Brand im «Tritium-Haus»

18.08.2026 | Timo Züst

Die gestrige Übung der Stützpunkt Feuerwehr Mittleres Appenzellerland (MITAPP) war aussergewöhnlich. Bei diesem Szenario ging es nämlich nicht nur um Löschen und Retten, sondern auch um Dekontamination. Genauer: radioaktive Dekontamination. Die MITAPP war bei der «RC Tritec» in Teufen zu Gast. Eines der wenigen Unternehmen in der Schweiz, das über die Lizenz für die Arbeit mit radioaktiven Materialien verfügt. Aber was wird dort eigentlich gemacht?

Liebe Leserin, lieber Leser, seien Sie gewarnt: Es wird kompliziert. Gleich geht es um Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung. Um Isotope, phosphoreszierende Keramik und Tritium-Tracker in experimentellen Medikamenten. Aber es wird auch spannend. Teil dieser Geschichte sind nämlich auch radioaktive Bananen, strahlende Mäuse und eine mobile Dekontaminations-Dusche. Wir sind bei der «RC Tritec» in Teufen. Hier hat die Feuerwehr Mittleres Appenzellerland (MITAPP)am Montagabend mit zwei Löschzügen eine Einsatzübung durchgeführt. Das Szenario: Im Labor ist ein Feuer ausgebrochen. Im Innern befinden sich ein Bewusstloser und zwei gehfähige Mitarbeitende. Das Problem: Das ist kein «normales» Labor. Bei der «RC Tritec» wird mit radioaktiven Stoffen gearbeitet.

Für Kommandant Dominik Krummenacher und sein Team ist das eine spezielle Herausforderung. «Die Tritec gehört zwar nicht offiziell zu den ‘Störfallobjekten’. Aber für uns ist das natürlich trotzdem ungewohnt. Drum üben wir es auch.» Solche Störfallobjekte sind Anlagen, in denen grosse Mengen an «heiklen» Materialien gelagert sind – leicht entflammbar oder giftig. Ein Beispiel im MITAPP-Gebiet ist die «Herbamed» in Bühler. Bricht dort ein Feuer aus, werden automatisch die Kollegen von der Chemiewehr («C-Wehr») von St. Gallen aufgeboten. «Grundsätzlich gilt: Zwischenfälle mit bis zu 3000 Liter Diesel, 500 Liter Benzin und 50 Kilogramm Flüssiggas muss eine Feuerwehr selber bewältigen können. Wird es mehr, bekommen wir Unterstützung von der Berufsfeuerwehr St. Gallen.» So weit, so verständlich. Aber was passiert, wenn es um radioaktives Tritium geht?

Besuch im Tritium-Haus (v.l.n.r.): CEO Albert Paul Zeller, Nando Gartmann, Verantwortlicher Strahlenschutz und Arbeitssicherheit und MITAPP-Kommandant Dominik Krummenacher. Foto: tiz

Medizinische Forschung und Uhren

Als Chef der «RC Tritec» gehört ein gutes Auge für Uhren zum Stellenbeschrieb. «In Ihrer Tissot ist garantiert eines unserer Produkte drin», sagt Geschäftsführer Albert Paul Zeller. Damit spricht er das zweite nicht-radioaktive Standbein seines Unternehmens an: phosphoreszierende Keramik. Dabei handelt es sich um die kleinen Leuchtelemente auf dem Zifferblatt vieler Uhren. Sie «laden» sich unter tags mit Sonnenergie auf und geben diese bei Dunkelheit als «Leuchten» wieder ab. «Wir beliefern die westliche Uhrenindustrie eigentlich fast lückenlos.» Dieses Geschäftsfeld ist gänzlich frei von radioaktiver Strahlung.

Unsere Produkte sind weniger radioaktiv als eine herkömmliche Banane.

CEO Albert Paul Zeller

Die «RC Tritec» ist aber nicht nur Lieferantin, sondern auch Dienstleisterin – für die Pharmaindustrie. Und hier geht es um Tritium. Dank seiner Radioaktivität eignet es sich nämlich ideal für die Analyse eines neuen medizinischen Wirkstoffs in einem Verdauungsapparat. «Dabei reden wir natürlich von einer sehr frühen Phase. Lange vor den ersten klinischen Studien», sagt Nando Gartmann. Er ist bei der «RC Tritec» für Strahlenschutz und Arbeitssicherheit zuständig. Das bedeutet: Die so mit Tritium markierten Medikamente werden meistens an Mäusen getestet. Anschliessend lässt sich dank den Rückständen der radioaktiven Strahlung nachverfolgen, wo und wie das Medikament im Körper abgebaut bzw. ausgeschieden wurde. «Diese Erkenntnisse sind sehr wichtig für die medizinische Forschung. Und nur ganz wenige Labors können das überhaupt. Wir sind eines davon.»

Für die Arbeit mit radioaktiven Materialien – auch wenn sie vergleichsweise harmlos sind wie Tritium – ist eine spezielle Bewilligung nötig. Dafür wurde die «RC Tritec» auf Herz und Nieren geprüft. Insbesondere der vor neun Jahren erstellte Neubau mit dem «Tritium-Haus». Diese Analyse von einer externen Risikoanalysefirma (Basler-Hoffmann) ergab: Sogar, wenn das gesamte Unternehmen einem Vollbrand zum Opfer fallen würde, alle Sicherheitsvorkehrung versagten und der Wind ungünstig stünde, läge die radioaktive Belastung für die Nachbarschaft immer noch bei einem Bruchteil des gesundheitlich relevanten Schwellwerts. «Im Alltag sind wir deutlich höheren Strahlenwerten ausgesetzt. Ein Beispiel: Unsere Produkte sind weniger radioaktiv als eine herkömmliche Banane. Schon ein Blatt Papier schirmt ausreichend gegen Tritium ab», erklärt Nando Gartmann.

