Dement und nichts geregelt?

06.11.2026 | Esther Schäpper
Marc Wellauer, Präsident der KESB AI
Marc Wellauer, Präsident der KESB AI, informierte über Vorsorgeaufträge.

Jährlich leiden mehrere zehntausend Schweizerinnen und Schweizer neu unter Demenz. Das kann auch zu juristischen Problemen führen. Ein Vortrag klärte die wichtigsten Fragen. Die TP war dabei.

Die Krankheit Demenz ist omnipräsent: In der Schweiz leben gemäss Bundesamt für Gesundheit rund 166’000 Menschen mit der Krankheit, jährlich kommen rund 35’000 neu dazu. Das hat Folgen – nicht nur persönlich sondern auch juristisch. Am Mittwoch, 4. November lud Alzheimer St.Gallen/beider Appenzell gemeinsam mit dem Netzwerk Demenz Appenzell Ausserrhoden ein: Im Mittelpunkt stand die eigene Vorsorge und die Aufgaben der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde .

Marc Wellauer, Präsident der KESB AI erklärte: Die KESB soll Menschen, die ihre Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln können, schützen und unterstützen – nicht nur bei einer Demenz-Erkrankung, sondern auch zum Beispiel nach einem Unfall. Um so wichtiger, dass man sich so früh wie möglich mit der eigenen Vorsorge und den daraus entstehenden Fragen auseinandersetzt.

Warum ist die eigene Vorsorge so wichtig?

Wenn jemand urteilsunfähig wird, zum Beispiel bei einer fortschreitenden Demenzerkrankung, kann er oder sie von Gesetzes wegen nicht mehr selbst handeln und auch nicht mehr rechtsgültig selber eine Person bestimmen, die diese Aufgaben übernehmen soll. In diesem Fall bestimmt die KESB einen Beistand. Dieser kennt die Person jedoch nicht so gut und kann deshalb bei gewissen Entscheiden nicht wissen, was im Sinne der betroffenen Person wäre.

Entscheidet bei verheirateten Paaren automatisch der Partner?

Nein, das eheliche Vertretungsrecht funktioniert nur bei alltäglichen Handlungen. Weitreichendere Entscheidungen können rechtlich nicht vom Partner getroffen werden. Die Bankvollmacht zum Beispiel wird ungültig, sobald die Person urteilsunfähig wird. Durch den Vorsorgeauftrag kann man jedoch festlegen, dass der Partner die rechtliche Vertretung übernehmen soll.

Was passiert, wenn man dement wird und nichts geregelt hat?

Die KESB muss entscheiden, wer die Person vertreten und für sie handeln darf. Dies kann eine private Person oder eine Person der Berufsbeistandschaft sein. Die eingesetzte Person kennt in der Regel die Wünsche, Werte und Haltung der betroffenen Person nicht.

Was kann man tun, um die KESB möglichst nicht zu involvieren?

Mit einem Vorsorgeauftrag kann im Voraus festgelegt werden, wer bei Bedarf entscheiden und handeln darf, falls man selber nicht mehr in der Lage sein sollte.

Mit dem Vorsorgeauftrag entlastet man die Angehörigen

Gibt es weitere Gründe, warum man einen Vorsorgeauftrag schreiben soll?

Mit dem Vorsorgeauftrag entlastet man die Angehörigen, da die Zuständigkeiten klar geregelt sind. Wichtige Themen und Spezialwünsche können vorbesprochen werden. Wer vorsorgt, behält auch dann Einfluss, wenn er/sie nicht mehr selbst entscheiden kann.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die eigene Vorsorge?

Der beste Zeitpunkt ist heute! Es kann nie zu früh, aber leider oft zu spät sein.

Was ist der Unterschied zwischen der Patientenverfügung und dem Vorsorgeauftrag?

Die Patientenverfügung regelt die medizinische Vertretung, der Vorsorgeauftrag regelt die persönliche und finanzielle Vertretung.

Worauf muss geachtet werden bei der Erstellung eines Vorsorgeauftrags?

Der Vorsorgeauftrag muss vollständig handschriftlich abgefasst und unterschrieben werden oder ausgedruckt und öffentlich beurkundet werden. Es ist wichtig, die richtige Vertrauensperson (oder auch mehrere) zu wählen und mit dieser darüber zu sprechen. Die Aufgaben sollen klar umschrieben werden und es ist ratsam, den Vorsorgeauftrag regelmässig zu überprüfen. Und zu guter Letzt: der Auftrag muss gut auffindbar aufbewahrt werden, denn nur das Original kann von der KESB anerkannt werden.

Wer kann bei der Erstellung eines Vorsorgeauftrags unterstützen?

Bei Fragen und um sicher zu stellen, dass der Auftrag sich in keiner Weise widerspricht, ist es ratsam, Treuhänder, Banken oder einen Anwalt zu kontaktieren. Auch Vorlagen aus dem Internet können hilfreich sein, diese sind aber teilweise mit Vorsicht zu geniessen. Eine gute Vorlage und weitere Informationen sind beispielsweise auf www.alzheimer-schweiz.ch zu finden.

Was muss ich tun, wenn mein Angehöriger eine Demenzerkrankung hat oder ich eine solche vermute?

Jedermann kann eine Meldung an die KESB machen. Die KESB überprüft, ob sofortiger Handlungsbedarf besteht und klärt anschliessend mit Ärzten, Fachpersonen und den Angehörigen ab, ob eine Unterstützung notwendig ist. Die KESB handelt dabei nach dem Grundsatz «so viel wie nötig und so wenig wie möglich».

Was ist die Aufgabe der KESB in Bezug auf den Vorsorgeauftrag?

Sollte die Urteilsunfähigkeit eintreten, muss der Vorsorgeauftrag bei der KESB eingereicht werden. Die KESB überprüft, ob die Person tatsächlich urteilsunfähig ist. Dies wird durch einen Arzt bescheinigt. Im Weiteren klärt die KESB ab, ob der Vorsorgeauftrag gültig erstellt worden ist, ob die Aufgaben ausreichend klar geregelt sind und ob die eingesetzte Person bereit ist, den Auftrag auszuführen. Anschliessend wird der Vorsorgeauftrag validiert und die eingesetzte Person erhält eine Urkunde, die sie gegenüber Behörden als rechtmässige Vertretung ausweist.

Severina Gross , Geschäftsleiterin von Alzheimer St. Gallen/beider Appenzell, bedankte sich bei Marc Wellauer für diese spannenden Ausführungen und nach einer Fragerunde wurde übergeleitet zum Apéro.

Das Netzwerk Demenz Appenzell Ausserrhoden war mit Alzheimer St. Gallen/beider Appenzell, der Pro Senectute, der Spitex und dem Schweizerischen Roten Kreuz vertreten und rundete das Angebot mit Informationen an verschiedenen Tischen ab.

Als besonderen Leckerbissen kündete Severina Gross den Jodlerclub Teufen an. Dieser bot mit seinen Liedern eine schöne Abwechslung zum juristischen ersten Teil des Abends und wurde mit viel Applaus verdankt.

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