«Wenn jemand eine Reise tut, so kann er (oder sie) was erzählen.» Dieser 250-jährige Spruch trifft heute ziemlich ins Schwarze. Nach zwei Stunden Zugfahrt besteigen die Wanderlustigen in Schwanden den für sie reservierten Bus. Auf der Fahrt hinauf durchs enge Sernftal stechen die saftig grünen Wiesen ins Auge, als Kontrast zu denen im «Unterland». Je näher das Reiseziel in Elm rückt, je dunkler und schwerer sind die Wolken und es beginnt tatsächlich zu regnen. Genau das wünschen sich viele seit Wochen, aber nicht unbedingt an diesem Vormittag … Kurz vor 10 Uhr erreicht der Bus Elm. Draussen schüttet es wie aus Kübeln. Der Busfahrer hält Ausschau nach offenen Restaurants. Das erste hat heute Ruhetag. Mitten im Dorf steht auf der Eingangstüre beim Hotel Elmer, dass sie um 11 Uhr öffnen. Doch drinnen sehen wir Licht und fragen höflich, ob wir jetzt schon einen Kaffee bekämen? «Selbstverständlich», meint der Wirt. Und so genehmigen wir einen ungeplanten Start-Trunk im Trockenen. Wir sind gerettet; zumindest fürs Erste.









Elm bietet viel
Eigentlich wollte die Gruppe eine Besichtigung des 600-Seelen-Dorfes, 977 m.ü.M. machen. Es ist das hinterste Dorf im Sernftal (auch Chlytal genannt). Elm, bzw. «Elme» für Einheimische, ist ein Ski- und Sommerferiengebiet mit 35 Kilometer präparierten Skipisten und einer permanenten Rennstrecke auf 2000 m.ü.M. Die erfolgreichste Skifahrerin der Schweiz aller Zeiten – Vreni Schneider – ist Ur-Elmerin. Sie wohnt hier mit ihrer Familie und betreibt wenige Meter neben dem Hotel Elmer ein Sportgeschäft.
Und wer kennt es nicht? «DAS Martinsloch»
Im schönen Dorfkern gibt es zahlreiche, gut erhaltene Strick-Holzbauten. Sie stehen unter Denkmalschutz. Einzelne wurden mit dem Preis des Europarates und dem Wakkerpreis ausgezeichnet, wie z.B. das 600-jährige Ulrich Elmer Haus (Fotos vom Vorwandern).
An den Hängen oberhalb von Elm befindet sich zudem das älteste Jagdbanngebiet Europas, erstmals erwähnt 1548.
Und wer kennt es nicht? «DAS Martinsloch» Hier scheint an schönen Tagen zwei Mal im Jahr (12./13. März und 1./2. Oktober) die Sonne durch das Felsgebirge der Tschingelhörner direkt auf den Kirchturm und einmal alle 19 Jahre der Vollmond, letztmals 2025. Heute ist es leider nicht zu sehen. Aber auf einem früheren Foto kann man es entdecken, über der Nebelschwade, links der Kirchenuhr.
Die kleine Dorfkirche (1493) ist ihrerseits ein architektonisches Unikat (letzte Sanierung Juli 2026). Sie ist die einzige, rein gotische Kirche im Kanton Glarus. Die «Trauerstühle» hinten in der Kirche erinnern an eine uralte Elmer Bestattungs- und Trauertradition. Die «schwarz Angezogenen» (Trauerfamilie) sassen, getrennt der anderen Kirchgänger, hinten in der Kirche. Besonders Frauen und Mädchen hatten sich im Alltag, während einem Jahr, strikt tiefschwarz zu kleiden und mussten ihre Haare mit schwarzen Schleifen zusammenbinden. In der Öffentlichkeit zu singen, zu tanzen oder laut zu lachen war ihnen untersagt. Die Lebensfreude wurde für ein Jahr quasi «ausgesessen».
Etwas weiter hinten im Dorf befindet sich das Museum «Schiefertafelfabrik Elm». Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht um 1850 liess die Produktion von Schreibtafeln und Griffeln aufblühen. Der Schieferabbau war mehrere Hundert Jahre eine wichtige Einnahmequelle im Sernftal. Zuerst wurde dieser oberflächlich abgebaut, später vermehrt im Untertagbau. Weil man keine Erfahrung damit hatte, kam es am 11. September 1881 zum tragischen Stollen-Einsturz in Elm. Dabei wurden 114 Einwohnende unter den Felsmassen begraben; exakt 120 Jahre vor «9/11», «nine eleven 2001». Man liess damals im Berginnern keine statischen Säulen stehen.















