Wie riecht Liebe?

20.06.2024 | Timo Züst

Diesen Samstag wird im Zeughaus eine Ausstellung mit grossem Titel eröffnet: «Liebe». Dabei geht es weder um schnulzige Filme, italienische Balladen oder Hochzeitsfotografien. Sondern um den Geruch (der Liebe). Parfümeur Andreas Wilhelm gewährt dafür einen einzigartigen Einblick in seine Welt, die Welt der Düfte. Er hat sogar eigens für diese Ausstellung sieben «Liebes-Parfüms» kreiert. Die TP hat den Duft-Architekten am Dienstag beim Einrichten kurz unterbrochen. Und einiges gelernt …

Parfümeur Andreas Wilhelm beim Testriechen. Um ihn herum stehen 800 seiner Düfte. Die Ausstellung mit dem Titel «Liebe» im Zeughaus feiert diesen Samstag Eröffnung.

Auf dem schönen rosaroten Flyer zur Ausstellung finden sich einige coole Fragen. Okay, wenn ich es mir einfach mache, und dir erstmal einige davon stelle?

Klar, schiess los.

Also: Wann hast du das letzte Mal bewusst gerochen?

Das war wohl vor 2 Minuten. Wir haben gerade den Raum-Bedufter installiert. Da musste ich natürlich Test-Riechen.

Jetzt wird es etwas abstrakter: Wie riechen Schmetterlinge im Bauch?

Da denke ich sofort an ein Gefühl. Und das sind Düfte ja auch: Gefühle und Erinnerungen. Bei «Schmetterlinge im Bauch» stelle ich mir so ein prickelndes Gefühl vor, das bis unter den Hals reicht. Das übersetze ich dann in ein Bild. Champagner vielleicht. Das hat etwas Prickelndes. Aber für viele riecht Liebe vermutlich nach einer Erinnerung, die sie mit dem Gefühl des Verliebtseins verbinden. Vielleicht sogar mit dem allerersten Verliebtsein.

Eine indische Mango riecht ganz anders als eine mexikanische.

Das klappt ja ganz gut mit diesen Fragen. Noch eine: Glaubst du, was du riechst?

Das frage ich mich auch ständig (lacht). Aber grundsätzlich glaube ich das schon. Ich vertraue meiner Nase. Aber es stimmt, dass wir nicht alle gleich riechen. Weil Düfte für uns Erinnerungen und Emotionen sind, nehmen wir sie unterschiedlich wahr. Ich könnte den Geruch meiner verstorbenen Grossmutter «nachbauen». Aber er würde für dich nie gleich riechen wie für mich.

Das wird dann schon fast etwas philosophisch: subjektiv vs. objektiv. Und dann gibt es ja noch viele Variationen. Wenn ich dich zum Beispiel beauftragen will, einen Pfirsich-Duft zu produzieren …

… wäre das nicht allzu kompliziert. Wichtig dabei ist der Ursprung bzw. die Frage, welchen Pfirsich-Duft du suchst. Bei dieser Frucht gibt es nur 2 oder 3 Varianten. Viel schwieriger ist es, wenn ein Kunde zum Beispiel nach einer Mango-Note fragt. Da gibt es sehr viele Nuancen. Eine indische Mango riecht ganz anders als eine mexikanische.

Schon etwas gelernt. Gibst du mir auch einen Einblick in deine persönliche Geruchs-Welt? Wie erlebst du zum Beispiel Parfüm-Düfte? Ist das vergleichbar mit dem Mitarbeitenden der Schokoladenfabrik, der am Feierabend keine Schokolade mehr sehen kann?

Ich nehme Parfüms wohl sehr abstrahiert wahr. Ich selbst benutze eher selten Parfüm. Zum Beispiel, wenn ich einen Neukunden besuche. Dann will ich vielleicht mit einem passenden Duft dessen Interesse wecken. Und natürlich habe ich während des Arbeitens ständig Parfüm auf der Haut – zum Testen. Aber zurück zu deiner Frage. Eine gewisse Übersättigung erlebe ich schon. Aber ich versuche, meine Umgebung als Ausgleich einfach so geruchsneutral wie möglich zu halten.

Ich bin gar kein Parfüm-Fan. Ich fühle mich oft gestört, wenn jemand «zu dick» aufgetragen hat. Passiert dir das auch?

Selten. Aber klar, manchmal schon. Zum Beispiel, wenn sich jemand in der Jahreszeit vergriffen hat. Das kann ich teilweise nicht ganz nachvollziehen.

Wer so ein teures Parfüm kauft, «badet» nicht darin. Wenn jeder Spritzer rund 1 Franken kostet, überlegt man sich zweimal, wie viel man aufträgt.

Das muss du einem Parfüm-Neuling wie mir erklären. Gibt es Duft-Jahreszeiten?

Nicht per se. Aber es gibt natürlich Düfte, die sich weniger für den Sommer anbieten. Das sind eher schwere Noten wie die Orangenblüte oder Gerüche auf Amber-Basis. Ein berühmtes Beispiel für so ein schweres Parfüm wäre «Angel» von Thierry Mugler. Für den Sommer eignet sich da eher etwas Leichtes, Erfrischendes. Auf Citrus-Basis zum Beispiel. Oder «Sea Breeze». Das kann sogar kühlend wirken.

Kann ich mich beim Duft denn auch im Stil vergreifen wie bei der Farbe meiner Kleider?

