Im Kemmental (TG)

07.09.2026 | Sepp Zurmühle
wanderung_kemmental_2026 (43)

Nicht ganz überraschend dieses Jahr: Auch am heutigen 3. September 2026 herrscht herrliches Wanderwetter im Thurgau. Ein unbekanntes Tal offenbart einige seiner Schätze und einstigen Ereignisse. Wussten Sie, dass der erste Kaiserschnitt schon vor rund 500 Jahren genau hier gewagt wurde und sogar gelang? Beeindruckende Folgen der Sturmschäden vor einer Woche sind auf Schritt und Tritt Tagesbegleiter.

Mit dem Bus ab Weinfelden treffen die 19 Teilnehmenden an der Haltestelle Schlatt in Hugelshofen ein. Das kleine Dorf zählt rund 400 Einwohnende und bildete 1803 bis 1995 mit der Ortsgemeinde Dotnacht die Munizipalgemeinde Hugelshofen im Bezirk Weinfelden. Urkundlich erstmals erwähnt wurde es bereits 1176 als Hugolteshouen. Trotz der Umnutzung von Bauernbetrieben zu Wohnbauten bewahrt Hugelshofen bis heute seinen Charakter als Bauerndorf.

Die Wandergruppe begibt sich auf den Weg zur Dütschenmühle am Chemebach und dann zum Weier Unterbächli, neben der Neumühle. Wir sind nun mitten im Kemmental. Bereits nach wenigen Metern fallen umgestürzte Bäume und heruntergefallene Äste auf. Auf den zahlreichen Waldwegen, die heute gewandert werden, liegen übermässig viel Laub, Tannzapfen und Äste am Boden. Später stimmen die regelrecht zerfetzten Mais- und Rübenfelder und auch die stark beschädigten, praktisch erntereifen Weiss- und Rotkohl-Köpfe nachdenklich.

Kemmental

Das Kemmental liegt zwischen dem Seerücken und dem Ottenberg (Hügelzug im Süden des Untersees). Die nach diesem Tal benannte Gemeinde Kemmental zählt heute, mit einer Fläche von 25 Quadratkilometern, zu den grössten Gemeinden im Kanton Thurgau. 2800 Menschen leben hier. Der Name Kemmental wurde bei der Gemeindefusion gewählt und bezieht sich auf den Chemebach (genannt Kemme), der die Gemeinde von Osten nach Westen durchfliesst. Die Landschaft des Kemmentals ist geprägt durch die Landwirtschaft (67 Prozent) und Waldgebiete (24 Prozent). Gerade einmal 9 Prozent sind besiedelt.

Per 1. Januar 1996 schlossen sich acht Gemeinden, unter anderm Hugelshofen, Lippoldswilen und Siegershausen, zur politischen Gemeinde Kemmental zusammen. Dazu gehören zudem auch Bommen mit den Bommerweiern.
Einzelpersonen aus der Gemeinde haben Geschichte geschrieben. Der erste dokumentierte und gelungene Kaiserschnitt an einer lebenden Schwangeren wagte um 1500 der «Säulischneider» (Tierkastrierer) Jakob Nufer aus Siegershausen und gehört damit zu den dramatischen Kapiteln der Humanmedizin.

Die Kemme

Der Chemebach oder Chemibach wurde 1155 erstmals schriftlich erwähnt, mit der Bedeutung «krümmen, biegen». Der Bach ist landschaftsprägend. Das anfangs kleine Bächlein nimmt dank weiterer Bäche rasch an Grösse zu und kann bei Gewitterregen gar zu einem reissenden Fluss anschwellen. Er fliesst nach knapp 19 Kilometern nahe Pfyn in die Thur.

Im Verlaufe ihrer jahrtausendealten Geschichte hat sich die Kemme an mehreren Orten tief in Sandstein- und Mergel-Ablagerungen eingegraben. Diese Bachlandschaft ist wegen ihrer Pflanzen- und Tierwelt interessant. Hier gibt es noch Eisvögel und Kiebitze zu bewundern.