Das Sernftal hinunter
Mit Verspätung auf den Zeitplan wagt sich die Wandergruppe nach der Stärkung unter das Vordach des Hoteleingangs. Unter leichtem Regen startet die Wanderung durchs Dorf und dann in verschiedenen Abständen dem Sernf entlang talwärts. Der Sernf ist 19 Kilometer lang und fliesst bei Schwanden in die Linth. Seine Farbe ist «schiefrig grau-weisslich». Ca. 1450 erstmals erwähnt, kommt der Name vermutlich von «tobend, wütend».
Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen. Doch kurz vor Mittag beginnt es erneut zu tropfen, unpassend für ein gemütliches Picknick. Dachunterstände für 30 Personen sind keine zu finden auf dieser Strecke. Wir teilen die Gruppe auf. Die grössere Hälfte findet Platz unter einem «gäbigen» Vordach mit Mauervorsprung zum Sitzen. Die anderen wandern wenige hundert Meter weiter zum Picknickplatz unter Bäumen. Zum Glück hört es wieder auf zu tropfen und alle können ihr mitgebrachtes Mittagessen geniessen. Sogar die Bänke unter dem dichten Blätterdach sind praktisch trocken geblieben.
Kurz von 13 Uhr treffen sich alle Teilnehmenden wieder, um sich einen Kilometer weiter unten, in Engi Landesplattenberg, in drei Gruppen aufzuteilen. Die einen fahren nach rund 8 Kilometern Wanderung mit dem nächsten Bus, via Schwanden nach Hause. Sechs Personen wandern eine halbe Stunde steil den Berghang hinauf, zum stillgelegten Schieferbergwerk, das sie besichtigen werden. 17 Teilnehmende wandern weiter talwärts. Von nun an wird das Wetter immer sonniger und wärmer, so wie wir es gewohnt sind diesen Sommer.
«Im» Landesplattenberg
Der Schieferabbau in Engi wurde 1565 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Damals verbot man Fremden das Graben nach Schieferplatten. Aufgrund der ungünstigen Transportbedingungen war der Abbau jedoch seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr konkurrenzfähig, denn die Platten mussten auf Saumtieren aus dem Tal nach Schwanden gebracht werden.
Ab 1826 führte eine erste Strasse ins Sernftal. Der Schieferabbau erlebte sofort einen Aufschwung, und das Land Glarus übernahm die Rechte des Schieferabbaus 1833. Damals entstand der neue Name des Schieferbergwerks «Landesplattenberg». 1855 wurde die Sernftalstrasse erweitert und der Schieferabbau intensiviert. Aus wirtschaftlichen Gründen musste das Schieferbergwerk 100 Jahre später, 1961 trotzdem stillgelegt werden.
Heute kann man es besichtigen und wird überrascht von seinen Dimensionen, Formen und Farben. Das stillgelegte Bergwerk ist ein Zeitzeuge des einheimischen Bergbaus und der Strapazen der damaligen Menschen, die für wenig Lohn fast Tag und Nacht im Dunkeln schufteten.
Ein Besuch ist auf jeden Fall ein Erlebnis. Das bestätigen alle, die sich für diese Variante entschieden haben. Mehr unter: plattenberg.ch









«Schönster Waldweg»
Für die «Langstrecken-Freunde» geht die Wanderung ab Engi, dem nördlichsten Dorf im Sernftal, weiter. Oberhalb des Kleinkraftwerks Mühlebach, beim Golf-Kurzplatz Engi, nutzt die Gruppe die leeren Tische und Bänke für einen kurzen Trinkhalt. Über die schöne Doppelbogenbrücke wechseln wir auf die andere Talseite. Der Sernf mit den grossen Steinen und der Steinbrücke erinnern uns fast ein bisschen ans Verzasca-Tal im Tessin.
Nun geht’s aufwärts bis Usserhöfli und dann durch eine längere Waldpassage mit vielen runden, bemoosten Steinen weiter hinauf. Dies wiederum erinnert uns an die schönen Waldwege in Flims. Die 14 Teilnehmenden kommen tüchtig ins Schwitzen, bevor es hinunter ins Dorf Engi geht. Bei der alten Weberei befindet sich die gleichnamige Bushaltestelle und gegenüber das kleine Hotel Hefti. Dort geniesst die Gruppe einen Schluss-Trunk, bevor es nach Hause geht. Die Wirtin meint: «ihr seid auf dem schönsten Waldweg des Glarnerlands gewandert. Dorthin gehe ich, wenn ich Ruhe und Nahrung für die Seele brauche».
Das Glarnerland hat wahrlich viel zu bieten. Einiges davon durften wir heute erleben – inkl. Morgendusche.
Nahrung in Form von Eindrücken und Emotionen haben wir heute reichlich erhalten und gehen gestärkt nach Hause. Und dabei haben wir noch gar nichts vom Glarner Ziger oder dem vor den Franzosen fliehenden, russischen General Suworow, der 1799 plündernd, mit 21’000 Soldaten das Sernftal hinauf marschierte, erzählt. Und auch nicht davon, dass nur knapp 5000 von ihnen den Marsch über den 2407 Meter hohen Panixerpass überlebten. Vom weltweit einzigartigen UNESCO Welterbe Sardona, mit seiner «magischen Linie» an der sich 300 Millionen Jahre altes Gebirge über junges, erst 35 bis 50 Millionen Jahre altes geschoben hat, wollen wir gar nicht erst beginnen. Das Glarnerland hat wahrlich viel zu bieten. Einiges davon durften wir heute erleben – inkl. Morgendusche.









