Teufen – quo vadis?

12.01.2026 | Ursula von Burg

Die Lesegesellschaft lud am Sonntag zur diesjährigen Neujahrstat ein. Es ist die 7. Auflage dieser Veranstaltungsreihe und der LgT ist es gelungen, Konrad Hummler, einen der bekanntesten Teufner Einwohner, zu einem Referat zu bewegen mit dem Titel: Teufen, quo vadis? Der Präsident der Lesegesellschaft, Daniel Ehrenzeller, durfte ein zahlreiches Publikum begrüssen.

Konrad Hummler entschied sich, nicht im Lokalen zu beginnen, sondern im Globalen. Er identifizierte drei Punkte, die seiner Meinung nach viele heutige Probleme erklären.

  1. Die verloren gegangene Wahrhaftigkeit. An ihre Stelle tritt der «Fakeismus». Die Welt kämpft mit den Fragen «was ist echt?», «was ist falsch»?
  2. Die internationale Ordnung leidet an Übergriffigkeit. Nach 80 Jahren Frieden in Europa hat sich die Situation seit 2014 mit der Annexion der Krim dramatisch verändert.
  3. Selbstüberschätzung, bzw. Selbstüberhöhung

Erstens: Wahrhaftigkeit

Wir sind es gewohnt, uns auf seriöse Grundlagen berufen zu können. Beginnend mit dem römischen Recht, fortgeführt im modernen Rechtsstaat, dürfen wir uns auf eine Rechtsordnung verlassen, die Sicherheit vermittelt. Eine unabhängige Justiz, öffentliche Register wie z.B. das Grundbuch und regulierte Banken. Mit dem «Fakeismus» fällt diese Sicherheit dahin. Es wird undurchsichtig, was echt und was gefälscht ist. Konrad Hummler geht speziell auf die sozialen Medien ein. Selbstkritisch erwähnt er sein eigenes Profil und stellt fest, dass auch er in den letzten Jahren vor allem Positives und Interessantes veröffentlicht hat. Aber gerade bei Jugendlichen führt dieser soziale Zwang zur Selbstoptimierung zu Problemen bis hin zum Suizid. In diesem Zusammenhang erwähnt Konrad Hummler auch die teils aufgeblasenen PR-Abteilungen in Wirtschaft und Verwaltung. Er nennt es Schönfärberei, der Unterschied zwischen Schönreden und Lügen werde manchmal verschwindend klein.

Mit dem wachsenden Einfluss von KI erhalten diese Probleme nochmals eine neue Dimension. In Zukunft wird kein Aufsatz, keine Diplomarbeit mehr ohne die Hilfe von KI entstehen. Die Befürchtung besteht, dass das für die Wirtschaft riesige Verifizierungskosten generieren wird. Ein Teil der Vorteile des Fortschritts in den Technologien und der Produktivität wird so wieder zunichte gemacht. Und als Konsequenz muss von einem tieferen Wirtschaftswachstum ausgegangen werden.

Übergriffigkeit

Bis vor wenigen Jahren hielt sich die Welt an zwei Tabus:

  1. Die territoriale Integrität
  2. Das Atomwaffenarsenal wird nicht angetastet

2014 haben die Russen mit der Annexion der Krim gegen das erste Tabu verstossen. Seither wird wieder Krieg geführt, auch im «Cyberraum». Die internationalen Organisationen werden wirkungsloser. Konrad Hummler äussert die Sorge, dass auch das zweite Tabu fallen könnte. Wären die Amerikaner im Falle eines Angriffs von Berlin mittels Atomwaffen bereit, ihrerseits Atomwaffen einzusetzen mit dem Risiko, dass New York Ziel würde? Oder von den Europäern aus gesehen: Würde ein Angriff auf Vilnius oder Warschau die Europäer zur Unterstützung bewegen mit dem Risiko, z.B. Paris zu opfern? Überhaupt: Wer führt in Europa? Es bestehe ein Bereinigungsbedarf, führt Konrad Hummler aus. Und fügt hinzu, es sei für ihn fraglich, wer in diesem veränderten Umfeld für die Schweiz der richtige Vertragspartner sei.

