
Herr Kellner, für die, die Sie nicht kennen: Wer sind Sie?
Ich bin in Namibia geboren und aufgewachsen und habe in Göttingen und San Diego (Kalifornien) Physik studiert. In San Diego bin ich zu meiner eigenen Überraschung auf meiner Suche nach dem Sinn des Lebens im Christsein fündig geworden. Zurück in Deutschland ging es nach der Promotion in den Beruf: zunächst in die Kernenergieindustrie und danach zur Raumfahrtfirma Astrium Space Transportation (heute ein Geschäftsbereich der Airbus Defence & Space) nach Bremen. Dort war ich lange Zeit zuständig für alle Rechnersysteme für die europäische bemannte Raumfahrt und schliesslich stellvertretender Technischer Direktor der internationalen Firma. Ich schreibe Bücher und halte Vorträge über die eigentliche Bedeutung des Christseins. Ich bin verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.
Sie sprechen diesen Freitag im Kirchgemeindehaus Hörli über den «Sinn des Lebens». Brauchen wir überhaupt einen «Sinn»?
Ob wir es bewusst wahrnehmen oder nicht: jeder Mensch bemüht sich um ein sinnerfülltes Leben – sei es durch Beruf, Besitz, zwischenmenschliche Beziehungen, Leistung, Ansehen usw. Letztlich sind wir alle damit unterwegs, unserem Leben einen Sinn zu geben.
Anders gesagt: Jeder Mensch hat sowieso bereits einen Sinn, nicht? Warum also noch weitersuchen? Was gewinnen wir dadurch?
Sofern der Sinn im Vergänglichen besteht (wie gesagt: Beruf, Besitz usw.,) schwebt über diesen Sinngebungen immer das Damoklesschwert des Verlustes und des damit verbundenen Leids. Wie der Buddhismus schon erkannte: das «Anhaften» am Vergänglichen ist die Ursache allen Leids. Um dem zu entkommen, lohnt sich die Suche nach einem endgültigen, unveränderlichen Sinn.
Wenn es hin und wieder zu Missständen kommt, liegt das an einem missverstandenen Evangelium.
Die Sinnsuche scheint momentan sowieso einen ziemlichen Aufschwung zu erleben. Davon profitieren auch Freikirchen. Wie stehen Sie diesen Institutionen gegenüber? Dieser Anlass wurde ja von der «Gemeinde von Christen» St. Gallen organisiert.
Weit verbreitet ist heute eine irrige Vorstellung vom Christsein als eine Zugehörigkeit zu einer Institution – meist mit altmodischen Verhaltensvorschriften. Tatsächlich ist das eigentliche Christein etwas ganz anderes: eine innere Erfahrung, den endgültigen Sinn des Lebens gefunden zu haben. Und es ist eine Freude, mit Menschen Gemeinschaft zu haben, egal, in welchen Gemeinden sie anzutreffen sind (Freikirchen, Landeskirchen usw.), die von dieser gleichen Wahrheitserkenntnis beseelt sind.
Damit beschreiben Sie Ihre Erfahrung des «Christseins». Die Frage zielte aber eher auf den Boom der Freikirchen ab. Sehen Sie darin gar kein Risiko? Nicht alle Freikirchen sind schliesslich komplett harmlos …
Dass immer mehr Menschen heutzutage in ihrer Suche nach dem Sinn im Christsein fündig werden und dadurch ihre Gemeinschaft gerade in den Freikirchen immer weiter anwächst, ist sehr zu begrüssen. Wenn es hin und wieder zu Missständen kommt, liegt das an einem missverstandenen Evangelium – meist infolge menschlicher Machtansprüche an Stelle des Gebotes der Nächstenliebe. Das ist bedauerlich, tut aber der Botschaft des Evangeliums keinen Abbruch.
Sie selbst haben Ihren Sinn im «Christsein» gefunden. Allerdings trennen Sie diesen Begriff immer wieder dezidiert von der «Religion». Wo liegen die Unterschiede?
In den Religionen geht es darum, durch eigenes religiöses Tun (Meditation, Einhalten von religiösen Gesetzen und Feiertagen usw.) alle Schuld zu bereinigen und dadurch eine Akzeptanz bei Gott zu erarbeiten (z.B. im Judentum und Islam) oder eine Loslösung von allem Leid zu erreichen (z. B. im Buddhismus und Hinduismus). Die Bibel sagt, das schafft kein Mensch: Gott ist zu heilig, sein Massstab ist zu hoch. Die auch logisch leicht einsehbare Folge: Gott tut es selbst, indem er in Jesus Christus am Kreuz alle Schuld bezahlt.
