«Ruhe bewahren ist alles»

11.02.2026 | Nerina Keller

Er lacht freundlich von der letzten Seite der Februar-Ausgabe der Tüüfner Poscht: Dr. med. Hanspeter Betschart von der Berit Klinik. Der 40-Jährige ist seit vier Jahren Chefarzt der Berit Sportclinic in Speicher. Und «Chief Medical Officer Swiss Olympic». Derzeit befindet er sich in Predazzo im Val di Fiemme. Dort betreut er Athletinnen und Athleten während der Olympischen Winterspiele und leitet ein rund 44-köpfiges Team. Der TP hat Hanspeter Betschart am Tag vor der grossen Eröffnungsfeier am Telefon erzählt, wie ein typischer Tag als oberster Arzt der Schweizer Delegation bei den Winterspielen aussieht, warum Ruhe bewahren mehr als die halbe Miete ist und wovor er sich am meisten fürchtet.

Der Telefontermin ist auf 8 Uhr morgens angesetzt. Bereits bei der Verabredung des Gesprächs schreibt Hanspeter Betschart zu freien Zeitfenstern: «Ist halt immer ein wenig schwierig zu sagen, könnte natürlich immer Notfälle geben, dann müssten wir den Termin kurzfristig verschieben.» Als Chefarzt bei einem der wichtigsten sportlichen Anlässe des Jahres ist er viel gefragt. Und immer zur Stelle, wenn es ihn braucht. An diesem Morgen klappt es aber zum Glück auf Anhieb.

Herr Betschart, wie geht es Ihnen?

Mir geht’s gut, danke. Ich mache gerade ein paar Büroarbeiten. Die ersten Tage sind meistens etwas stressig, bis es dann so richtig losgeht und sich alle eingefunden und etwas orientiert haben. Einige Veranstaltungen haben schon stattgefunden. Aber die grosse Eröffnungsfeier ist erst morgen Abend in Mailand.

Sie sind «Chief Medical Officer Swiss Olympic». Können Sie kurz erklären, was das heisst? Für alle, die nichts mit Spitzensport und Medizin zu tun haben …

Eigentlich heisst das auf Deutsch nichts anderes als Chefarzt von Swiss Olympic. Ich bin Teil des Führungsteams von Swiss Olympic und hauptverantwortlich für das medizinische Team. Das sind neun Ärztinnen und Ärzte, 34 Physiotherapeuten und -therapeutinnen und Osteopathen. Zudem haben wir auch noch eine Notfallpsychologin im Team. Wir sind jetzt alle auf die unterschiedlichen Austragungsorte verteilt und tauschen uns aus.

Wie sieht so ein typischer Tag als Chefarzt von Swiss Olympic bei den Winterspielen aus?

Das Credo von mir als Arzt ist grundsätzlich: Es ist ein gutes Zeichen, wenn ich mit dem Wecker aufstehe. Und nicht, weil das Telefon klingelt oder jemand an die Tür klopft und Hilfe braucht. Mich hat heute Morgen aber die Kirchenuhr von Predazzo geweckt. (lacht)

Es ist ein gutes Zeichen, wenn ich mit dem Wecker aufstehe. Und nicht, weil jemand an die Tür klopft.

Und dann?

Wenn es keine Notfälle gibt, setze ich mich am Morgen erstmal etwas an den Laptop und erledige Administratives, wie etwa das Nachführen von Statistiken für das Internationale Olympische Komitee. Anschliessend kommt es sehr drauf an, was an diesem Tag ansteht. Wenn Trainings oder Wettkämpfe stattfinden, gehe ich zur Austragungsstätte. Es ist wichtig, dass ich da vor Ort bin. Gerade zu Beginn der Spiele bin ich auch noch oft damit beschäftigt, mir einen Überblick zu verschaffen, was die Infrastruktur betrifft: Wo sind die nächstgelegenen Spitäler, und wie sieht es mit Ambulanzen und der Rettungskette aus? Dafür stehe ich auch in Kontakt mit den lokalen Rettungsbehörden.

Klingt nach viel Multitasking.

Das ist schon so. Ich bin grundsätzlich da, wenn es mich braucht. Eigentlich immer auf Abruf. Alle medizinischen Belange haben aber natürlich Vorrang. Gestern Abend kam beispielsweise ein Athlet beim Abendessen mit einem kleinen medizinischen Problem auf mich zu. Dann kümmere ich mich zuerst um ihn.

Für welche Athleten und Athletinnen sind Sie denn zuständig?

