Durch dunkle Wasser

30.08.2021 | Timo Züst
Taucher (5)
Sebastian (Sebi) Högger in Vollmontur.

Im Boden des Areals «Bächli» befinden sich nicht nur rund 30’000 Kubikmeter Haushaltsabfälle (eingelagert von 1944 bis ca. 1972), sondern auch ein unterirdischer Bachverlauf. Der Leuenbach wurde hier einst in einem Rohr gefasst. Das ist ein Problem, denn das Wasser löst Giftstoffe aus dem Deponieboden. Das ARA-Team hat deshalb versucht, die Leitung mit einem Luftkissen zu blockieren. Doch als sich der «Ballon» plötzlich löst, steht es vor einem komplexen Problem.

Es ist der zweite Taucher-Einsatz. Der erste am vergangenen Freitag brachte keinen Erfolg. Es ist jetzt kurz nach 11 Uhr am Montagmorgen. ARA-Betriebsleiter Michael Stern steht seit drei Stunden auf dem Bächli-Areal im Regen. Nun hört er endlich das Geräusch, auf das er die ganze Zeit gewartet hat: Ein Ploppen gefolgt von einem lauten Zischen. «Yes! Endlich!» Die Erleichterung ist ihm anzuhören. Und auch aus dem Schacht dringt ein Freudenschrei nach oben – wenn auch leicht gedämpft. Denn zwischen dem Taucher Sebastian (Sebi) Högger und der Oberfläche befindet sich noch immer ein aufgepumptes Staukissen. Es füllt den Schachtring mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern komplett aus. Nur seine schwarze Oberfläche ist zu sehen. Und das ist das Problem: Das Kissen hatte die Aufgabe, das Wasser, das sonst durch das Rohr und die ehemalige Deponiefläche im Gebiet Bächli fliesst, aufzuhalten. Die Stauung hätte dazu geführt, dass es durch einen Überlauf in den zweiten Arm des Leuenbachs geleitet wird – ohne Kontakt mit der Deponie. Das ist wichtig, weil das Wasser Giftstoffe aus dem Deponieboden spült. «Alles können wir so nicht aufhalten. Wir vermuten, dass durch das beschädigte Rohr auch Grundwasser eintritt. Aber es würde schon viel bringen», erklärt Michael Stern. Ein guter Plan. Aber leider ging er schief. Denn das Kissen löste sich trotz platzgenauer Installation. «Vermutlich lag es am schnell steigenden Wasserdruck während der Gewitter.» Damit aber nicht genug: Der über zwei Meter lange und mit 1,5 Bar Luftdruck gefüllte «Ballon» kam in einer so unglücklichen Lage zum Stillstand, dass an das Ventil kein Herankommen mehr war. «Wir wussten sofort: Das geht nur von unten, durchs Wasser», so Stern.

Rettung statt Vandalismus

So ein Staukissen ist nicht billig. Fast 4500 Franken hat es gekostet. Der Preis hängt mit dem hochwertigen Material zusammen. Es besteht nicht nur aus Plastik und Neopren; die Haut des Kissens ist mit Kevlar verstärkt. «Einfach mit einem Messer ein Loch ‘reinzupiksen’ wäre also keine Möglichkeit gewesen. Klar: Wir hätten durchbohren können. Aber dann wäre das neue Kissen wohl Schrott», erklärt Michael Stern. Um dieses Szenario zu verhindern und Geld zu sparen (der Tauchgang kostet deutlich weniger), organisierte er einen Höhlentaucher: Der 43-jährige Sebi Högger aus Arbon. Er taucht seit 23 Jahren, leitet Schulungen und ist besonders gern in Höhlen unterwegs. «Die Oberfläche unseres Planeten ist mittlerweile fast vollständig erforscht. Aber von den Höhlen wissen wir kaum etwas. Dort kann man noch ‘Marco Polo’ spielen», sagt er. Das Tauchen ist aber nicht sein Beruf – er ist Integrations- und Persönlichkeitsveränderungs-Coach – es ist eine Passion. In Teufen ist er gelandet, weil er Michael Stern von einem gemeinsamen Bekannten empfohlen wurde. Eigentlich hat er gerade Ferien. Aber fürs Tauchen findet er immer Zeit: «Wichtig ist bloss, dass wir das heute erledigen. Morgen feiere ich Hochzeitstag.»

