Xoán Castiñeira: «In Teufen haben wir alles»

09.08.2018 | Erich Gmünder
xoan castineira flueckiger bach roman zech (7)
Interview: Erich Gmünder. Fotos: Roman Zech, Erich Gmünder Vor zwei Jahren haben wir das gleiche Interview mit Ihnen betitelt mit: „Wir wollen raus aus dem Elfenbeinturm.“ Gilt das immer noch? Xoán Castiñeira: Das gilt nach wie vor. Wir haben sogar noch ein vielseitigeres Programm als das letzte Mal. Damals war es schon gewaltig, wie das Interesse geweckt wurde in den verschiedensten Regionen der Schweiz und darüber hinaus, und dieses Mal ist es noch intensiver. Insofern kann man sagen: Raus aus der Kirche;in Trogen, Speicher oder Teufen, wo wir unsere Kantatenkonzerte machen. Raus aus dem Kantatenrhythmus, dem Kern der Stiftungstätigkeit. Mit den Jahren haben wir uns weiter entwickelt, haben neue Facetten von Bach entdeckt, aber auch von anderen Komponisten. Wir verstecken uns nicht in einem Türmchen, sondern werden immer sichtbarer. Wie lässt sich der Erfolg noch toppen – was ist diesmal anders als in den Vorjahren? Wir haben organisatorisch sehr viel dazugelernt. Wir verzichten auf Sachen, die nicht effizient sind, und fokussieren auf unsere Stärken. Beispielsweise hatten wir letztes Mal ein grosses Besucherzentrum mit gastronomischem Angebot im Zelt beim Zeughaus, mit einem tollen Caterer. Das war schön, aber finanziell zu aufwendig. Die Zelte sind alle weg, und das Besucherzentrum reduziert sich auf das Foyer im Lindensaal. Dort ist der Empfang untergebracht, mit Information, Bach-Shop und Kiosk mit Verpflegungsangebot. Es galt, unsere Energie zu bündeln. Alles, was wir nicht selber anbieten können, machen wir einfach nicht. Es gibt genügend gute Restaurants in Teufen. Im Übrigen ist das künstlerische Konzept weitestgehend eine Verlängerung des bestehenden Konzeptes, aber optimiert aus organisatorischer Sicht. Jetzt hoffen wir, dass nicht nur die vielen Bachfans und interessierten Menschen aus Bern, Lausanne, Süddeutschland oder Berlin kommen, sondern auch die Leute aus Teufen, aus Stein, aus Speicher, aus Trogen, aus Appenzell. Wer soll sich angesprochen fühlen? Ich erwarte ein buntes Gemisch  von allen möglichen Menschen. Mit unserem diesjährigen Programm unter dem Titel „Bach-Bilder“ gibt es sicher etwas für jedermann. Also vom hochstehenden Referat über etwas abgehobene Inhalte zum Thema Bach bis hin zum Jodeln in der Früh in der Kirche Stein, dem Jugendprojekt und natürlich der Kantate. Der Bezug zwischen Musik und Landschaft ist für uns sehr wichtig. So machen wir eine Konzertwanderung durch die liebliche Appenzeller Landschaft, mit einem Akkordeonisten: Er spielt die Goldberg-Variationen von Bach am Goldibach. Dadurch kann eine völlig neue Dimension des Appenzellerlandes erfahren werden. Wie viele Besucher erwarten Sie dieses Jahr? Wir hatten 2016 4000 Besucher, dieses Jahr rechnen wir mit 5000. Möglich ist das, da wir teilweise mehr Kapazitäten anbieten können, so weil wir das Rezital und die Kantate doppelt durchführen. Wichtig ist mir bei dieser Gelegenheit, zu betonen, dass dieser Anlass für unsere kleine Organisation mit beschränkten finanziellen und personellen Ressourcen ein Riesenaufwand ist. Wir sind sehr angewiesen auf Kooperationen mit Firmen und Sponsoren oder mit der Gemeinde Teufen. Sie leistet einen finanziellen Beitrag und stellt uns Gallus Hengartner zur Verfügung. Ohne das wäre es wirklich nicht möglich. Der Wunsch ist, die Bachtage mittelfristig zu etablieren. Schön wäre es, wenn