92 Jahre, vier Alberts

Albert Paul Zeller holt Tief Luft. Er weiss, die Beantwortung dieser Frage wird ein paar Minuten dauern. Obwohl sie harmlos klingt: «Was ist hier eigentlich radioaktiv?» Es ist Donnerstagnachmittag, in vier Tagen wird auf dem Areal der «RC Tritec» eine Feuerwehrübung stattfinden. Ein guter Zeitpunkt für einen Besuch bei dieser Firma an der Speicherstrasse. «Ich fange am liebsten mit der Geschichte an. Sie erklärt nämlich auch, warum sich einige Gerüchte hartnäckig halten», sagt der Geschäftsführer. Sie beginnt mit seinem Ur-Grossvater Albert Moritz Zeller. Dieser gründete hier 1934 die Radium Chemie AG. Dieser Name bezieht sich auf das chemische Element Radium mit der Ordnungszahl 88 – entdeckt von Marie und Piere Curie im Jahr 1898. Wegen seiner radioaktiven Strahlung eignete es sich unter anderem für die Behandlung von Tumoren. «Damit wurden die ersten lokalen Bestrahlungen durchgeführt.» Aber eben nicht nur dafür.

Unsere Leuchtfarben sind schon seit über 60 Jahren völlig unbedenklich.

Albert Moritz Zeller entwickelte in Teufen eine Leuchtfarbe auf Radium-Basis. Der Trick: Radium wird mit Zinksulfid – Zink-Salz der Schwefelwasserstoffsäure – kombiniert. Die radioaktive Energie bringt das Zinksulfid zum Leuchten. Dieses Produkt verkaufte sich zwar gut, hatte aber nur eine kurze Lebensdauer. Denn das ursprünglich als harmlos geltende Radium wurde schon bald als gesundheitsschädlich eingestuft. Eine Alternative musste her. Diese entwickelte Albert Moritz mit seinem Sohn Albert Eduard. Ihre Lösung: Tritium. Das ist ein extrem seltenes Wasserstoff-Isotop (Hinweis: Ein Isotop ist eine alternative Atomart eines bestehenden Chemischen Elements. Es hat gleich viele Protonen wie das ursprüngliche Element, aber unterschiedlich viele Neutronen). «Heute bekommen wir unser Tritium aus Kanada. Dort wird es bei einem Schwerwasserreaktor als Nebenprodukt gewonnen», erklärt Albert Paul Zeller.

Dieses Tritium ist zwar auch radioaktiv – allerdings viel schwächer als Radium. Ausserdem «sendet» es nur Beta-Strahlen. Bei Radium sind es Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlen. «Die gefährlichste Strahlung ist Alpha. Sie besteht aus den vergleichsweise ‘schweren’ Protonen und Neutronen. Beta-Strahlung besteht aus den viel kleineren Elektronen», erklärt Nando Gartmann. Wegen seiner sehr schwachen Radioaktivität war Tritium der perfekte Radium-Ersatz und die Energie reicht nach wie vor, um das Zinksulfid zum Leuchten zu bringen. «Anders gesagt: Unsere Leuchtfarben sind schon seit über 60 Jahren völlig unbedenklich. Und seit den 90ern stellen wir gar keine Tritium-Leuchtfarbe mehr her.» Aber noch heute wird im Tritium-Haus mit radioaktivem Material gearbeitet. Deshalb war das am Montagabend auch keine normale Feuerwehrübung.

A-Wehr und Deko-Stelle

Die Berufsfeuerwehr St. Gallen stellt die Chemie-Wehr für die ganze Region. «Es würde schlicht keinen Sinn machen, wenn wir eine eigene aufbauen. Dafür sind die Einsätze viel zu selten», erklärt MITAPP-Kommandant Dominik Krummenacher. Noch seltener als ein C-Einsatz ist ein A-Einsatz. Würde es bei der «RC Tritec» aber wirklich einmal brennen – wie im gerade beübten Szenario – müsste diese Atom-Wehr aufgeboten werden. «Mit radioaktivem Material kennen wir uns natürlich nicht aus. Da sind wir froh um die Hilfe.»

Im Ernstfall würden alle Kleidungsstücke hierbleiben und später genau untersucht

MITAPP-Kommandant Dominik Krummenacher

Trotzdem: Die eigentliche Arbeit muss die MITAPP erledigt. Dazu gehört nebst dem Löschen auch der Aufbau einer «Zone». Alles, was sich darin befindet, gilt als kontaminiert. Und muss natürlich dekontaminiert werden. Das passiert in der Deko-Stelle der C-Wehr von St. Gallen. Dazu gehört auch eine mobile Dusche, in der sich die Feuerwehrleute reinigen können. «Im Ernstfall würden alle Kleidungsstücke hierbleiben und später genau untersucht.» Das gilt übrigens auch für das Wasser: Nichts fliesst in die Kanalisation. Die Schächte und Abflussrinnen vor dem Haus werden während des Einsatzes abgedeckt. Und es wird sowieso so gut es geht auf Wasser verzichtet. «Zwar hat die RC Tritec einen geschlossenen Wasserkreislauf und grosse Speichertanks, die ein Auslaufen von kontaminiertem Wasser verhindern. Aber wir wollen das System nicht unnötig belasten», so Krummenacher. Seine Leute setzen in so einem Fall deshalb auf Schaum statt Wasser. Und was gibt es sonst noch zu beachten? «Alles, was für jeden Einsatz gilt: einen ruhigen Kopf bewahren, nichts überstürzen, Menschen vor Material und im Team arbeiten.»

Die Übung

Am Montagabend fand die Einsatzübung statt. Hier ist die Bilder-Galerie dazu.

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