
Herr Giezendanner, zynisch gesagt: Immerhin kann man sich als Landwirt die Sorgen aussuchen. PFAS, Milchpreis oder Trockenheit. Was beschäftigt Sie momentan am meisten?
Jetzt gerade? Die Trockenheit. Obwohl ich mich auch mit dem Thema PFAS intensiv auseinandersetze. Kürzlich habe ich dazu an der Delegiertenversammlung der Schweizer Milchproduzenten einen Antrag gestellt.
Mit welchem Inhalt?
Kurz zusammengefasst, geht es um Ungereimtheiten bei den Grenzwerten. Diese liegen bei Fisch beispielsweise um ein Tausendfaches höher als bei der Milch. Und um mehr Klarheit für die Betroffenen.
Wie könnte das erreicht werden?
Es braucht gesetzliche Grundlagen für die Betroffenen, finanzielle Entschädigungen, sinnvolle Grenzwerte und vor allem mehr Forschung. Denn – das sagen auch die Experten – bis jetzt haben wir noch gar keinen sinnvollen Lösungsansatz für die Beseitigung bzw. den Umgang mit PFAS. Meiner Ansicht nach müssen wir zuallererst dort ansetzen.
Nicht nur PFAS in der Milch ist ein Thema – auch der Milchpreis selbst. Im vergangenen Jahr brach er regelrecht ein. Wie ist die Situation heute?
Wenn wir die aktuelle Entwicklung anschauen (deutet auf eine Grafik auf dem Tablet), sehen wir, dass der Abwärtstrend inzwischen gestoppt ist. Der Milchpreis ist zwar noch zu tief, aber immerhin fällt er nicht noch weiter. Das ist vermutlich der einzige «positive» Nebeneffekt der Trockenheit.
Wegen der ausgetrockneten Böden wird in Europa weniger Milch produziert?
Genau. Aber – und das ist für den Milchpreis halt auch entscheidend – in den USA und Neuseeland wird weiter kräftig produziert. Noch wissen wir also nicht, wo sich der Preis mittelfristig einpendelt.
Ihnen bleibt ja kaum etwas anderes übrig, wenn das Gras von den Wiesen fehlt und es kaum Futter zu kaufen gibt.
Dafür gerät jetzt ein anderer Preis ins Wanken: der Fleischpreis.
Da müssen wir wirklich aufpassen. Wenn jetzt alle Landwirte ihre Kühe gleichzeitig weggeben, stürzt der Fleischpreis ab. Das wäre im aktuellen Umfeld katastrophal. Auch, weil die Entwicklung in diesem Bereich in den letzten zwei Jahren gut war. Hier sind die entsprechenden Verbände aber aktiv geworden und suchen das Gespräch mit den Landwirten.
Es ist aber auch verständlich, dass Landwirte ihre Kühe jetzt schlachten lassen, oder?
Auf jeden Fall. Ich kenne viele Bauern in und um Teufen, die fast zu diesem Schritt gezwungen wurden. Ihnen bleibt ja kaum etwas anderes übrig, wenn das Gras von den Wiesen fehlt und es kaum Futter zu kaufen gibt.
Wie gross ist hier in der Gegend üblicherweise der Futteranteil von den eigenen Wiesen?
Sehr hoch. Abgesehen vom Zusatzfutter bei vielen 90 bis 100 Prozent – bei mir auch. Heuer sieht die Sache aber ganz anders aus. Ein Schnitt fehlt komplett. Und beim aktuellen Schnitt gibt es viel weniger Ertrag als sonst.
Weil das Gras kaum gewachsen ist?
Das auch. Aber ich versuche zudem, den Boden mit einem etwas weniger tiefen Schnitt zu schonen. Üblicherweise lässt man die Grashalme bei 6 bis 8 Zentimetern stehen. Momentan bin ich eher bei 8 bis 10. Dahinter steckt die Hoffnung, dass die Wiese nicht komplett verdorrt und der Boden auch nicht.
Ich nehme an, das mit dem Düngen ist momentan auch so eine Sache …
Das ist schwierig, ja. Wir wollen – und dürfen – unseren wertvollen Dünger nur ausbringen, wenn der Boden aufnahmefähig ist. Diese Lücken sind momentan aber rar und kurz. Kürzlich musste ich spätabends raus. Um Punkt 22 Uhr habe ich aufgehört, der Nachtruhe zuliebe.
Am 3. August kamen die Rinder deshalb schon wieder hinunter ins Tal – einen ganzen Monat zu früh.
Die Land- und Alpwirtschaftlichen Genossenschaft Teufen hat ja auch Alpen unterhalb der Hochalp bei Urnäsch. Wie ist dort die Lage?
Nicht gut. Seit Wochen haben Wasser und Futter gefehlt. Am 3. August kamen die Rinder deshalb schon wieder hinunter ins Tal – einen ganzen Monat zu früh. Das ist wiederum eine Zusatzbelastung für die Landwirte: Wenig Futter und jetzt auch schon wieder alle Tiere hier.
Was können Sie als Landwirt in so einer Wetterlage für die Wiese und die Tiere tun?
Unser Stall ist relativ gross und offen gebaut. Dadurch kann die Luft gut zirkulieren und die Wärme staut sich weniger. Zusätzlich haben wir Ventilatoren installiert, die für eine gute Luftbewegung sorgen und den Kühen die heissen Tage erleichtern. Das sind aus meiner Sicht die wichtigsten Massnahmen, die man als Landwirt ergreifen kann: möglichst viel Frischluft, eine gute Luftzirkulation und ausreichend Wasser für die Tiere. Solche Einrichtungen verursachen zwar Kosten, sind aber eine sinnvolle Investition in das Tierwohl.