sie zu einer Art Schubertiade werden wie in Schwarzenberg oder Hohenems (Vorarlberg) oder sogar vergleichbar mit den Bregenzer Festspielen. Aber wie gesagt, dafür sind wir sehr angewiesen auf die Kooperation mit der Region. Und Teufen bleibt Drehscheibe? Wenn die Teufner wollen, dann klar ja. Wir haben hier alle Qualitäten und Voraussetzungen, die notwendig sind. Wir haben eine perfekte Landschaft, wir haben zwei Säle, eine gute ÖV-Anbindung, gute Hotels. Hier fehlen uns einzig die Kapazitäten, aber da ist St. Gallen ja auch nicht weit. Die Voraussetzungen wären also da, um mittelfristig eine appenzellische „Bachiade“ zu etablieren. Das ist unsere Idee. Wie ist Ihr persönlicher Bezug zur Landschaft hier? Seit Ende März wohne ich mit meiner Partnerin an der Rütihofstrasse in Niederteufen. Wir fühlen uns sehr wohl hier und bereuen den Umzug keine Minute. Zugegeben: Ich musste meine Freundin zunächst ein bisschen überzeugen, dass sie weg von St. Gallen kommt, aber nach der Überzeugungsphase ging es dann relativ schnell, und heute möchte sie nicht mehr zurück. Was macht es denn aus, dass sich jemand, der in der Kulturmetropole Barcelona aufgewachsen ist, von dieser Landschaft so angezogen fühlt? Die Lebensqualität! Konkret? Einerseits natürlich die wunderbare Landschaft, die Möglichkeit, Ferien zu machen dort, wo man wohnt. Wir haben alles hier: Wir sehen den Säntis, den Bodensee. Wir machen wunderbare Spaziergänge spätabends. Anderseits haben wir hier alles, was man im Alltag braucht und müssen nicht unbedingt nach St. Gallen einkaufen gehen, wir können das auch in Teufen machen. Und für Menschen wie uns, die viel arbeiten, oft auch am Wochenende – meine Freundin ist Ärztin – sind wir sehr nahe bei St. Gallen. Speziell freuen wir uns auf die neue Direktverbindung ab Oktober mit dem Appenzeller Bähnli. Wir könnten es nicht schöner haben. Ausser vielleicht, wenn wir einmal einen Raum hätten, wo ich unbegrenzt und ungeniert und ohne Einschränkungen Tag und Nacht Klavier spielen kann. Wir haben zwar eine sehr schöne Wohnung, mit tollen Nachbarn, aber ich mache mir immer Sorgen, dass ich störe. Aber ich brauche das für mein Leben, ein Leben ohne Musik könnte ich mir nicht vorstellen. Spielen ist ja eine Sache, aber das stundenlange Üben … Die Fingerübungen, wenn man die  gleiche Stelle x-mal wiederholen muss, das ist etwas anderes. Doch meine Nachbarn sagen immer, das sei überhaupt kein Problem, vielleicht einfach, weil sie so nett sind. Wenn man sich den ganzen Tag mit Musik beschäftigt, wo schaltet man da ab? In der Natur. Ich habe die Natur schon immer genossen. Aber früher war ich sozusagen Kosmopolit, ich habe immer in Grossstädten gelebt. Seit ich in der Schweiz bin, habe ich die Natur für mich entdeckt, und könnte mir gar nicht mehr vorstellen, mitten in Berlin oder Chicago zu wohnen – ich wohne lieber in Niederteufen. Auch wenn alle meine Freunde mich fragen, was ich da mache. Ich liebe es! Wanderungen sind an der Tagesordnung für uns, so sind wir am 1. August auf den Säntis gewandert, im Sommer habe ich verschiedene Wassersportarten entdeckt, Segeln am Bodensee oder Walensee, oder Stand-up-Paddeln, wofür ich einen Kurs besucht habe. Im Winter lerne ich Skifahren, meine Partnerin ist eine leidenschaftliche Skifahrerin, ich ein sehr schlechter (schmunzelt). Was ich auch verbessern will, ist mein Schwizerdütsch, leider ist es noch nicht so gut, dass ich es fliessend sprechen kann, aber ich arbeite daran, zusammen mit meiner