Wie stark hemmt uns die Angst?

16.05.2020 | Timo Züst
Konrad_Hummler
Konrad Hummler in seinem Büro an der Museumsstrasse 1. Auch er arbeitet derzeit meist im Homeoffice. Foto: tiz Timo Züst Trotz erster Lockerungen ist die Corona-Krise längst nicht ausgestanden. Und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie – schweizweit und global – sind heute noch kaum abschätzbar. Wie düster sieht die Zukunft aus Sicht des Teufner Ökonomen, Unternehmer, Gasthaus-Besitzer («Krone», Speicher) und ehemaligen Privatbankiers Konrad Hummler aus? Die TP hat ihn zum Gespräch getroffen. Herr Hummler, wer das Glück hat, auf Ihrem Verteiler zu sein, erhielt von Ihnen bereits am 17. Februar eine E-Mail zum Thema Coronavirus. Sie rieten darin zu einer Absicherung von Vermögenwerten. Woher kam die Vorsicht? Nun, da gab es drei Beweggründe. Der erste: Ich war mit dem Auskurieren eines Knochenbruchs – ein Unfall in den Skiferien – beschäftigt. Ich hatte deshalb Zeit nachzudenken. Ausserdem verfolge ich die Medienberichte über China sowieso intensiv. Ich hatte deshalb schon eine ungefähre Vorstellung davon, wie gefährlich «COVID19» sein könnte. Zudem … … kurze Zwischenfrage: Verschickten Sie auch bei SARS- oder Schweinegrippe-Pandemie so eine Warnung? Nein. Ich hatte diesen Virus bezüglich Ausbreitung von Anfang an als potenter eingestuft. Der Grund waren die Beschreibungen des Krankheitsverlaufs aus China. Ich entnahm ihnen, dass Infizierte das Virus bereits weitergeben können lange bevor sie Symptome zeigen oder diese nachgewiesen werden können. Da dachte ich: Stimmt das, wird es heftig. Und der dritte Beweggrund? Das war die Stimmung an den Finanzmärkten zu Beginn dieses Jahres. Aufgrund des sehr guten Aktienjahrs 2019 herrschte dort eine Euphorie. Eine fast frivole Unbeschwertheit, welche die Realität meiner Ansicht nach nicht korrekt abbildete. Können Sie mir in «Laien-Sprache» erklären, wie man sein Vermögen am Aktienmarkt gegen so etwas wie eine Pandemie überhaupt schützen kann? Dafür gibt es mehrere Instrumente – zum Beispiel sogenannte «Futures» oder «Optionen». Mit ihnen kann man sozusagen auf einen sinkenden Aktienmarkt wetten. Der Wert der Option steigt, wenn der vermutete Rückgang eintritt. In diesem Fall könnte der Inhaber sie verkaufen und damit seinen Verlust am Aktienmarkt decken oder gar einen Gewinn erzielen.

Ein Haus in einem Föhn-Tal gegen Feuer zu versichern, ist teurer als ein einem Regenloch.

Was kostet mich so eine «Versicherung»? Der Preis der Absicherung hängt wie in jedem Versicherungsgeschäft mit der zu erwartenden Wahrscheinlichkeit des Eintretens des zu versichernden Schadens zusammen. Anders gesagt: Ein Haus in einem Föhn-Tal gegen Feuer zu versichern, ist teurer als ein einem Regenloch. Nachvollziehbar. Und für wie wahrscheinlich hielt der Finanzmarkt eine Pandemie solchen Ausmasses? Für sehr unwahrscheinlich. Da wären wir wieder bei der angesprochenen Unbeschwertheit. Mitte Februar liessen sich Vermögen für 2 bis 3 Prozent ihres Wertes bis September 2020 absichern. Nach einem Jahr, in dem viele Anleger Renditen von 15 bis 20 Prozent erwirtschaftet hatten, war das eine mehr als vertretbare und sinnvolle Investition. Etwas pingelig: Warum nur bis September? Der Markt war vielleicht unbeschwert, aber er ist nicht dumm. Natürlich hatte ich mich auch nach längerfristigeren Instrumenten umgesehen. Das Problem war, dass die Kosten bei ihnen rasch in die Höhe schossen. Einerseits steigt mit einem grösseren Zeitraum per se das Risiko einer «Börsen-Baisse». Und andererseits stehen in den USA im Dezember die Präsidentschaftswahlen an. Mittlerweile hält das Coronavirus die Welt seit Monaten in Atem. Die Pandemie ist Realität geworden. Wie schlimm waren die Auswirkungen auf den Finanzmarkt? Zu Beginn reagierten die Märkte mit massiven Ausschlägen. Das Minus bewegte sich im zweistelligen Prozentbereich. Mittlerweile hat eine gewisse Beruhigung beziehungsweise Erholung eingesetzt. Global gesehen sind wir momentan auf einem Minus von fünf bis sechs Prozent. Aber es ist auch klar, dass das nur dank der «künstlichen Beatmung» der Notenbanken möglich ist. Das bedeutet? Wenn die Prognosen der Ertragsrückgänge für die Realwirtschaft von 5 bis 10 Prozent wirklich stimmen, wären die Auswirkungen auf den Aktienmarkt um ein Vielfaches grösser. Anders gesagt: Der Finanzmarkt bleibt dank den Finanzspritzen der Nationalbanken einigermassen stabil. Er bildet aber wieder nicht wirklich die Realwirtschaft ab.