Dieser persönlichen politischen Meinung fügt er gleich noch eine Einschätzung der Situation in den USA an. Trump müsse ernst genommen werden. Er habe den Plan, sich auf das eigene Territorium zurückzuziehen, dazu zähle er allerdings auch Grönland (und evt. Kanada und Mexiko). Europa hingegen gehöre nicht dazu. Europa werde von der Trump Administration eher als Hindernis empfunden in dieser Neuordnung.

Selbstüberhöhung

Was ist der Unterschied zwischen der Autokratie und der Demokratie? Die Autokratie ist nicht fähig, die Nachfolge zu lösen. Als typisches Bild dafür nennt Konrad Hummler das Bild von Putin und Xi Jinping, die sich über lebensverlängernde Methoden unterhalten und offensichtlich planen, solange als nur irgend möglich an der Macht zu bleiben. Eine gute Führungskraft hingegen kümmert sich rechtzeitig um eine gute Nachfolge. Davon sind aktuelle Herrscher weit entfernt.

Was lernt Teufen daraus?

Zum Schluss seines Referats kommt Konrad Hummler auf Teufen zu sprechen. Was kann ein kleines Dorf inmitten all dieser globalen Probleme tun? Seine Voraussagen für die nächsten Jahre sind düster. Unternehmen werden Schwierigkeiten haben, es werden Fehler passieren. Die Geschichte geht nicht linear weiter. Es werden Brüche entstehen. Eine der Fragen wird sein: Kann die Schweiz überhaupt noch global agieren?

Konrad Hummler vergleicht die Situation heute mit dem Ende der napoleonischen Kriege. Zwischen 1830 und 1850 war die Welt ebenfalls in Aufruhr. Für die Antwort, die die Dörfer in jener Zeit fanden, bezieht sich der Redner auf die Devise des Biedermeiers: Wenn alles schwierig ist, machen wir unseren Job zuhause gut. Es wurden schöne Gebäude erbaut, die Hausmusik wurde gepflegt, Lesegesellschaften entstanden. Es wurde also das Leben im Kleinen gepflegt. Das wünscht sich Konrad Hummler auch für das heutige Teufen. Ein Dorf, in dem man sich kennt und grüsst, ein Dorf, in dem man sich respektiert und auf Augenhöhe begegnet. Und damit kommt Konrad Hummler zu der Frage, die alle erwarten: die Tunnelfrage.

Tunnel oder kein Tunnel?

Konrad Hummler lässt die Katze nicht aus dem Sack und behält seine persönliche Meinung für sich. Er führt aus, er finde das Vorgehen der Gemeinde gut. Es würden Ende Jahr zwei vergleichbare Projekte auf dem Tisch liegen und jeder und jede könne sich in Ruhe eine Meinung bilden. Ihm ist es ein Anliegen, dass nach der Abstimmung wieder alle miteinander reden können, obwohl der Abstimmungskampf wahrscheinlich hart werde. Und was auch wichtig ist: Wir dürfen bestimmen, das ist nicht in jedem Land möglich.

Mit dieser lokalen Note schliesst Konrad Hummler sein Referat. Zum Schluss beantwortet er zwei Fragen aus dem Publikum. Die eine zu seiner Haltung zum Föderalismus, die andere zum Einfluss der Medien.

Die Bach-Stiftung wird glocal

Bevor der Redner mit Applaus und einem kleinen Geschenk verabschiedet wird, stellt ihm Daniel Ehrenzeller noch eine Frage zur Bach Stiftung: Was geschieht, wenn 2028 alle 220 Bach Kantaten aufgeführt und aufgenommen sind? Konrad Hummler gesteht, das sei ein positives Problem. Das Ensemble ist mit seinen Aufnahmen unterdessen weltberühmt und spielt in Städten wie Montreal, Wien und Leipzig. Es wäre schade, einfach aufzuhören. Es werde einen Übergang vom Kantaten Betrieb zu einem Tournée-Betrieb geben. Die Bezeichnung für diese Art, lokale Bach Aufführungen global weiterzuführen sei bereits gefunden: Bach goes glocal.

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