Die Wasserkraft der Kemme wurde früher mehrfach genutzt. Ortsnamen wie Dütschenmühle, Mannenmühle und weiter unten Klingenmühle und Grubmühle zeugen davon. Via Tobelwis geht’s nach Chrachenburg, wo weit und breit keine Burg zu sehen ist. Der Name «Chrache» bedeutet: «Burgstelle oberhalb einer tiefen Schlucht». Kurz darauf erreicht die Gruppe Lippoldswilen und biegt ab Richtung Hagholz und wieder hinunter zum Chemebach.

Picknick am Wasser

Direkt an der Kemme befindet sich der schöne Picknickplatz. Beim Eintreffen schlägt der Puls der Wanderleiterin Mägi Koller jedoch ziemlich schnell, denn der Platz ist durch eine lebhafte Schulklasse besetzt. Was nun? Beim ersten Nachfragen stellt sich heraus, dass der Picknickplatz in wenigen Minuten frei wird. Die beiden Lehrerinnen möchten nur noch die Schlussbesprechung machen. Dies nach einem spannenden Vormittag in der Natur. Unter anderem haben die Viertklässler eigene «Dampfboote»(mit Hilfe von Rechaudkerzen) gebaut und in der hier sehr ruhig fliessenden Kemme schwimmen lassen. Stolz packt ein Junge sein Boot noch einmal aus und zeigt es den neugieren Wandernden.

Nach dem Mittagessen erreicht die Gruppe die Stelle, wo es zur Burgruine Schleifenrain hinauf geht. Es ist ziemlich heiss. Auf Nachfrage der Wanderleiterin, entschiedet die Gruppe unten stehen zu bleiben und ihren Ausführungen zuzuhören.

Die Burg war eine sogenannte Höhenburg (481 m.ü.M.). Nur noch die Grundmauern stehen. Die einstige Burg wurde vermutlich im 12. Jahrhundert erbaut. In den 1960er-Jahren erfolgten Grabungen, welche die Fundamente eines Turmes und eines Anbaues freilegten. Über die Besitzverhältnisse ist bis heute nichts bekannt. Es wird vermutet, dass die Burg den Herren von Hugelshofen (Dienstleuten des Bischofs von Konstanz) gehörte.

Blickfang Ottoberg

Weiter geht’s nach Riet, dann Wald und hinauf nach Ottoberg, vorbei am wunderschönen Weiler «Hinterer Ruberbaum» mit äusserst gepflegten Naturgärten. Das nachfolgende Dorf Ottoberg liegt am südwestlichen Abhang des Ottenbergs, gegen das Thurtal. Es ist im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz aufgelistet. Die vielen gepflegten Riegelhäuser sind absolut sehenswert. Zum Beispiel die ehemalige Trotte, mehrere eindrückliche Häuser und Bauernhäuser, das Schlössli sowie das Wirtshaus Weinberg können bestaunt werden. Im schmucken Dorf wohnen heute wieder 600 Personen. Im Jahr 2000 waren es noch 360, vor 200 Jahren jedoch bereits mehr als 600.

Hier besteigen drei Wandernde, welche die kürzere Route mit rund neun Kilometern gewählt haben, den Bus Richtung Weinfelden. Die anderen wandern gut vier Kilometer weiter, via Waidli, steil hinauf zum Schloss, vorbei und mit Blick über die herrlichen Rebberge. Die Traubenernte ist gerade in vollem Gange. Andere Parzellen sind bereits geerntet. Die Schweissperlen der Wandernden und der Erntehelfer kullern von den Stirnen.
Unterhalb des Schlosses informiert die Wanderleiterin über dessen turbulente Vergangenheit und den Glücksfall

August von Finck, der dem heruntergekommenen Schloss ab 1972 wieder neues Leben einhauchte. Dank ihm thront es heute wieder als Wahrzeichen über dem Städtchen. Bis zum Bahnhof Weinfelden geht’s nur noch bergab. Nach gut 13 Kilometern in den Beinen wird der Schlusstrunk im schönen Café La Stazione von allen sehr genossen.

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