Schon am Freitag war er hier. Der Tauchgang an sich war keine grosse Herausforderung für ihn: Rund 30 Meter von Schacht zu Schacht in fast vollkommener Dunkelheit nur mit Taschenlampen und einer Leitschnur als Orientierung sind «easy» für ihn. Aber das Ventil des Staukissens war auch von unten nicht so einfach zu erreichen. Es wurde vom Luftdruck satt an die Schachtwand gedrückt. Die Lösung des gelernten Auto- und LKW-Mechanikers: Die Haut des Kissens mit Geissfuss, Wagenheber, einer Stahlschiene und einem Holzstück von der Wand weg zu sperren, um die Luft ablassen zu können. Über das Wochenende hat er sich das Werkzeug organisiert. Beim erneuten Abtauchen am Montagmorgen sagt er: «Das wird schon klappen. Positive Motivation. Man spielt auch kein Fussball, ohne gewinnen zu wollen.»

Vorbereitung ist alles

Die Logistik eines solchen Tauchgangs ist bemerkenswert. Schon das Anziehen dauert eine Viertelstunde. Sebi Högger trägt mehrere Schichten übereinander. «Da unten wird es ziemlich kalt.» Die äusserste Hülle, sein Taucheranzug, ist ein Spezialmodell aus verstärktem Material für anspruchsvolle Höhlentauchgänge. «Manchmal zwängen wir uns durch so enge Tunnel, dass wir überall am Felsen ankommen. Da braucht es das.» Dazu kommen: Taschenlampen, Helm, diverse Karabiner, zwei Pressluftflaschen (falls es dann doch länger dauert), Werkzeugtasche mit Hammer und Zangen, und die Sperr-Utensilien. Nach seinem Abstieg in den rund acht Meter tiefen Schacht lässt Michael Stern Stück für Stück der Ausrüstung am Seil nach unten. Sebi Högger muss seine Werkzeuge alle bei sich tragen. Am Staukissen ist kein Vorbeikommen. «Das Aufwandsverhältnis von Tauchen und Vorbereitung ist irgendwo zwischen 1:4 und 1:6. Und je länger und schwieriger der Tauchgang ist, desto intensiver die Planungsphase.» In diesem Fall ist die grösste Herausforderung das Öffnen des Ventils. Aber bei anderen Projekten – Sebi Högger hat auch schon drei ganze Tage in einer Höhle verbracht – gibt es noch viel mehr zu berücksichtigen. «Die grösste Gefahr ist natürlich das Wasser. Deshalb muss man das Wetter sehr genau beobachten. Und in der Höhle immer auf der Hut sein.»

Als es ihm nach etwas mehr als einer Stunde unter Wasser endlich gelingt, das Ventil zu lösen, ist ihm nicht mehr kalt. Von seinem Gesicht steigt der Dampf auf, als unter dem schrumpfenden Kissen schliesslich wieder sichtbar wird. Die Arbeit in Vollmontur verlangt ihm einiges ab. Aber die Freude überwiegt: «Ich sagte doch, wir kriegen das hin!» Es dauert noch eine Weile, bis er ausreichend Luft aus dem Kissen gepresst hat, um es an die Oberfläche zu hieven. Hier können Michael Stern und sein Team es nun für die erneute Installation vorbereiten. Dieses Mal soll es aber zusätzlich gesichert werden. «Dann kann es nirgends mehr hin.» Und während hier oben das Aufräumen beginnt, taucht Sebi Högger wieder zurück zur Leiter. «Den Rückweg kann ich jetzt noch geniessen. Die Arbeit ist ja erledigt.»  tiz

Mehr Informationen über Sebastian Högger finden Sie hier.

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