Für einmal sitzt nur einer am runden Tisch. Es ist Dienstag, Ruhetag in der «Ilge». Wirt und Küchenchef Köbi Inauen hat den «Blick» vor sich und trinkt einen Kaffee. «Der muss mir noch etwas beim Wachwerden helfen», sagt er. So ganz glaubt man es ihm nicht. Wer nämlich morgens unterwegs ist, sieht Köbi Inauen regelmässig lange vor 8 Uhr über den Dorfplatz spazieren. «Stimmt. Ich stehe immer früh auf. Egal, wie streng der Abend war. Früher haben mir sogar mal drei Stunden Schlaf gereicht. Aber diese Zeiten sind vorbei», sagt er, grinst breit und nimmt einen Schluck Kaffee. Diese Chrampfer-Mentalität wurde ihm in die Wiege gelegt – er ist ein Bauernsohn. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in Weissbad, später zog die Familie nach Bühler. Dort absolvierte Köbi Inauen dann auch seine Metzger-Lehre, im «Ochsen». Darauf folgten eine Anstellung in Appenzell, die RS und schliesslich der Wechsel nach Teufen – zur Dorfmetzgerei Höhener. «Für meine Arbeit dort wurde ich oft gerühmt. Insbesondere für die Wurstwaren.» Welche mag er eigentlich selber am liebsten? «Eine gute Siedwurst. Am besten roh.»
Inzwischen hatte er auch seine Ursula (Koch) kennengelernt. Im Ausgang, im «Falken» in Eichberg. Die beiden liessen nichts anbrennen: 1988 wurde geheiratet, 1989 kam Thomas, 1991 Nadja zur Welt. Im Jahr 1993 hatten die zwei jungen Eltern also eigentlich alle Hände voll zu tun. Trotzdem entschieden sie sich, das «Beckenhüsli» zu übernehmen. «Ich kannte die Beiz von früher. Wenn das ‘Café Graf’ und der ‘Hirschen’ im Bühler zu waren, bin ich mit meinen Vater und seinen Jass-Kumpel ab und zu dort hoch.»
Hier sammelten die beiden nun also ihre ersten Erfahrungen als Wirtepaar. Wohlgemerkt: Ganz nebenbei. Köbi Inauen hatte zur Vorbereitung während der Ferien einen Wirtekurs absolviert und am Wochenende in der Küche der «Brauerei» in Stein ausgeholfen. «Ich musste ja auch etwas kochen können.» Ursula brachte zusätzlich einiges an Gastronomieerfahrung mit. Sie hatte die Hauswirtschaftslehre absolviert und im Kronberg-Restaurant gearbeitet. Aber das «Beckenhüsli» war kein Vollzeitjob. Also arbeitete Köbi Inauen weiter in der Dorfmetzgerei, kochte am Mittag oft für die Gäste im Restaurant und eilte danach wieder hinunter zum Fleischwolf. «Damals blieb oft keine Zeit für ein vernünftiges Essen. Aber das hat uns nicht gestört. Wir waren sowieso immer unter Strom.»
Auch die Geburt des dritten Kindes Marina im Jahr 1995 brachte die beiden nicht aus der Ruhe. Erst als sechs Jahre später auch noch die Zwillinge Daniel und Melanie dazustiessen, «mussten wir es etwas langsamer angehen lassen». Sie hörten auf zu wirten, Köbi Inauen wechselte in die Frohsinn-Metzgerei im Speicher und Ursula arbeitete auf der «Waldegg» und in der «Linde» Teufen. Bis im Herbst 2005 das Telefon klingelte. «Renate war dran. Eine Bekannte aus Beckenhüsli-Zeiten. Sie meinte, wir müssten uns die Ilge anschauen, Vreni und Hans Zellweger wollen verkaufen. Irgendwie war sie überzeugt, dass wir die richtigen dafür wären.» Die erste Besichtigung war an einem Montag. Am Mittwoch baten sie um einen zweiten Durchgang. «Das Gebäude ist so verwinkelt, dass ich mir gar nicht alles merken konnte», erinnert sich Köbi Inauen. Nach dem zweiten Durchgang war dann aber alles klar. Die «Ilge» wechselte per Handschlag den Besitzer. Auch dank der Grosszügigkeit von Vreni und Hans Zellweger: «Wären sie uns nicht entgegengekommen, hätte wir das nie finanzieren können. Ihnen verdanken wir sehr viel.» Aber: Die Arbeit mussten die zwei dann doch alleine erledigen. Und das war viel. «Für so etwas muss man schon gemacht sein. Hier bleibt vieles an uns beiden hängen. Und der Appenzeller meistens an mir», sagt Köbi Inauen mit Schalk in den Augen. Nach und nach bauten sich die beiden eine treue Stammkundschaft auf – auch heute noch ist die «Ilge» oft bis auf den letzten Platz besetzt. «Hüür sind wir 20 Jahre hier. Und es läuft immer noch sehr gut.» Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? «Man muss Freude am Job haben, für die Gäste da sein. Nach dem Motto: Einfach, gut und vor allem genug.»
Das haben Köbi und Ursula Inauen während der letzten zwei Jahrzehnte offensichtlich geschafft. Noch denken die zwei auch nicht ans Aufhören. Obwohl: Nächstes Jahr wird Köbi Inauen 60 Jahre alt. Und eines ist jetzt schon klar: Ein Duo wie Ursula und Köbi werden sie so schnell nicht finden.
Die Ilge-Sauce
Sie gehört genauso zur «Ilge» wie Köbi und Ursula Inauen: die Ilge-Sauce. Köbi Inauen produziert pro Woche 25 Kilogramm davon – für das Restaurant und den Verkauf. Das Rezept dafür gelangte einst durch Zufall in seinen Besitz. Damals hiess sie noch «Teufelssauce», ein Überbleibsel eines inzwischen verstorbenen Wirtes des «Schaugenbädli». «Als wir den ‘Heissen Stein’ einführten, fiel mir ein, dass ich dieses Rezept noch in der Schublade habe. Zum Glück!»