gelassen und anschliessend mit einem Schnitzmesser bearbeitet werden. 2021 stiess er während Corona auf Instagram auf die Künstlerin Hannah Jensen und schrieb ihr interessiert. «Mit Freude lud sie mich ein, an einem ihrer Workshops teilzunehmen.» Da sie in Neuseeland zu Hause war, wurden es dann kein Besuch, aber dafür viele wertvolle Tipps online. Diese Anregungen haben ihn motiviert, seinen eigenen Stil weiter auszubauen und die Technik zu verfeinern. Über die Jahre ist so seine persönliche Ausdrucksform entstanden, bei der Farbe, Struktur und Lichtwirkung eine zentrale Rolle spielen.
Die ausgestellten Bilder in der Bibliothek sind mit einer Ausnahme alle rund. Auf die Frage warum rund, meinte Van Hai Tran: «Weil es mir gefällt. In der asiatischen Kultur muss alles harmonisch, klar und strukturiert sein und bei einem runden Format kommen die Sujets besser zur Geltung.» Ideal sind Sujets mit Strukturen wie Blumen mit ihren Feinheiten oder Drachen und Schlangen mit ihren Schuppen. Seine neuste Idee ist: Landschaften und Berge.
Vor Ort in der Bibliothek Teufen bearbeitet er ein bekanntes Sujet. Die Sicht Richtung Säntis von der Terrasse des Gasthauses Forelle aus mit Seealpsee und Agathe-Platte. Dabei hat er sich für weiss entschieden, 80 Schichten weisser Acryllack, immer getrocknet bevor die nächste Schicht aufgetragen wird. Bei maximal drei Schichten pro Tag beträgt die Vorbereitung bereits einen Monat. Das Schnitzen braucht dann nochmals viel Zeit: «Ich hoffe, dass ich bei ein bis zwei Stunden pro Tag bis Ende Jahr fertig bin.»
Van Hai Tran liebt sein künstlerisches Wirken als Ausgleich zu seiner Arbeit. Im Laufe des Morgens hat sich auf dem Teppich einiges an Schnitzgut angesammelt, welches er behält. So wie wir ihn kennengelernt haben, wird daraus bestimmt auch ein einzigartiges Kunstwerk entstehen.
Hinweis: Die Bilder von Van Hai Tran können noch bis Ende Juni in der Bibliothek besichtigt und auch erworben werden.









