

Wie haben Sie vom Tod des Papstes erfahren?
Das war speziell. Wir feierten gerade die Erstkommunion in Teufen – mit einer vollen Kirche und 20 Kindern aus Teufen und Bühler. Während einer Pause «hinter der Bühne», ich hatte gerade das Headset abgezogen, sprach mich der Mesmer darauf an. Er hatte eine Push-Meldung bekommen: Der Papst ist tot. Wir haben dann kurz darüber diskutiert, ob und wie wir das der Gemeinschaft mitteilen wollen.
Und?
Wir haben entschieden, die Nachricht nicht mehr während des Gottesdienstes zu verbreiten. Einerseits würden es danach sowieso alle erfahren und andererseits wollten wir die familiäre und festliche Atmosphäre der Feier nicht stören.
Was für ein Gefühl war es für Sie, vom Tod von Papst Franziskus zu erfahren? Waren Sie betroffen?
Oh ja – ich war betroffen. Ich hatte doch nicht erwartet, dass er keinen Tag nach seinem letzten öffentlichen Auftritt, als er den Ostersegen gespendet hat, sterben würde. Kirchenpolitisch hatte ich zwar in gewissen Dingen andere Vorstellungen. Aber als Mensch und Würdenträger war er für mich ein Vorbild. Man nannte ihn nicht ohne Grund den Papst der Armen. Aber die Nachricht seines Todes ist für mich als Christ nicht nur traurig. Schliesslich ist der Kern unserer Botschaft, dass die irdische Welt nicht alles ist. Und während eines Rom-Besuchs im Herbst war ich ihm sehr nahe und habe auch gespürt, dass ihn die aktuelle Weltlage betrübt. Er hat gelitten. In diesem Sinne bin ich auch froh, dass er nun «erlöst» wurde und gehen durfte.
Dass er ausgerechnet während Ostern sterben konnte, ist bezeichnend.
Dazu kommt der Zeitpunkt. Ein Schlaganfall am Ostermontag kurz nach dem «Urbi et Orbi»-Segen vom Ostersonntag.
Ja, das passt richtig gut zu ihm. Auf verschiedenen Ebenen. Dass er, der als Papst die Hoffnung auf das Leben verkörperte, ausgerechnet während Ostern sterben konnte, ist bezeichnend.
Apropos: Nach seiner Wahl im Jahr 2013 hegten viele auch die Hoffnung auf kirchenpolitische Reformen. Diese wurden allerdings nicht erfüllt. Sie erwähnten bereits, dass Sie diesbezüglich nicht immer gleicher Meinung mit dem Papst waren. Welche Themen betrifft das?
Einige… (hält kurz inne). Ich muss es so sagen: Die katholische Weltkirche wurde während der vergangenen Jahrzehnte von der globalen Entwicklung sozusagen überrollt. Ihr 2000 Jahre altes Konstrukt funktioniert in der heutigen Welt einfach nicht mehr. Man kann nicht von Island bis Feuerland mit der gleichen Sprache predigen und die gleichen Regeln durchsetzen. Während die Priesterweihe für Frauen in Europa umsetzbar wäre, ist sie in der arabischen Welt wohl deutlich umstrittener. Anders gesagt: Der von Franziskus einst angestossene synodale Weg wäre wohl der richtige. Aber damit setzte er sich leider auch nicht durch.
Was bedeutet das, der «synodale» Weg?
Damit ist eine Aufteilung der Macht auf die Synoden bzw. Bischofskonferenzen gemeint. So würde die extreme Zentralisierung des Kirchenrechts auf Rom aufgebrochen und regionale Anpassungen des Kirchenrechts wären möglich.
Das klingt auch nach einer Annäherung an die reformierte Kirche.
Könnte man so sagen. Allerdings kennt die reformierte Kirche das Konstrukt des Kirchenrechts nicht. Sie kennt kein Bischofsamt und auch kein Lehramt, auf das die Seelsorger verpflichtet sind. Ein Vergleich funktioniert deshalb nur begrenzt.
Während des Treffens mit dem amerikanischen Vize-Präsidenten JD Vance hat er die Politik der USA offen kritisiert.
Und welche war die «andere Seite» von Papst Franziskus? Die, die sie als vorbildlich empfanden?
Franziskus war ein Seelsorger durch und durch. Er verteilte Schlafsäcke an Obdachlose im Vatikan, liess für sie Duschkabinen installiert, besuchte Strafgefangene. Er liess für Menschen am Rand gerne mal ein Staatsoberhaupt warten … Er war kein Karriere-Katholik. Er war zwar Mitglied des Jesuiten-Ordens, aber fühlte sich zeitlebens in den Favelas, den Armenvierteln, zuhause. Er war ja auch Bischof von Buenos Aires, dessen Bevölkerung einen grossen Anteil an Armutsbetroffenen aufweist. Ein starkes Zeichen ist für mich zudem, dass er die pompösen päpstlichen Gemächer gemieden und stattdessen bescheiden gewohnt hat. Er war aber auch Staatsmann des Staates Vatikan und hat bei den Treffen mit den «Mächtigen» oft kein Blatt vor den Mund genommen. Wie zuletzt, als er während des Treffens mit dem amerikanischen Vize-Präsidenten JD Vance die Politik der USA offen kritisierte. Diese Transparenz, seinen Fokus auf den Menschen und seinen christlichen Mut habe ich sehr an ihm geschätzt.