Das klingt schön. Nur leider kann ich nicht ganz folgen: Inwiefern ist das Christsein nun etwas anderes als eine Religion? Auf Ihre Erklärung könnte ich erläutern: Auch das Christstein ist eine Religion, sie ist bloss klüger aufgebaut bzw. ihre Vorgaben sind einfacher zu erfüllen …
Der Unterschied zwischen den Religionen und dem Christsein liegt darin, dass in den Religionen die Akzeptanz bei Gott bzw. das Eingehen in einen leidfreien Zustand immer durch das Einhalten von religiösen Verhaltensweisen erreicht werden soll. Während – direkt im Widerspruch dazu – das Christsein explizit konstatiert, dass das aus dem beschriebenen Grund unmöglich ist. Das ist nicht klüger aufgebaut – es ist etwas völlig anderes.
Dass die Physik die Absicht hat oder haben könnte, den Ursprung der Naturgesetze zu ergründen, ist tatsächlich ein Missverständnis.
Sie haben ursprünglich ein Physik-Studium absolviert. In einem Ihrer YouTube-Videos bezeichnen Sie das Studium zwar als hochspannend. Eine Antwort habe es aber nicht geliefert. Das liege vor allem daran, dass die Physik nicht nach den grundlegendsten Antworten suche. Wie meinen Sie das? Die Physik versucht ja schliesslich, bis zum «Beginn» vorzudringen.
Die Physik hat sich lediglich die Aufgabe gestellt, Naturgesetze zu entdecken – und staunt darüber, wie genial die sind. Aber die Frage, woher die kommen, und was sie mit dem Sinn unseres Lebens zu tun haben, ist nicht ihre Zielsetzung und daher auch nicht ihr Ergebnis.
Mir scheint es, diese Erklärung greift etwas zu kurz. Die Physik wird sich ziemlich sicher auch dem Ursprung der Naturgesetze zuwenden, sobald sie diese völlig verstanden hat. Das ist doch irgendwie auch Sinnsuche, nicht?
Dass die Physik die Absicht hat oder haben könnte, den Ursprung der Naturgesetze zu ergründen, ist tatsächlich ein Missverständnis. Ihre Arbeit besteht in der Aufgabe, das Verhalten der Natur zu erforschen, und ihre Methodik besteht darin, dieses in mathematischen Modellen zu beschreiben. Die Frage, warum diese Gesetze existieren, stellt sie nicht. Noch nicht einmal diese Frage könnte sie mit ihrer Methode der mathematischen Modellbildung beschreiben, geschweige denn beantworten. Diese Frage ist Gegenstand der Metaphysik.
Unsere Welt ist im Umbruch; Krieg, politische Verwirrungen, Unsicherheit. Über diese Bedrohungen und den «Verfall der christlichen Werte» sprechen Sie in Ihren YouTube-Videos ebenfalls. Was ist Ihre Empfehlung für Menschen, die nach und nach die Hoffnung verlieren?
Laut Bibel hat der Mensch sein Ego an die Stelle Gottes als steuernde Instanz gesetzt, mit dem Ergebnis dieser Bedrohungen, von der Sie sprechen. Aber ab dem Moment, wo ein Mensch die Bereinigung der Barriere zwischen ihm und Gott – seine Schuld – im Glauben erfasst, erfährt er eine vorher nicht bekannte Geborgenheit in der Liebe Gottes, einen Frieden, der ihn immun macht gegen diese äusseren Bedrohungen einer egoistischen Welt. Das ist zwar wachstümlich, aber real erfahrbar. Und diese Erfahrung wünsche ich allen Menschen.
Ich sehe mich nicht als Missionar.
Ihre Empfehlung ist folglich: Lesen Sie die Bibel und glauben Sie an Gott?
Wie schon beschrieben: die Grundbefindlichkeit des Christseins beginnt mit der Bereinigung der Barriere zwischen ihm und Gott. Das ist meine Empfehlung. Anschliessend beginnt aber immer ein Interesse an der Bibel und ein vorher unbekanntes Verständnis für sie: in ihren Erläuterungen findet man immer mehr die eigenen Erfahrungen gespiegelt.
Was ist Ihre persönliche Motivation für Ihre Öffentlichkeitsarbeit? Warum halten Sie Vorträge und veröffentlichen, Videos und geben Interviews?
Wenn man die Erfahrung des eigentlichen Christseins macht, dann ist das Sinn des Lebens pur. Das kann man seinen Mitmenschen nicht vorenthalten.
Ihre Motivation ist also missionarischer Natur?
Ich sehe mich nicht als Missionar in dem Sinne, dass ich Menschen etwas aufzwingen will. Ich berichte über den Sinn des Lebens, den weltweit Millionen Menschen erfahren. Was Zuhörer damit machen, ist ganz und gar ihre Sache.
Und zum Abschluss: Was erwartet die Zuhörerinnen und Zuhörer am Freitag? Wem würden Sie eine Teilnahme empfehlen?
Es geht um die eigentliche Bedeutung des Christseins. Gerade weil das Christsein heutzutage bloss als eine weitere Religion verstanden wird, wäre die Teilnahme für jeden zu empfehlen. Aber ganz besonders wohl auch für diejenigen, die schon mehr oder weniger bewusst nach dem tieferen Sinn des Lebens suchen.