Ein Raumschiff im Keller

06.06.2026 | Nerina Keller

Die Bibliothek organisiert regelmässig Lesungen. Für eine solche kam anfangs Juni auch Peter Stamm nach Teufen. Das Publikum erschien zahlreich und während der rund einstündigen Lesung des berühmten Schweizer Autors war es «mucksmäuschenstill».

Peter Stamm war letzten Mittwoch in Teufen. Fotos: nek

Karin Sutter, Leiterin der Bibliothek, freut sich sichtlich. Sie hat sich gerade vor die rund 40 Leute gestellt, um sie an diesem 3. Juni zu begrüssen. Der Grund für das Erscheinen des Publikums ist von der hintersten Reihe kaum zu sehen. Mit ein bisschen Recken und Strecken, vorbei an all den Köpfen und einer Säule ist er aber zu erspähen: Peter Stamm. Er sitzt an einem kleinen Tischchen. Das Buch, aus dem er heute lesen wird, liegt bereit. «Auf ganz dünnem Eis», heisst es. Erschienen ist es letzten Herbst.

Er ist in der Literaturszene seit Jahrzehnten eine feste Grösse. Aufgewachsen ist Peter Stamm in Weinfelden, hat Anglistik, Psychologie und Psychopathologie studiert. Seit 1990 ist er freier Autor und Journalist und Gewinner zahlreicher Preise und Auszeichnungen. Seine Bücher wurden in rund 40 Sprachen übersetzt. Während Karin Sutter Peter Stamm vorstellt, kommt sie auch auf seinen ersten Roman zu sprechen. Dieser ist 1998 erschienen und trägt den Titel «Agnes». «Wir haben Agnes leider nicht mehr im Bestand», gesteht sie. Das Publikum lacht. Seitdem hat Peter Stamm acht weitere Romane und fünf Sammlungen von Erzählungen veröffentlicht.

Dann greift Peter Stamm zum Buch. Er liest Teufen «Mars» vor. Die dritte der neun Erzählungen seines neuesten Buches. Die Geschichte erzählt von einem Paar, deren Sohn einen einzigen grossen Traum hegt: zum Mars fliegen. Er bereitet sich minutiös vor, gerät in einen Sog. Seine Faszination hat ihn fest im Griff. Schliesslich baut er sich ein eigenes Raumschiff. Allerdings ist es keines, das wirklich im All schweben kann. Sein Raumschiff ist der ausgebaute und verschlossene Keller des Einfamilienhauses, in dem er mit seinen Eltern wohnt. Als alles bereit ist, lässt er sich unten einsperren. Vom Ich-Erzähler, vom eigenen Vater. Ohne Tageslicht, ohne Frischluft, mit eingemachtem Essen in Weckgläsern, etlichen Nahrungsergänzungsmitteln, einem Hometrainer. Und einem Plüschtier: «Alle Astronauten nehmen Plüschtiere mit.» Peter Stamm liest mit ruhiger Stimme. Im Publikum sind einige geschlossene Augenpaare zu sehen. Die Zuhörenden geben sich ganz der Erzählung hin. Sie fiebern mit.

Und vielleicht verzweifeln sie auch ein bisschen während der Minuten, in denen Peter Stamm weiterliest. Wie die Eltern des jungen Astronauten im Keller. Die Mutter, Anna, wird krank. Zwischen dem Paar entwickelt sich eine befremdende Distanz. Der Vater versucht, den Kontakt zum eigenen Kind über WhatsApp aufrechtzuerhalten. Aber Laurin scheint ihnen zu entschwinden. Immer weiter weg ist er, obwohl er doch so nah ist. Eine perplexe Situation. Für eine ganze zweite Erzählung reicht die Zeit nicht. Aber Peter Stamm liest noch ein Stück aus «Jump and Run». Darin geht es um eine Frau, die sich bei den Friedenstruppen im Kosovo rekrutieren lässt. Eine Reise in die Ferne. Ein Ausbruch aus dem Familienalltag, weg von Mann und Kindern. Vielleicht auch eine Flucht?

Das Faszinierende an Peter Stamms Geschichten: Sie sind gleichzeitig die von niemandem und allen. Von allen, die sie lesen oder – wie an diesem Abend – hören. Sie sind Geschichten des Menschseins. Des Subtilen, des Offensichtlichen und Verborgenen. Und des Schmerzhaften. Das Publikum teilt dem Autor nach der Lesung die erlebte Spannung während «Mars» mit. Viele mit Kindern im Jugendalter seien auf ihn zugekommen und sagten, dass es sich genauso anfühle, antwortet Peter Stamm. Das leise Entrücken der eigenen Kinder, wenn sie erwachsen werden. Und in ihre eigene Welt entschwinden. Auch wenn diese keine simulierte Raumfahrt im Keller ist.

Karin Sutter bedankt sich bei Peter Stamm mit kleinem Biberkonfekt. «Wie die Erzählungen, kleine Stücke», sagt sie. Der Anlass klingt beim gemeinsamen Apéro und der Möglichkeit, sich ein Buch signieren zu lassen, aus.

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