Dafür gibt es keine ökonomische Theorie oder Präzedenz.

Kann das gut gehen? Nun, das ist schwierig zu sagen, da es dafür keine ökonomische Theorie oder Präzedenz gibt. Geht die Rechnung der Notenbanken auf, wird der mehr oder weniger gesunde Finanzmarkt der Realwirtschaft wieder auf die Beine helfen. Wenn nicht, kommt es irgendwann zu einer noch massiveren Korrektur. Wir kennen die Antwort schlicht nicht. Zu hoffen ist natürlich, dass die Notenbank-Politik funktioniert. Sie sprachen bereits von den Wirtschaftsprognosen. Das SECO geht derzeit von einem BIP-Rückgang von 6,7 Prozent für 2020 aus. Das wäre der stärkste Rückgang seit Jahrzehnten. Solche genauen Prognosen zu verkünden, empfinde ich als extrem heikel. So eine Situation wie die Corona-Krise haben wir noch nie erlebt. Einzigartig macht sie insbesondere die Tatsache, dass es zu einem gleichzeitigen Angebots- und Nachfrage-Schock gekommen ist. Das kennen wir so nicht. Normalerweise lässt entweder die Nachfrage oder das Angebot nach. Nun sehen wir aber beides gleichzeitig. Und auch diese Daten müssen hinterfragt werden. Warum? Es gibt einfach zu vieles, was wir nicht wissen. Hat die Nachfrage wirklich nachgelassen bzw. wollen die Menschen Nichts konsumieren oder liegt es nur daran, dass sie nicht können oder dürfen? Und werden sie wieder konsumieren wollen, wenn sie dürfen? Oder ist die Angst vielleicht ein zu grosser Hemmfaktor? Auch auf der Angebotsseite gibt es Wissenslücken. Wann wird sie wieder lückenlos sein? Wir tappen also im Dunkeln. Und eine zweite Welle ist ja auch nicht ausgeschlossen. Die zweite Welle schwebt wie ein Damoklesschwert über uns. Auch eine Tatsache, die uns nicht unbedingt positiv stimmt. Das wiederum hat dann wieder einen negativen Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung. Wäre eine Impfung der grosse Befreiungsschlag? Ohne Zweifel, das wäre der grosse Knall. Davon sind wir leider noch weit entfernt. Noch einmal zurück zum wirtschaftlichen Schaden. Erlauben Sie mir eine obszön-simplifizierte Rechnung: Das BIP der Schweiz betrug 2019 ca. 697 Mrd. Franken (+ 0,9 %). Folglich verlieren wir wegen Corona weniger als 47 Mrd. Franken? Dann sollte die vom Bundesrat gesprochene und vom Parlament abgesegnete Corona-Nothilfe (ca. 60 Mrd.) ja locker reichen … Ob die Grösse der Hilfspakete ausreicht, schein mir die falsche Frage zu sein. Deren Aufgabe war es, das kurzfristige Überleben unserer Unternehmen und damit unserer Wirtschaft zu sichern. Dafür wurden meiner Ansicht nach mit der Kurzarbeit und den Notkrediten die richtigen Instrumente verwendet. Nun stellt sich aber vielmehr die Frage, wie gut oder schlecht es uns in den kommenden Monaten und nach dieser Krise gehen wird. Warum waren Notkredite und Kurzarbeit richtig? Man hat damit bestehende Systeme genutzt. Die Notkredite gründen auf dem Banken-System, die Kurzarbeit auf der Arbeitslosenversicherung. Aus diesem Grund konnten sie so schnell und unbürokratisch eingesetzt werden. Das war wichtig, um ein wirtschaftliches Massensterben wegen zu tiefer Liquidität zu verhindern.

Ach, das ist doch nicht wichtig.

