


Herr Michel, ist die Pollenbelastung dieses Jahr stärker als sonst?
Ob sie tatsächlich stärker ist als sonst, kann ich nicht sagen. Und wir neigen ein bisschen dazu, jede Grippesaison, jede Heuschnupfenzeit als «die schlimmste» wahrzunehmen. Aber natürlich, die Schneedecken liegen nicht mehr so lange wie früher. Der Frühling hat heuer früh eingesetzt und es war jetzt lange sehr trocken. Das hat einen Einfluss auf die Pollenbelastung.
Wie zeigt sich das in der Drogerie?
Die Anzahl an Kunden und Kundinnen, die von Heuschnupfen geplagt sind, ist jedes Jahr ähnlich. Normalerweise geht das ab April so richtig los, dieses und übrigens auch letztes Jahr kamen die ersten Geplagten aber schon im Februar vorbei. Die Pollensaison ist also deutlich früher gestartet als in anderen Jahren.
Kommen jedes Jahr etwa die gleichen Leute mit Heuschnupfen vorbei?
Es gibt Langzeitpatienten und -patientinnen. Aber auch Menschen jeden Alters, die ihre erste Heuschnupfen-Saison erleben. Wer die Reaktion auf Pollen von sich noch nicht kannte, ist dann oft auch erstmal unsicher.
Ob das nun Heuschnupfen ist oder nicht?
Genau. Vielleicht muss ich plötzlich ungewohnt oft niesen. Oder habe einen trockenen Reizhusten. Dann frage ich mich: Ist das ein sich anbahnender viraler Infekt? Oder plagen mich tatsächlich die Pollen? Die Symptome sind sehr ähnlich.
Also gibt es gar keine konkreten Hinweise darauf, ob einem die Pollen zu schaffen machen oder eine Erkältung?
Charakteristisch für die Pollenallergie ist, dass sie heftigen Juckreiz hervorruft. Das kann also ein guter Hinweis sein. Besonders in den Augen, am Gaumensegel oder manchmal auch in den Ohren. Wir kommen dem Ursprung mithilfe der richtigen Fragen meistens auf die Spur …
Charakteristisch für die Pollenallergie ist, dass sie heftigen Juckreiz hervorruft.
Aber es kann also gut sein, dass eine Person noch nie mit Heuschnupfen zu kämpfen hatte und eines Tages bzw. eines Frühlings geht es plötzlich los?
Das kann sehr gut sein, ja. Bei manchen Menschen wächst sich die Pollenallergie aus und sie sind plötzlich beschwerdefrei. Und dann gibt es halt auch jene, bei denen die Pollenallergie irgendwann einsetzt. Nicht selten geht das mit grösseren hormonellen Veränderungen einher. Bei Frauen können das zum Beispiel eine Schwangerschaft, die Geburt oder die Wechseljahre sein.
Dann kann man also nur hoffen … Was hilft, wenn es einen doch erwischt?
Die Gratis-Tipps sind sicher: Haare und Gesicht am Abend waschen, die Kleider nicht ins Schlafzimmer nehmen und eventuell Nasenspülungen machen. Und ich würde die Fenster entweder mit Pollengittern ausrüsten oder über Nacht geschlossen lassen. Vor allem, wenn direkt davor noch fünf Haselsträucher stehen. (lacht)
Weil diese Allergiker besonders plagen?
Nur manche. Alle reagieren auf andere Pflanzen und deren Pollen. Aber das genau zu wissen, macht keinen Unterschied im Alltag. Darum rate ich auch immer davon ab, diese Tests zu machen. Wenn es jetzt zum Beispiel Birken und Gräser sind, kann ich ja trotzdem nicht entscheiden, nie mehr einer Birke zu begegnen. Allenfalls macht es aber Sinn, einmal abzuchecken, ob andere Allergien dazugekommen sind. Das neue Büsi zum Beispiel, welches seine Haare überall verteilt und gerne gekrault wird.
Also einfach weiterhin frohen Mutes durch den Frühling spazieren …
Wer Heuschnupfen hat, tut gut daran, den Pollenkontakt möglichst kurz zu halten. Oder die Pollen sicher schnell abzuwaschen, nachdem man wieder zu Hause angekommen ist. Es kann helfen, den Sport auf den Morgen zu legen, weil dann die Luft noch weniger belastet ist. Und: es braucht die richtigen Medikamente zur richtigen Zeit. Ein Antihistamin-Nasenspray wird beispielsweise am besten morgens angewendet, bevor die Schleimhäute bereits aufgeschwollen sind. Andernfalls helfen hier nur noch kurzfristig einzusetzende abschwellende Nasensprays.
Wer Heuschnupfen hat, tut gut daran, den Pollenkontakt möglichst kurz zu halten.
Gibt es denn auch irgendwelche Hausmittel gegen Heuschnupfen?
Leider nicht. Sowas wie eine Zwiebel bei einer Erkältung, haben wir gegen Pollenallergie nicht. Es gibt aber pflanzliche Antihistaminika, die genauso gut wirken wie klassische. Generell ist es auch nicht nötig, zwei bis drei Monate durchgehend eine konventionelle Tablette am Morgen zu nehmen. Gerade bei Kindern gibt es auch feinere Herangehensweisen, beispielsweise Homöopathie oder Spagyrik. Wir suchen immer nach individuellen Lösungen.
Allergien nehmen weltweit zu. Woran liegt das? Eine pauschale Antwort darauf haben wir nicht. Das könnte verschiedene Gründe haben: Eine höhere Feinstaubbelastung, verarbeitete Lebensmittel oder die Tatsache, dass wir immer hygienischer leben. Letzteres hat leider nicht nur Vorteile. Das Immunsystem entwickelt sich besser, wenn es unterschiedlichen Reizen ausgesetzt wird. Wir können also getrost auch mal wieder ein bisschen «Dreck» zulassen.
