Wenn (fast) Keiner eine Reise tut

14.07.2020 | Timo Züst
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Reisen ist auch in Corona-Zeiten möglich: Helbling Reisen-Mitarbeiterin Simone Wildberger hat während ihrer Auszeit auf Kreta Fotos geschossen – mit auffallend wenig Touristen. Fotos: zVg

Während Schweizer Feriendestinationen nach den Lockerungen einen Gästeansturm verzeichnen, reisen nach wie vor wenige ins Ausland. Die TP hat Michael Mettler, Geschäftsführer von Helbling Reisen, gefragt: Haben die Schweizer schon wieder Lust auf Reisen?

Herr Mettler, wird bereits wieder gebucht?

Das Geschäft läuft langsam wieder an. Allerdings sehr, sehr harzig. Von einer Buchungswelle können wir definitiv nicht reden. Die Kundschaft ist sehr verhalten. Zwar ist das Interesse da, aber die Unsicherheit ist für viele noch zu gross.

Woran liegt das?

Nun, wir können zwar im Gespräch und auf unserer Informationsplattform aktuelle und gesicherte Informationen zu allen Destinationen abgeben. Aber derzeit kann niemand garantieren, ob die Situation in 3, 4 oder 5 Wochen noch gleich aussieht. Für eine Reisebuchung ist das natürlich schwierig.

Die Beratungstätigkeit wird noch an Wichtigkeit zugenommen haben …

Seit dem Lockdown ist das Sammeln und Weitergeben von Informationen unsere Hauptarbeit. Schliesslich mussten wir uns ab Ende Februar um Annulationen oder Verschiebungen aller bestehenden Buchungen in den Büchern kümmern. Das Gleiche gilt auch heute. Da das Finden verifizierbarer Informationen zu Flugplänen oder den individuellen Situationen in anderen Ländern so viel Aufwand benötigt, sind wir diesbezüglich ein wichtiger Ansprechpartner geworden.

Als Reisebüro sind sie auf die Rückzahlungen für annullierte Flüge von den Airlines angewiesen. Gibt es da nach wie vor Ausstände?

Sehr grosse sogar. Bei uns bewegen sie sich im tiefen, sechsstelligen Bereich. Lufthansa und Swiss haben kommuniziert, dass sie die Beträge bis Ende September zurückzahlen wollen. Wir hoffen nun, dass das Geld bis dann auch eintrifft.

Sind sie in so einer Situation nach wie vor liquid?

Weil wir die letzten Jahre sehr seriös gearbeitet haben, konnten wir einiges an Reserven bilden. Diese, in Verbindung mit der anhaltenden Kurzarbeit, ermöglichen es uns, liquide zu bleiben.

In nehme an, bei ihnen wird Kurzarbeit nach wie vor breit eingesetzt.

Müssen wir. Derzeit sind wir bei 70 bis 80 Prozent. Glücklicherweise hat der Bund nun die Verlängerung der Massnahmen auf 18 Monate beschlossen. Das ist für uns von zentraler Bedeutung.

Haben Sie auch einen COVID-Kredit bezogen?

Ja. Allerdings nur vorsorglich. Er liegt als Notpolster auf der Bank. Wir hoffen, ihn gar nicht brauchen zu müssen.

Für den Schweizer Tourismus wurden weitere Soforthilfen in der Höhe von 40 Mio. Franken gesprochen – insbesondere für Werbung. Für den «Outbound-Tourismus» allerdings nicht …

Das ist für uns eine unschöne Situation. Es wirkt fast so, als hätte man uns etwas vergessen. Natürlich ist die Argumentation mit den Arbeitsplätzen nachvollziehbar: Beim «Inbound-Tourismus» sind viel mehr Mitarbeitende direkt und indirekt beschäftigt. Aber aus meiner Sicht ist die zusätzliche Werbung in dieser Situation gar nicht nötig: Es bleiben ja sowieso fast alle in der Schweiz.

Michael Mettler ist Geschäftsführer von Helbling Reisen und betreibt auch einen Standort in Teufen.