Er hatte ja auch gegenüber Homosexuellen einen deutlich milderen Ton angeschlagen und im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal das päpstliche Geheimnis aufgehoben. Er war wohl einer der «progressivsten» Päpste der vergangenen Jahrzehnte. Trotzdem gelangen ihm keine grossen Reformen. Ist das ein Beweis dafür, dass das innerhalb des Systems gar nicht möglich ist?
Das ist ja die Krux. Eigentlich ist er der Papst: Er könnte sehr viel, fast alles. Ausser unseren Glauben und die religiösen Grundlagen «auf den Kopf stellen». Kirchenpolitisch hätte er eigentlich einen riesigen Handlungsspielraum. Aber er sagte auch einmal «ich bin und bleibe ein Kind dieser Kirche». Eine bedeutungsschwere Aussage. Dazu kommt wohl die Tragweite seiner Entscheidungsgewalt als wichtiger Treiber. Insbesondere die Angst vor einer Aufspaltung der katholischen Kirch bzw. der Abspaltung einiger traditioneller ausgerichteten Regionen. Deshalb wäre eine synodale Lösung eben vermutlich sinnvoll.
Damit geht aber auch das Risiko einher, dass die gewaltige Symbolwirkung des Papstes geschwächt wird. Wie gross diese nach wie vor ist, sieht man heute. Sein Gesicht ist auf jeder Titelseite zu sehen …
Stimmt, diese Gefahr besteht. Aber damit müssen wir wohl leben. Tatsache ist, dass wir uns in einer ganz anderen Welt befinden wie vor 2000 Jahren. Jesus Christus würde seine Botschaft heute wohl auch nicht überall genau gleich verkünden. Die kulturellen Unterschiede sind enorm. Er würde seine Reden den Menschen und ihrer Kultur anpassen. Wohlgemerkt: Ohne dabei die grundlegende Botschaft zu verändern.
Der Tod des Papstes wird hoffentlich noch einen kleinen Schub auslösen. Aber ich werde die grossen Veränderungen wohl nicht mehr erleben.
Vielleicht ist ja auch einfach die Technologie das Problem. Damals hätte niemand wissen können, ob Jesus wirklich 1:1 das Gleiche sagt. Heute rast ein Zitat in Sekundenbruchteilen um die Welt.
Ja, damals wurde natürlich alles interpretiert und dabei auch ins Regionale «übersetzt».
Blicken wir voraus: Was für einen Papst wünschen Sie sich für die Nachfolge von Franziskus?
Am liebsten hätte ich jemanden aus dem Umfeld der sogenannten «Bergoglio-Schule». Das ist ein Begriff für diejenigen, die einen ähnlichen Seelsorge-Ansatz wie Franziskus pflegen. Damit würde die von ihm gestartete Bewegung einer sanften Öffnung der Kirche zur Welt hin fortgesetzt – das scheint mir wichtig. Und: Die Chancen für so eine Wahl stehen gut. Denn von den 200 stimmberechtigten Kardinälen – sie müssen unter 80ig sein – hat Franziskus 130 ernannt.
Glauben Sie, in den nächsten Jahren wird eine kirchenpolitische Reform angestossen oder gar umgesetzt?
Der Tod des Papstes wird hoffentlich noch einen kleinen Schub auslösen. Aber ich werde die grossen Veränderungen wohl nicht mehr erleben – mindestens nicht während meiner aktiven Zeit hier in Teufen. Als ich hier anfing dachte ich noch, ich werde es miterleben, wie die erste Priesterin hier predigt. Aber mittlerweile habe ich meine Erwartungen etwas gedämpft. Aber das heisst nicht, dass der Glauben keinen Aufschwung erleben wird. Denn der spirituelle Hunger ist riesig. Während der vergangenen vier Wochenenden hatten wir immer eine volle Kirche.
Letzte Frage: Welche Wahl ist für Sie eigentlich wichtiger, die des neuen St. Galler Bischofs oder die des Papstes?
Die des Papstes. In St. Gallen stehen nicht Kandidaten zur Verfügung, die grosse Unterschiede in ihrer Spiritualität oder ihrem Kirchenbild aufweisen. Ich weiss zwar nicht, wer auf der Kandidatenliste steht. Aufgrund der bescheidenen Grösse unseres Bistums und der Auswahl haben wir Seelsorgenden aber unsere Vermutungen.