Amerika noch nicht aufgeben

05.03.2026 | Nerina Keller

Sommer 2024: In Amerika ging es Schlag auf Schlag im Wahlkampf. Donald Trump wollte erneut ins Weisse Haus. Joe Biden kandidierte ebenfalls, bevor er Ende Juli das Feld räumte für Kamala Harris. ZEIT-Journalistin Rieke Havertz erlebte alles hautnah mit: das Hin und Her, die Euphorie, das Attentat auf Donald Trump. Zu jener turbulenten Zeit wurde sie angefragt, ob sie ein Buch schreiben möchte. Nach anfänglichen Zweifeln sagte sie zu. Entstanden ist ein «überraschend persönliches Buch», wie sie selbst sagt. Am Mittwochabend hat sie daraus vorgelesen.

Kurz vor sieben sind fast alle Plätze schon voll. Lilia Glanzmann stellt noch ein paar Stühle dazu. Rieke Havertz, die heute Abend ihr Buch vorstellt, steht seitlich des Publikums an die Wand gelehnt. Noch ist sie nicht dran. Nach einer kurzen Begrüssung durch Lilia Glanzmann, Co-Leiterin des Zeughauses, ergreift Dr. Daniel Geiger von der Universität Luzern das Wort. Bei ihm in Luzern wird Rieke Havertz am Abend drauf eine Lesung halten. Ein «Feierabend-Event» der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern.

«Wir hätten es wissen müssen, aber …»

Daniel Geigers Einführung steht unter dem Motto «Wir hätten es wissen müssen». Er zählt anekdotisch einige Beispiele für Donald Trumps Politik, aber auch seine Persönlichkeit auf. Es sind die bekannten (und mittlerweile gewohnten) Geschichten: Ein Präsident mit Grössenwahn, zunehmende Repression, gewaltsame Migrationspolitik. Der «bekannte Irrsinn jenseits des Atlantiks», sagt Daniel Geiger. «Und doch überrumpelt es uns jeden Tag wieder.» Das alles führt zu Fragen: Ist MAGA etwas Neues? Oder hat das tiefere Wurzeln? Wie schafft Trump es, Wähler unter Latinos und Schwarzen zu finden? Der Spannungsbogen funktioniert. Denn nun ist es Zeit für den Auftritt der Frau mit der grossen Expertise: Rieke Havertz.

Mit Fragen gespickte Lesung

Sie tritt vors Publikum und erkundigt sich erstmal nach Akustik und Sicht: «Wie ist es da in den hinteren Reihen? Wäre es besser, wenn ich stehe?» Eine Antwort kommt prompt: «Stehen mit Mikro, bitte», wird gewünscht. Die routinierte Journalistin richtet sich ein. Es ist ihre erste Veranstaltung zum neuen Buch in der Schweiz, erklärt sie dem Publikum. Wie bei einer Lesung üblich, liest Rieke Havertz einzelne Kapitel aus «Goodbye, Amerika?» vor. Dazwischen gibt es die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Und diese wird rege genutzt. Die Bandbreite an Themen, die zur Sprache kommen, repräsentieren die unglaubliche Grösse und Vielfalt Amerikas und dessen Land, Leute und Herausforderungen. Unter einem Präsidenten, der gleichermassen polarisiert und fasziniert.

Ein gespaltenes Land

Rieke Havertz beginnt mit dem ersten Kapitel aus ihrem Buch, in dem sie sich an die Zeit erinnert, als sie erstmals in Amerika lebte. Als Masterstudentin kam sie nach Athens, Ohio, und lernte dort das Land richtig kennen. Und lieben. Aus den «Jugendflirts mit den Klischees des Landes» wurde eine zweite Heimat, eine «American Family», eine ganze Karriere. Mit persönlicher Note und Feingefühl beschreibt sie wahrgenommene Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft. Studiengebühren, die schon damals, vor rund zwanzig Jahren sehr hoch waren für amerikanische Studierende, Kreditkarten-Leben auf Vorschuss, das für viele Amerikaner und Amerikanerinnen normal ist, Gräben zwischen Stadt und Land, zwischen Akademiker-Kreisen und Angehörigen der Arbeiterklasse. Gräben, die längst so tief geworden sind, dass sie selbst Familien spalten.

Die anderen verstehen – oder es mindestens versuchen

Über die Gräben spricht sie auch, als sie zum zweiten Kapitel mit dem Titel «Arroganz» übergeht. Rieke Havertz betont, wie wichtig ihr anhaltende Reflexion ist als deutsche Journalistin in den USA. Sie scheint aber auch generell einer gewissen Offenheit und vielleicht sogar Menschlichkeit nachzutrauern, die sie vor zehn, zwanzig Jahren in Amerika noch ganz anders erlebte. Ein grundlegendes Misstrauen habe sich breitgemacht. Die beiden Lager, Trump-Anhänger und Gegner, isolieren sich mehr und mehr. Dazu gehört auch das unhinterfragte Selbstverständnis, auf der «richtigen Seite» zu sein. «Arroganz, die nicht nur die amerikanische Gesellschaft immer weniger überwinden möchte.»

Sie plädiert dafür, einander zuzuhören. Begegnungen zu schaffen und bewusst einzugehen. Im Gespräch mit dem Publikum kommt die Frage nach den Demokraten auf. Rieke Havertz‘ Einschätzung hier: «Die Demokraten haben einen ähnlichen Fehler gemacht wie die Europäer. Sie lehnten sich etwas zurück und dachten sich: Das wird schon nochmal gut gehen.» Und plötzlich war Donald Trump ein zweites Mal Präsident. Vielleicht schlummert auch hier ein wenig der Arroganz, der Überheblichkeit, von der sie spricht. Herablassend auf die «Anderen» zu blicken, das ist nicht zielführend. Und kann auch ganz schön gefährlich werden.

«Goodbye, Amerika» mit Ausrufezeichen?

Rieke Havertz hofft, dass sie noch lange kein Ausrufezeichen nach «Goodbye, Amerika» setzen muss. Das sagt sie, nachdem eine Person nach dem Titel gefragt hat. Als sie an Thanksgiving bei der von ihr liebevoll genannten «American Mom Ann» zugesagt hatte, ein Buch über Amerika zu schreiben, versprach sie dieser, das Land nicht aufzugeben. In eineinhalb Wochen fliegt sie zurück in die Vereinigten Staaten. Unter der Voraussetzung, dass sie als Journalistin weiterhin einreisen darf. Denn auch was die Pressefreiheit in den USA anbelangt, gibt es derzeit eine klare Tendenz: Es wird enger und enger.

Zur Person

Rieke Havertz, Jahrgang 1980, ist internationale Korrespondentin bei der ZEIT und seit 2020 Co-Host des Podcasts «OK, America?». Sie hat in Deutschland und Amerika Journalismus und Amerikanistik studiert. Mehrere Jahre hat sie aus Washington über das Land berichtet, an das sie vor mehr als 20 Jahren ihr Herz verloren hat.

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