Ihr Arbeitsalltag ist international geprägt. Sie sind auf globale Partner angewiesen. Funktioniert bei diesen Kontakten und Buchungen bereits wieder alles wie vor Corona?

Von der einstigen Normalität sind wir zwar noch weit entfernt, es wird aber immer besser. Vor ein paar Wochen war es noch sehr schwierig herauszufinden, ob eine offene Buchungsposition für ein Hotel oder einen Flug auch wirklich vorhanden ist. Mittlerweile hat sich das etwas beruhigt. Auch, weil viele Destinationen wie Griechenland oder Italien wieder sehr aktiv um Touristen werben bzw. die Branche ankurbeln.

Einzelne reisen auch in dieser Situation ins Ausland. Was für ein Feedback geben sie Ihnen?

Ein sehr positives! Diejenigen, die auch jetzt verreisen, stellen sich auf die «neue Normalität» ein. Das heisst, sie stören sich nicht daran, dass sie in einigen Situationen – das schliesst den Strand und den Pool aus – eine Maske tragen müssen. Stattdessen geniessen sie die Ruhe aufgrund der fehlenden Touristen. Und die Tatsache, dass sie derzeit «auf Händen getragen» werden.

Vor einem Jahr gaben Sie der TP Auskunft über die Folgen der Thomas Cook-Pleite. Könnte es sein, dass im Nachgang dieser Krise ein weiterer «Grosser» zu Fall kommt?

Das könnte passieren. In der internationalen Touristik wurden in den vergangenen Jahrzehnten das Konzept der totalen Integration stets gelobt. Am intensivsten wird das bei «TUI» gelebt. In der Vergangenheit war das ein sehr erfolgreiches System. Nun könnte es aber massive Probleme verursachen.

Warum?

TUI betreibt eigene Büros, eigene Hotels, eigene Kreuzfahrtschiffe etc. Im Vollbetrieb lässt sich so eine grosse Wertschöpfung generieren – und bis zu einem gewissen Grad auch kontrollieren. Steht aber alles still, werden die gewaltigen Fixkosten zu einer kritischen Belastung. Deshalb stehen einige TUI-Hotels nun auch zum Verkauf. Das ist ein Versuch, liquide Mittel zu generieren.

Wie sieht es bei Ihren Schweizer Kollegen aus?

Um «Hotelplan» mache ich mir keine grossen Sorgen. Sie haben schliesslich die Migros im Hintergrund. Aber klar, es wird zu einer gewissen Bereinigung in der Branche kommen. Sowohl in der Schweiz als auch international.

Das mit dem Blick in die Zukunft ist so eine Sache. Trotzdem: Was erwarten Sie?

Die Erfahrungen der letzten Wochen sagen mir, dass es wohl die Einführung einer Impfung oder eines potenten Medikaments brauchen wird, um die Reisetätigkeit wirklich wiederzubeleben. Denn die Auswertung unserer Online-Werbung hat gezeigt, dass das Interesse und die Reiselust vorhanden sind. Hemmfaktoren sind Unsicherheit und Angst. Sobald wieder Planungssicherheit herrscht, wird deshalb wohl auch rasch wieder gebucht.

Vielleicht können Reisebüros längerfristig von dieser komplexen Situation sogar profitieren. Eine Ansprechperson und eine gewisse Sicherheit werden in den nächsten Jahren sicher noch mehr geschätzt.

Das vermuten wir auch. Selbst zu buchen, ist derzeit mit einem grossen Risiko verbunden. Das wird sich so schnell auch nicht ändern.

Und noch die Gretchenfrage: Bleibt Helbling Reisen in Teufen?

Der Standort steht nicht zur Diskussion. Er ist wichtig für uns, weil wir dort eine sehr treue Kundschaft haben. Ich will die Situation auch nutzen, um den Kundinnen und Kunden einen Dank auszusprechen. Deren Verständnis, Geduld und Treue waren wirklich bewegend und motivierend. Vielen Dank!  tiz

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