
Hinweis: Hier lesen Sie mehr über Hans-Peter Ulli. Und hier geht es zum Agenda-Eintrag der Uraufführung.
Herr Ulli, es ist Freitagmorgen. Heute Abend ist Uraufführung. Sind Sie ready?
Wir sind bereit, ja. Wir hatten sehr gute Proben. Nur schade ist, dass der Vorverkauf nicht wirklich läuft. Vielleicht liegt es am Thema.
Sexueller Missbrauch.
Genau. Einigen ist das wohl einfach zu schwer. Das hat vermutlich auch mit der generellen «Schwere» in der Welt zu tun. Man denkt sich möglicherweise: Ich will jetzt nicht auch noch in meiner Freizeit mit sowas Anstrengendem konfrontiert werden. Dafür habe ich Verständnis. Aber das Stück ist überhaupt nicht nur streng – es ist auch sehr humorvoll!
Das muss ich Ihnen jetzt wohl glauben.
Können Sie ruhig (lacht). Sie müssen sich das so vorstellen: Dieser Rolf, der völlig zurückgezogen in einer Berghütte lebt, grummelig, in sich gekehrt und verschlossen, will eigentlich von niemandem mehr etwas wissen. Und plötzlich ist er mit dieser jungen, lebensfrohen, quirligen Anna konfrontiert. Dieser Kontrast hat einiges an komischem Potenzial zu bieten.
Das Stück ist überhaupt nicht nur streng – es ist auch sehr humorvoll!
Aber die Kerngeschichte ist schon ziemlich ernst … Ich glaube, ich habe in der Appenzeller Zeitung gelesen, das sei ihr schwierigstes Stück?
Nein, nein, das «wichtigste». Schwierig sind eigentlich alle.
Und warum ist es so wichtig?
Weil wir beim Thema sexueller Missbrauch endlich hinschauen müssen. Wir haben definitiv lange genug weggeschaut. Das wurde mir während meiner Arbeit als Coach klar.
Dabei kamen sie mit solchen Fällen in Kontakt?
Nicht direkt. Aber mit Menschen, die so etwas erlebt haben und noch Jahrzehnte später darunter leiden. Das hat mich tief betroffen gemacht. Daraus entstand dann irgendwann die Idee von «Engel und Dämonen».
Wann haben sie dieses Stück geschrieben?
Vor 7 Jahren. Allerdings ist die Fassung, die wir nun aufführen, bereits die 12. Variante (lacht).
Das Setting ist sehr eng, das Thema sehr emotional, eine gute Chemie zwischen den Schauspielenden essenziell.
Da wurde also einiges umgeschrieben. Warum?
Ich wusste von Anfang an, dass ich dieses Drama nur mit der perfekten Schauspiel-Partnerin aufführen kann. Das Setting ist sehr eng, das Thema sehr emotional, eine gute Chemie zwischen den Schauspielenden essenziell. Als ich dann während «Hair –Reloaded» mit Boglárka Horváth zusammenarbeitete, wusste ich: Sie ist es. Zum Glück hat sie dann ziemlich schnell zugesagt.
Dann ging es ans Verfeinern?
Genau. Wir waren uns einig, dass wir dafür ein «Auge von aussen» brauchen. Also eine Schauspiel-Regie. Das hat uns enorm geholfen und das Stück massiv verbessert.
Was ist Schuld? Was Vergebung? Kann ich mir überhaupt vergeben? Anderen? Wähle ich Rache oder Vergebung?
Sie spielen einen zurückgezogenen alten Mann, der sich mit einer sehr schwer lastenden Schuld auseinandersetzen muss. Wie viel lernt man während so eines Stücks über sich selbst?
Sehr viel. Wir beide mussten uns ja auch emotional öffnen, um diese Rollen überhaupt überzeugend spielen zu können. Dabei geht es um Fragen wie. Was ist Schuld? Was Vergebung? Kann ich mir überhaupt vergeben? Anderen? Wähle ich Rache oder Vergebung? Engel oder Dämonen.
Hoffen Sie, diese Fragen auch im Publikum zu wecken?
Das wäre natürlich schön. Ich glaube, es wäre für uns alle wichtig, uns diese Fragen häufiger zu stellen. Unser Wertesystem und unsere Handlungen regelmässig zu hinterfragen. Und auch diesen schweren Themen nicht aus dem Weg zu gehen.
Gibt es wenigstens ein Happy End?
Diese Frage höre ich nicht zum ersten Mal (lacht). Sagen wir es so: Ursprünglich hatte das Stück ein ziemlich düsteres Ende. Mit den Überarbeitungen hat sich das geändert. Nun würde ich es als «tragisch-hoffnungsvoll» bezeichnen.
Hinweis: Hier finden Sie einen aktuellen TVO-Beitrag zu «Engel und Dämonen».