Eigentlich nicht. Beim Parfüm kann man alles tragen. Hauptsache es gefällt. Aber es gibt natürlich Trends. Zum Beispiel die «Signature Scents». Viele tragen die dann einfach, weil sie damit zeigen wollen, dass sie sich ein teures Parfüm leisten können. Ein Beispiel wäre «Baccarat Rouge», das über 300 Franken pro Flasche kostet. Aber häufig sind das dann auch «Dupes», also Kopien.

Erkennst du, ob es sich um eine «Fälschung» handelt?

Manchmal schon, ja. Meistens geht es dabei aber weniger um den Geruch, sondern um die Anwendung. Wer so ein teures Parfüm kauft, «badet» nicht darin. Wenn jeder Spritzer rund 1 Franken kostet, überlegt man sich zweimal, wie viel man aufträgt.

Gutes Stichwort: Wie viele Spritzer und wo sind eigentlich korrekt?

Das ist sehr individuell und kommt auf das Parfüm und den persönlichen Geschmack an. Ich selber spritze ein-, zweimal in die Luft und trete dann durch die Wolke.

Ich setze die Gerüche in meiner Vorstellung zusammen – die Nase ist dann mehr fürs Überprüfen da.

Noch eine Zahlen-Frage: Auf dem Flyer steht, du hast 10’000 Düfte im Kopf.

Das ist der Slogan, ja.

Aus wie vielen «Zutaten» mischst du denn deine Düfte?

Ich benutze rund 1800 Rohstoffe. 300 Davon sind natürlich. Dazu gehören ätherische Öle aber auch Isolate, zum Beispiel ein einzelner Bestandteil von Lavendelöl. Oder Lignin, das von Hefepilz zu Vanillin verarbeitet wird. Die restlichen 1500 sind petrochemischen Ursprungs oder auf Terpentin-Basis.

In der Presse liest man ab und zu auch von sehr teuren Parfüm-Bestandteilen. Erbrochenes von Walen zum Beispiel.

*Holt einen Plastiksack mit einer Art «Stein» hervor* Du meinst das hier? Ja, das ist Ambra. Das wurde früher verwendet. Und ab und zu brauche ich es auch heute noch. Aber sehr selten. Und in der Parfüm-Industrie wird es seit Längerem kaum mehr gebraucht. Das hat mit den strengen Vorschriften rund um Wal-Produkte aber auch mit Mikroplastik zu tun.

Wieder ein Stück Halbwissen eliminiert. Dann also zu dir. Du hattest ursprünglich eine Lehre zum Chemielaboranten beim Aromahersteller Givaudan absolviert. Darauf folgte die Ausbildung zum Parfümeur beim Dufthaus Luzi. Warum Parfüme?

Dank meiner Arbeit bei Givaudan war ich natürlich schon mit der «Aromen-Welt» in Berührung gekommen. Und ich wollte etwas Kreatives, Spannendes machen.

Was sind die Grundvoraussetzungen? Braucht man eine besonders gute Nase?

Die Nase bzw. der Geruchsinn ist nicht so wichtig. Der Kopf ist entscheidender. Ich setze die Gerüche in meiner Vorstellung zusammen – die Nase ist dann mehr fürs Überprüfen da. Wichtig ist aber sicher, dass man mit der Ausbildung nicht allzu spät anfängt. Fürs Erlernen dieses Berufs ist eine grosse Erinnerungs-Leistung nötig. Je später man beginnt, desto schwieriger ist es.

Aber ein gewisses Talent braucht es sicher, oder? Allen ist das ja nicht gegeben.

Das ist schon so. Es braucht Kreativität, eine grosse Vorstellungskraft und man muss sich auf die Kundschaft einlassen bzw. den passenden Duft finden können.

Du bist selbstständig. Wer sind deine Kunden?

Das ist eine grosse Palette: Hersteller von Parfümen oder Kosmetik-Artikel. Aber auch ganz andere Brands wie zum Beispiel Hyundai. Für sie haben ich kürzlich einen «Signature Scents» für alle Autohäuser entwickelt.

Ich hüte ich mich davor, mich in einen Duft zu verlieben.

Wie gehst du bei sowas vor?

Ich habe die «Corporate Identity»-Mappe des Unternehmens bekommen. Und dann habe ich mich mit dem Ursprungsland der Marke auseinandergesetzt. Im Vordergrund stehen dabei die Vorlieben der Menschen. Koreanerinnen und Koreaner sind eigentlich keine Parfüm-Fans. Am liebsten ist ihnen der Geruch von frisch mit Seife gewaschener Haut. Das habe ich dann mit einer Leder-Note – für den edlen Touch – und einem Hauch Ginseng – ihr ältestes Export-Produkt – kombiniert. Das hat sehr gut geklappt.

Für diese Ausstellung hast du sieben «Liebes-Düfte» kreiert. Wonach riechen die?

Alles will ich noch nicht verraten. Nur so viel: Das Ziel war, starke Gefühle zu wecken und die verschiedenen Aspekte der Liebe aufzuzeigen.

Und hat ein Parfümeur auch einen Lieblings-Duft?

Nein. Ich sage immer: Liebe macht blind. Das gilt auch für die Düfte. Wenn ich etwas zu gern rieche, benutze ich es plötzlich immer. Deshalb hüte ich mich davor, mich in einen Duft zu verlieben.

Hinweis: Weitere Infos zur Ausstellung finden Sie hier.

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