Schnell und unbürokratisch klingt gut, macht die Systeme aber auch anfällig für Missbrauch. Ach, das ist doch nicht wichtig. Natürlich wird ein Teil des Geldes an Orten landen, die es nicht nötig oder verdient hätten. Aber wenn man eine Bürgersuppe kocht, ist das Hauptziel, dass sie von so vielen wie möglich gelöffelt wird. Der Rest ist nebensächlich. Insbesondere die Notkredite wurden kritisiert. Das Hauptargument: Wie soll man das zurückzahlen? Diese Meinung wird auch von einigen Ökonomen vertreten. Ich sehe das anders. Wie gesagt: Diese Notmassnahmen sind nicht dafür gedacht, den längerfristigen, wirtschaftlichen Schaden zu decken. Sie Überlebenshilfen. Dieses Ziel wurde erreicht. Gerade hat sich das Ende des 2. Weltkriegs zum 75. Mal gejährt. Man könnte auch argumentieren, die heutige Gesellschaft ist nicht wirklich «krisenerprobt». Hat die Schweizer Wirtschaft in den vergangenen Jahren vielleicht zu wenig Reserven gebildet? Es ist schon so: Früher wurden viel grössere Reserven angehäuft. Der direkte Vergleich zu den jetzigen Reserve-Volumen hinkt allerdings etwas. Denn die heutige Wirtschaft ist eine ganz andere als noch vor 10, 20 oder 50 Jahren. Sie ist viel effizienter und leistungsfähiger geworden. Deshalb kann und wird auf viele Vorräte und Lager verzichtet, die man früher gebraucht hatte. Mindestens die Diskussion über Pflichtlager – zum Beispiel von Medikamenten – werden wir im Nachgang dieser Krise aber sicher führen. Ich bin überzeugt, dass es in diversen Bereich zu neuen regulatorischen Vorschriften für Vorräte oder Pflichtlager kommen wird. Und das kann ja auch sinnvoll sein. Denken Sie an die Armee. Dort geben wir sehr viel Geld aus im Hinblick auf ein sehr unwahrscheinliches Szenario. Ich spreche dabei natürlich von Kampfhandlungen. Ein Notlager mit Medikamenten wäre eine Rückversicherung für ein wohl deutlich wahrscheinlicheres Szenario. Sie waren nicht nur Oberst im Militär, Sei sind auch ein liberaler Ökonom. Stellen sich bei Ihnen im Hinblick auf «neue regulatorische Vorschriften» nicht die Nackenhaare auf? Natürlich! Aber vielleicht kann die Wirtschaft mit präventiven Handlungen gewissen Regularien vorbeugen. Auch wenn das Ausmass der Rezession jetzt noch schwer abschätzbar ist, werden bereits Massnahmen für deren Bekämpfung diskutiert. Ein paar Beispiele sind Helikoptergeld (200 Franken an jeden Bürger), eine Reduktion der MWST sowie allgemeine oder spezifische Steuererleichterung. Braucht es solche Massnahmen? Das ist keine rein ökonomische, sondern auch eine politische Frage. Und mir ist bewusst, dass meine Haltung nicht allen entspricht. Aber ich bin der Ansicht, dass man eine Krise eher direkt angehen sollte, anstatt zu versuchen, sie mit verschenktem Geld zu lindern, das man eigentlich nicht hat.

Jeder sieht in einem Menschen sofort seinen Vater, seine Muter, seinen Opa oder seine Oma.

Warum? Wenn der Staat in so einem Mass Geld verteilt, weiss der Bürger, dass es sich der Fiskus irgendwann zurückholen wird. Es passt sein Verhalten folglich entsprechend an, bildet Reserven und lebt vorsichtig – überspitzt gesagt in Angst vor dem Fiskus. Deshalb verfehlen solche Massnahmen ihre stimulierende Wirkung, reissen aber trotzdem ein grosses Loch in die Staatskasse. Das Heikelste zum Schluss. Eine Frage, die in diesen Zeiten auf unangenehme Art aktuell wird: Was ist ein Menschenleben wert? Das ist eine Frage, um die man ein so einer Situation nicht herumkommt. Nicht nur aus ökonomischer, auch aus moralischer und ethischer Sicht. Und das ist gleichzeitig das Problem. Natürlich gibt es Rechenmodelle, die den monetären Wert eines menschlichen Lebens zu erfassen versuchen. Sie stellen beispielweise den zukünftigen zu erwartenden positiven (was kommt rein?) dem negativen Cashflow (was geht raus?) einer Person gegenüber. Aber solche Zahlen sind im echten Leben nur von theoretischem Nutzen. Denn in einem Menschenleben sieht jeder Mensch sofort seinen Vater, seine Mutter, seinen Opa oder seine Oma. Deshalb können wir nur hoffen, dass wir nie in die Situation kommen, eine Triage machen zu müssen. Egal, auf welche «Wert-Analyse» sie gründet.

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