Zwischen Meditation und Bauchschlägen

14.12.2023 | Timo Züst
Kung_Fu (9)

Seit acht Jahren unterrichtet Marc Zehnder Kung Fu in Teufen. Am Samstagmorgen wird im Klötzlikeller der Turnhalle Landhaus mit Fäusten, Schwertern, Holzstäben oder Backsteinen trainiert. Die TP war dabei.

«Jetzt verwandeln wir den Klötzlikeller in einen Tempel.» Es ist 9 Uhr an einem Samstagmorgen im November. Die ersten Schüler von Marc Zehnder sind bereits hier und wärmen sich auf. Er richtet gerade einen kleinen, provisorischen Altar ein. Mit Magneten hängt er ein Foto seines «Sifu» auf. «Ich habe bisher noch niemanden getroffen, der ihm kampfsporttechnisch das Wasser reichen kann», sagt er. Als «Sifu» wird im Kung-Fu-Sprachgebrauch der Meister bezeichnet. Im Fall von Marc Zehnder ist das der vor drei Jahren verstorbene Jürg Ziegler. Der Kung Fu-Grossmeister war eine Koryphäe und beherrschte diverse Kampfkünste auf höchstem Niveau. «Kung Fu, Wing Chun Hapkido oder die Filippino Material Arts: Bei allen hatte er den zehnten Dan bzw. den höchsten Meistergrad.» Neben den Fotos von Jürg Ziegler platziert er auch eins von B.C. Kang und dem Abt Sek Koh Sum. Die beiden gelten als Mitbegründer der Süd-Shaolin Lohan Kung Fu-Schule. Diesen Stil unterrichtet Marc Zehnder hier in Teufen seit acht Jahren. Bevor das Training aber losgeht, zündet er noch einen Räucherstab an und verneigt sich kurz vor dem «Altar». Eine Geste, die seine Schülerinnen und Schüler später beim Verlassen des Raumes wiederholen werden. «Wir zollen damit unseren Meistern und Vorgängern Respekt.»

Beweglichkeit und Kraft

Nur die Outfits sind einheitlich. Ansonsten ist es eine durchmischte Truppe, die sich fürs Erwachsenen-Training besammelt: sieben Männer, zwei Frauen, 14 bis 53 Jahre alt. Der 15-jährige Yuri gehört zu der jüngeren Hälfte. Er wird beim Eintreten von Meister Marc Zehnder gelobt: «Du bist momentan richtig gut unterwegs, immer dabei. Schön, dich zu sehen.» Yuris Interesse am Kung Fu deckt sich mit dem der anderen Anwesenden: «Es hat ein bisschen etwas von allem: Kraft, Beweglichkeit, Härte, Ruhe.» Dem stimmt der 38-jährige Marco aus Stein zu. «Es ist ein Rundum-Training und eine super Aktivität fürs Jungbleiben.» Nach der Begrüssung wirft der Meister einen Blick aufs iPad. Darauf hat er das Programm der anstehenden Lektion gespeichert. Erster Punkt: Beweglichkeits- und Entspannungsübungen im Kreis. Nach dieser kurzen Auflockerung stellt Marc Zehnder die Musik um: von leichten, meditativen Klängen zu treibender Trainingsmusik. «Holt euch bitte die Steine», sagt er. Die Schüle-rinnen und Schüler wissen genau, was jetzt kommt: der Reiterstand. Dabei gehen sie in die Hocke und heben gleichzeitig zwei Backsteine über den Kopf. Ziel ist, diese Haltung mindestens eine Minute beizubehalten. Darauf folgen Liegestützen, mehrere Rumpfkraft-Übungen – inkl. des «Schlafenden Buddha» – und «Sampo». Dabei wird der Backstein erst «um den Kopf» geschwungen und dann damit «schattengeboxt». «Bei diesen Übungen geht es natürlich in erster Linie um Kraft. Aber auch um geistige Abhärtung. Man soll dabei lernen, durchzuhalten und die Schmerzen zu ertragen», erklärt Marc Zehnder.

Mit Schwert und Stab

Viel Anweisungen braucht es nicht: «Dann könnt ihr gleich mit den Formen anfangen.» Die Schülerinnen und Schüler schliessen sich zu kleinen Gruppen zusammen und zeigen «ihre» Kung Fu-Formen. Dabei handelt es sich um eine Art Kampfsport-Choreographie. Je nach Niveau sind sie mehr oder weniger anspruchsvoll und werden von den Praktizierenden auch deutlich akzentuierter ausgeführt. «Man hört immer wieder: Was soll denn das nützen? In einem Kampf ist nichts so vorausschaubar! Aber darum geht es gar nicht. Ziel dieser Formen ist, die Abläufe und Bewegungen ‹intus› zu haben. Ausserdem ist es auch ein kognitives Training», erklärt Marc Zehnder. Er geht von Gruppe zu Gruppe, gibt Inputs und demonstriert Bewegungen oder Abläufe. Erst beim nächsten Programmpunkt ist er wieder voll im Training integriert: Beim Sam Sing Fat geht es darum, den Körper zu stählen. Dafür «testen» sich die Schülerinnen und Schüler mit einer definierten Abfolge von Schlägen und Tritten gegenseitig. «Wir tasten uns langsam an die Grenzen des Gegenübers heran, ohne zu übertreiben. Mit der Zeit wird man immer widerstandsfähiger, bis man bei einem Bauchschlag kaum noch zuckt.» Damit wären alle Teile eines Kung Fu-Trainings abgehakt: Ruhe, Beweglichkeit, Kraft und Härte. Aber natürlich beinhaltet die Shaolin Lohan Kung Fu-Schule noch viel mehr: klassische Selbstverteidigung mit Handtechniken und Fusstritten, diverse Anwendungen mit Waffen, Kraftausdauerübungen, Konzentrations- und Meditationstechniken, Atmungsübungen, Tai-Chi-Formen und sogar taoistische bzw. buddhistische Philosophie. «Alles können wir in einer Stunde halt nicht zeigen. Aber du kannst ja gerne wiederkommen», meint Marc Zehner mit seinem typisch breiten Grinsen. tiz

 www.koh-sum-shaolin.ch

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