Während der olympischen Spiele betreue ich direkt vor Ort in Predazzo Langlauf und Skisprung. Ansonsten habe ich beim Wintersport auch die Gesamtleitung für Nordisch und Bobfahren. Aufgrund der geographischen Begebenheiten gibt es bei diesen Winterspielen kein einziges, riesiges Olympisches Dorf. Die Wettkämpfe finden in Mailand, Bormio, Livigno, Cortina, Antholz und eben Tesero/Predazzo statt. Als Chief Medical Officer stehe ich in Kontakt mit allen medizinischen Teams an den anderen Standorten und tausche mich mit Ihnen aus.

Wie muss man sich das vorstellen dort in Predazzo?

Das Olympische Dorf in Predazzo befindet sich in einer Polizeischule. Dort sind von der Schweizer Delegation die Skispringer einquartiert. Bei den Langläuferinnen und -läufern sind Infekte während der Olympischen Spiele immer ein grosses Thema. Sie sind deswegen in einem Hotel untergebracht.

Weil sie dort weniger erkranken?

Ich sage mal so, man kann die Situation besser kontrollieren. Wir versuchen, den Langläuferinnen und Langläufern ein optimales Setting zu bieten, um sich vor Infekten zu schützen. Da ist die Hotel-Wahl eine der Massnahmen. Olympische Dörfer, bei denen auf kleinstem Raum unzählige Menschen am gleichen Ort essen etc., stellen diesbezüglich ein grösseres Risiko dar, einen Infekt zu erwischen.

Und wie ist die Stimmung bei einem solchen Grossanlass?

Hektische Zeiten gibt es natürlich auch hier immer mal wieder. Einige Athleten und Athletinnen sind nervös und eine gewisse Anspannung ist spürbar. Sie trainieren über 4  Jahre auf diesen Event hin. Umso wichtiger ist es, dass wir als Staff die Ruhe bewahren und unsere Aufgaben routiniert erledigen und ihnen so Sicherheit geben können.

Es ist wie so oft im Leben: Rumschreien und allzu nervös werden macht nichts besser.

Und was könnte Sie denn trotz aller Vorsätze aus der Ruhe bringen?

Für mich wäre eine Virus-Epidemie ein schlimmes Szenario. In der Vergangenheit war Covid ein grosses Thema. Gestern gab es Meldungen zum Ausbruch des Norovirus im Olympischen Dorf in Mailand. Damit muss ich mich als Chefarzt von Swiss Olympic natürlich auseinandersetzen. Aber auch hier versuche ich, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Es ist wie so oft im Leben: Rumschreien und allzu nervös werden macht nichts besser.

Das stimmt, aber ganz einfach ist das ja dann trotzdem nicht immer.

Nein. Und auch ich habe Emotionen. Aber meine Erfahrung zeigt, dass es notwendig und sehr wertvoll ist, ruhig zu bleiben. Auch bei Verletzungen und Notfällen.

Was hilft Ihnen dabei?

Ich versuche, auch ab und zu Zeit für Sport zu finden. Das tut mir gut und ist mir sehr wichtig.

Und wie oft klappt das?

Bis jetzt noch nicht so wirklich. (lacht) Gestern brauchte ich nach rund drei Tagen mal wieder etwas Bewegung und bin zum Joggen aufgebrochen. Nach zweieinhalb Kilometern hat aber mein Telefon geklingelt und das war’s dann mit Joggen. Das Handy muss halt immer dabei sein. Aber ich versuche, den Sport einzubauen.

Hat es bei Ihnen in Predazzo eigentlich Schnee?

Seit ich hier bin, schneit es. Und auch in Cortina hat es sehr viel Schnee.

Zum Schluss würde ich noch gerne wissen: Welche ist ihre Lieblingsportart bei den Winterspielen? Diese Frage bekomme ich oft gestellt. Und ich tue mich etwas schwer damit. Seit 2011 betreue ich die Langläufer und -läuferinnen und kenne somit alle Athleten dieser Disziplin, seit sie den Kaderstatus bei «SwissSki» haben. Das gibt eine gewisse Verbundenheit. Zu den Favoriten gehören aber natürlich alle Sportarten die ich direkt betreue. Aber der Langlauf liegt mir dann doch noch etwas näher. Ich komme selbst aus dem Ausdauersport. Hobby, Passion, Beruf – das ist ein bisschen alles in einem.

Dr. med. Hanspeter Betschart hofft vor allem, dass es keine Virus-Epidemie gibt bei den Spielen.

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