Freundin –  auch weil ich das Gefühl habe, die Menschen sind viel natürlicher, wenn ich mich mit ihnen in ihrer Muttersprache unterhalten kann. Zurück zu den Bachtagen: Was würden Sie einer Teufnerin, einem Teufner empfehlen, der oder die keinen Zugang zu Bach hat? Da würde ich vielleicht die Rundreise empfehlen, Bach hoch 3. Das sind drei Kurzkonzerte an drei verschiedenen Orten. In Stein beginnt es mit einem Orgelkonzert, dann geht es weiter nach Appenzell in die Ziegelhütte, zum Konzert eines Streichquartetts, und die Rundreise endet im Lindensaal mit einem Jazz-Piano-Konzert. Das ist sehr vielseitig, sehr zugänglich, auch mit dieser Einbettung an verschiedenen Stätten und Landschaften. Die Wanderung entlang dem Goldibach würde ich auch sehr empfehlen, nur ist die schon sehr ausgebucht, die Teufner müssten sich da also rasch entscheiden. Bei einem Blick auf das Programm mit Dutzenden von Veranstaltungen an vier Tagen stellt sich die Frage: Ist es überhaupt möglich, dass jemand alle Veranstaltungen besuchen kann? Streng genommen nicht, denn man kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein (schmunzelt). Aber wir haben das Programm so gestaltet, dass verschiedene Anlässe doppelt angeboten werden, wie das Klavierrezital oder das Kantatenkonzert, da muss man einen Tag auswählen und vielleicht in Kauf nehmen, dass man gewisse Anlässe verschwitzt besucht, aber wenn man wirklich will, bekommt man das ganze Paket. Leider kann ich kann selber nicht überall teilnehmen. Das Klavierrezital von Angela Hewitt beginnt jeweils mit einem Einführungsgespräch mit der berühmten Künstlerin, und ich darf das moderieren. Als Pianist freue ich mich natürlich ganz besonders darauf. Alles was sie spielen wird, habe ich auch selber mal gespielt, und das ist natürlich ganz toll.  

Xoán Castiñeira, Geschäftsführer der J.S. Bach St. Gallen AG

Xoán Elías Castiñeira (*1983) lebt in der Schweiz seit 2013. Der spanische Pianist, Musikwissenschaftler und Kulturmanager studierte Klavier in Barcelona (Escola Superior de Musica de Catalunya, Academia Marshall), Berlin (Universität der Künste), Chicago (Chicago College of Performing Arts) und absolvierte an der Royal Holloway, University of London, ein Masterstudium in Musikwissenschaften. Wesentliche künstlerische Impulse erhielt er von legendären Interpreten wie Alicia de Larrocha (Klavier) und Dietrich Fischer-Dieskau (Liedbegleitung). Nach mehreren Jahren Konzerttätigkeit fand er den Zugang zum Kulturmanagement dank Berufserfahrungen bei der Deutschen Grammophon und beim Musikkollegium Winterthur (Orchestermanagement). Heute leitet er die J. S. Bach-Stiftung St. Gallen und begleitet die Geschicke des von Konrad Hummler und Rudolf Lutz gegründeten Kulturunternehmens. An seiner Arbeit fasziniert Xoán Castiñeira das Zusammenspiel zwischen lokaler Verwurzelung und internationaler Ausstrahlung sowie der stetige Anspruch nach Qualität auf künstlerischer wie auch Verwaltungsebene des Konzertbetriebs. Ab März 2017 bildet er sich an der Universität St. Gallen als Student im Lehrgang Executive MBA weiter. In seiner Freizeit widmet sich Xoán Castiñeira dem Klavierspiel und gibt weiterhin gelegentliche Konzerte als Solist und kammermusikalischer Partner. Zum Ausgleich geniesst er verschiedene Sportarten in den Schweizer Bergen und ganz besonders in ihren Seen sowie auch in seinem heimischen Galicien. pd. Appenzeller Bachtage [post_teaser id=“114077″]  

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