Ein Sternenhimmel aus dem Kompost

05.08.2026 | Nerina Keller

Seit März arbeiten der Fotokünstler Martin Benz und Gestalterin Doris Willi im Garten von Marianna Hochreutener in Niederteufen. Als «Artists in Gardenresidence» haben sie die Möglichkeit erhalten, den parkähnlichen Garten der Liegenschaft Auf dem Stein 1253 frei zu interpretieren und in ihrem Schaffen zu spiegeln. Dieses Wochenende findet die Vernissage statt. Besuchende können auf einer Erkundungstour durch Garten und Haus die Werke entdecken. Es gibt aber auch Speis, Trank und Musik.

Doris Willi und Martin Benz haben von Marianna Hochreutener (rechts) eine Carte Blanche bekommen, was das künstlerische Schaffen in ihrem Garten angeht. Am Sonntag ist das Resultat dann für alle zugänglich. Fotos: nek

«Wir werden uns unter die Linde setzen», meint Marianna Hochreutener. «Dort ist es am angenehmsten.» An diesem Nachmittag ist es weiterhin heiss und drückend schwül. Der mächtige Baum bietet Schatten und ein Blätterdach, das später auch die ersten Regentropfen des kurzen Sommergewitters abhalten kann. Er ist 100 Jahre alt. Genau wie das stattliche Haus im Heimatstil, neben dem er steht. 1926 haben Hans Otto Rechsteiner und seine Frau Alice Rechsteiner-Brunner mit dem Architekten Anton Aberle das Anwesen gebaut. Seit 40 Jahren werden Haus und Garten nun schon von der Landschaftsarchitektin Marianna Hochreutener bewohnt und gepflegt. «Anlässlich dieses Jubiläums möchte ich den Garten nun einmal einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.» Am Sonntag ist es so weit.

Martin Benz und Doris Willi stecken an diesem Dienstagnachmittag davor noch mitten in den Vorbereitungen. Die beiden Kunstschaffenden aus Teufen haben den Garten während der letzten Monate kennengelernt und als Labor und Belichtungsobjekt genutzt. Seit März waren sie immer wieder zu Gast «auf dem Stein», haben Materialien geholt oder dort gearbeitet. Das Duo hat viele Cyanotypien hergestellt. Bei dem alten fotografischen Druckverfahren entstehen Bilder mithilfe einer Eisensalzlösung und Sonnenlicht. Wegen ihrer typischen tiefblauen Farbe werden sie auch «Blaudrucke» genannt. Einige dieser Bilder werden im Atelier des Hauses ausgestellt und können auch erworben werden. Ein sehr grosses Exemplar soll im Garten gezeigt werden. «Vielleicht da», meint Martin Benz und zeigt auf die Blutbuche neben der Linde. Die finale Ausstellung ist noch am Entstehen.

Einige Gegenstände haben Martin Benz und Doris Willi auch dort gelassen, um etwas Neues zu schaffen. So beispielsweise Lochkameras für Langzeitbelichtungen über mehrere Wochen oder Fotopapier. Letzteres hat Martin Benz im Kompost, der der Ausstellung ihren Namen gab, vergraben. «Das habe ich zuvor auch noch nie gemacht», sagt der Künstler, der gerne experimentell arbeitet. Das Resultat sei eine Art Sternenhimmel. Marianna Hochreutener konnte das entstandene Kunstwerk schon betrachten. «Es sieht wunderschön aus», freut sie sich. Der Kompost ist für sie Sinnbild für Um- und Abbauprozesse, die im Garten omnipräsent sind. «In einem Fingerhut voll Kompost leben mehrere Milliarden Mikroorganismen. Das ist faszinierend.»

Doris Willi hat sich während dieser Zeit unter anderem der Pigmentgewinnung gewidmet. Damit setzt sie sich seit rund einem Jahr intensiv auseinander. Diese stellt sie aus natürlichen Materialien her. In diesem Fall waren es Pflanzen und Früchte aus dem Garten von Marianna Hochreutener. 16 Pigmente sind so entstanden. Am Sonntag werden sie zusammen mit einer Art abstrahierten Karte des Gartens zu sehen sein. «So können gleich alle sehen, woher die Pigmente stammen», erklärt Doris Willi. Aus den Blättern einer violetten Rose hat sie beispielsweise ein grünes Pigment gewinnen können. Nicht selten ist das Pulver am Ende des Prozesses andersfarbig, als es die Blüten oder Blätter zu Beginn waren. «Ich weiss nie genau, was am Ende rauskommt.» Mittlerweile hat sie zwar einige Erfahrungswerte gesammelt. Eine Überraschung bleibt der Prozess trotzdem.

Beide haben es genossen, im wunderschönen Garten arbeiten zu können. Und: «Die ganzen Möglichkeiten des Gartens sind noch längstens nicht ausgeschöpft», sagt Martin Benz. Die Essenz der «Gardenresidence» liegt für sie in der Binarität von Schatten und Licht und all den vielen Stimmungen und Nuancen, die dazwischen liegen. Und auch das Warten, bis etwas wächst, bis geerntet werden kann, hat sie während der Zeit «auf dem Stein» begleitet. In der Natur braucht alles seine Zeit. Der Kompost braucht Monate, bis er Humus ist. Pflanzen durchlaufen jedes Jahr einen Zyklus, von der Winterruhe bis zur Blüte. Und das nicht immer zur selben Zeit. Die Felsenbirne war heuer zum Beispiel besonders früh reif. Doris Willi hat die Chance deshalb genutzt, und aus den Früchten ein Pigment gemacht.

Alle drei freuen sich auf möglichst viele Gäste und Gästinnen im Sommergarten am Sonntag. Die Vernissage beginnt um 11 Uhr mit einer Begrüssung und Einführung. Um 11.30 Uhr führt der Landschaftsarchitekt Roman Häne durch den Garten und die Gartenkulturgeschichte. Später folgen ein Apéro, ein Duduk-Konzert von Haïg Sarikouyoumdjian und eine «Teilete». Der Eintritt ist frei, es gibt eine Kollekte und die Möglichkeit, etwas für das Buffet mitzubringen. Weitere Informationen zu Besuchsmöglichkeiten und der Finissage am 15. August sind auf der Webseite des Vereins zu finden.

Der Verein «Auf dem Stein Performances»

«Auf dem Stein Performances – Raum für Kunst und Kultur» ist ein 2026 gegründeter, nicht gewinnorientierter Verein mit Sitz in Teufen. Der Vorstand, bestehend aus Marianna Hochreutener, zwei ihrer Nichten und dem Komponisten Charles Uzor möchte damit einen Raum schaffen, um sich mit unterschiedlichen Fragen und Themen zu beschäftigen. «Kunst & Kompost» ist der erste Anlass des Vereins, bei dem der Garten des 100-jährigen Hauses im Zentrum steht. In Zukunft sollen jährlich unterschiedliche Kulturevents, wie beispielsweise Musik- und Theaterproduktionen, Lesungen, Ausstellungen oder Workshops und Exkursionen stattfinden. Weitere Informationen finden Sie unter www.aufdemsteinperformances.ch

Der Garten in der Cyanotypie und die Cyanotypie im Garten. Die Werke und der Ort sind ein Spiegel ihrer selbst.

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