Was ist mit Duschen für die Kühe?
Kuhduschen im Stall halte ich eher für weniger sinnvoll, weil sie die Luftfeuchtigkeit erhöhen und ein tropisches Stallklima schaffen können. Sinnvoller sind Kuhduschen im Aussenbereich. Einige Landwirte in Teufen haben solche bereits umgesetzt.
Bei welcher Temperatur fühlt sich eine Kuh eigentlich wohl?
Bei unseren Rassen spricht man von 5 bis 15 Grad. Die Tiere sind also momentan ständig im Hitzestress. Das wiederum erleichtert die Verbreitung von Krankheiten – wie aktuell die Rindergrippe.
Was ist mit dem Grünland?
Eine Möglichkeit wäre hier das Aussäen einer anderen Futterpflanze. Mais oder Sorghum kommen mit Hitze und Trockenheit zum Beispiel besser klar. Aber auch hier gilt: Das muss man sich gut überlegen. Niemand weiss, wie der nächste Sommer wird. Ist es dann durchgehend nass, wird die Ernte nicht einfach und zudem muss man bei neuen Kulturen den zusätzlichen Aufwand für Pflege, Pflanzenschutz und Bewirtschaftung berücksichtigen.

Sie sind seit bald 20 Jahren hauptberuflich Landwirt. Dank ihrer anderen Ämter bei Genossenschaften und Politik kommen Sie mit vielen anderen Landwirten in Kontakt. Wie ist die Stimmung?
Die ist gedrückt. Nicht nur wegen der Trockenheit und der angesprochenen wirtschaftlichen Herausforderungen. Vor allem die fehlende Wertschätzung macht vielen zu schaffen. In der Bevölkerung scheint das Verständnis für die landwirtschaftliche Arbeit und die dafür nötige Flexibilität nicht mehr gleich gegeben zu sein wie früher.
Aber an der Urne stärkt euch das Volk doch immer den Rücken. Zuletzt bei der Ablehnung der Biodiversitätsinitiative im Herbst 2024. Und auch am 27. September gibt es zur «Ernährungssicherhitsinitiative» ziemlich sicher ein «Nein».
Das stimmt und freut uns auch. Aber ich frage mich schon, warum wir uns eigentlich ständig im Abstimmungskampf für unseren Erhalt befinden müssen? Wobei – und das stimmt auch – immerhin haben wir so Gelegenheit aufzuzeigen, was wir machen. Ausserdem …
Ja bitte?
… ich wünschte, die Schweizerinnen und Schweizer, die uns an der Urne unterstützen, würden das auch beim Einkaufen tun.
Sie sprechen von einheimischen Produkten?
Zum Beispiel. Alle rufen danach, greifen dann aber doch zum günstigeren Fleisch aus dem Ausland. Ähnlich ist es bei den BIO-Produkten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde es richtig, dass der Markt spielt. Aber es wäre schon schön, wenn wir hier etwas mehr Solidarität spüren würden. Wir liefern ja auch die verlangte Qualität.
Für mich ist entscheidend, dass im Laden klar erkennbar ist, wie und wo ein Produkt hergestellt wurde.
Sie sagen, der Markt soll spielen. Aber Freihandelsabkommen wie Mercosur sind aus Sicht der Schweizer Landwirtschaft ja wohl eher eine Marktverzerrung. So günstig wie in Brasilien werden Sie hier nie Fleisch produzieren können.
Natürlich. Und das wollen wir auch nicht. Haben Sie mal gesehen, wie die Kühe dort gehalten werden? Hitzestress ist da noch das geringste Problem. Deshalb fordert der Bauernverband ja auch eine Entschädigung bei Einführung dieses Abkommens. Unsere Standards beim Tierwohl, beim Umwelt- und Gewässerschutz sowie bei der Lebensmittelsicherheit sind höher und das hat seinen Preis. Für mich ist entscheidend, dass im Laden klar erkennbar ist, wie und wo ein Produkt hergestellt wurde. Und wer hohe Anforderungen an die Schweizer Landwirtschaft fordert, sollte diese Produkte auch im Laden bewusst wählen. Selbst wenn sie etwas mehr kosten.
Vielleicht bräuchte es auch mehr Direktverkauf?
Das ist auch ein Ansatz. Nur schon, weil der Detailhandel viel von der Marge abschöpft. Und dafür gibt es auch schon viele Beispiele – auch bei uns in Teufen. Aber mengenmässig ist das natürlich vernachlässigbar.
Sie machen diesen Job seit bald 20 Jahren hauptberuflich. Ist er schwieriger geworden?
Ich würden sagen, ja. Aus mehreren Gründen: strengere Regulierungen, mehr wirtschaftlicher Druck, weniger Verständnis aus der Bevölkerung, extremere Wetterlagen.
Was für Wetter wünschen Sie sich für den Herbst?
Sicher Niederschlag. Aber nicht durchgehend und nicht nur gewitterhaft, sondern schön gleichmässig. Perfekt wäre, wenn sich Regen und schönes Wetter wochenmässig abwechseln. Wie vor zwei Jahren – das war ideal. Aber vor allem nicht noch ein heftiger Hagelschlag. Das wäre fatal.