Was von der Reise übrig bleibt

19.07.2019 | Timo Züst
Erich_Schäpper (5)
Diese Münze aus Tonga ist zwar kaum etwas wert – aber hübsch genug für Erich Schäppers Privatsammlung. Fotos: tiz

Timo Züst

Haben Sie sich auch schon gefragt, was aus den vielen Münzen der Sammlung am Flughafen wird? Die Antwort liefert ein Münz-Liebhaber aus Niederteufen: Erich Schäpper. Er verbringt Stunden in einem Sitzungszimmer im Flughafen Zürich – und sortiert die exotischsten Stücke aus dem Plastik-Globus.

Erich Schäppers Hände zerreissen den dünnen Plastiksack. Er schüttet einen Teil des Inhalts auf seinen Küchentisch. Was da nun klirrend zu liegen kommt, ist Geld. Münzen, um genau zu sein. Viel wert sind sie allerdings nicht. Erich Schäpper schätzt den monetären Gegenwert dieser rund sieben Kilogramm Münzen auf rund 20 Dollar. Der Grund: Was hier vor ihm liegt, sind keine Schweizer Franken oder Euros. Es sind die Exoten der «Swiss Münzsammlung». Erich Schäpper pickt wahllos einige der Münzen aus dem Haufen. Ein kurzer Blick genügt: «Das ist Israel, die hier ist aus Iran und die aus China.» Er kennt sich aus mit Münzen. Je exotischer, desto besser. Diese Leidenschaft hat ihn zur «Swiss Münzsammlung» gebracht. Seit rund drei Jahren ist er ein fester Bestandteil des Sortier-Teams. Alle paar Wochen fährt er zum Flughafen und verbringt dort bis zu sechs Stunden in einem stillen Sitzungszimmer. In dieser Zeit wandern tausende Münzen über sein hölzernes Sortierbrett. Einen Grossteil erkennt er mittlerweile auf den ersten Blick. Für die wenigen Unbekannten hat er seine «Bibel»: «In diesem Buch finden sich alle Münzen der Welt ab dem Jahr 1800. Aber ich habe auch noch andere Bücher.» Diese minuziöse Selektionsarbeit ist wichtig. Denn je sortenreiner die Münzen weitergegeben werden, desto mehr Geld kommt am Ende den drei Hilfsorganisationen zugute.

«Melde dich doch einfach mal»

Begonnen hat alles mit dem gemeinsamen Hobby von Erich und Esther Schäpper: dem Reisen. Kennengelernt haben sich die zwei in einem Hotel in Thun. Er arbeitete in der Küche, sie an der Rezeption. Ihre erste gemeinsame Reise unternahmen sie zwischen 1995 und 96. Ohne in ein Flugzeug zu steigen, bereisten sie Asien, Ozeanien und Neuseeland. «Wir waren mehrmals mit Containerschiffen unterwegs. Das war zwar nicht so einfach zu organisieren und auch nicht günstig. Aber sehr spannend», erzählt Esther Schäpper. Diese Reise dauerte fast ein Jahr. Zu Souvenirjägern wurden die Zwei deshalb nicht. «Wenn du dein Gepäck immer mitnehmen musst, konzentrierst du dich auf das Nötigste», so Erich Schäpper. Aber etwas blieb doch immer zurück: Ein paar Münzen im Geldbeutel. Auf ihrer nächsten Reise drei Jahre später war das Mitnehmen einiger Erinnerungsmünzen dann bereits Pflicht. Aber auch damals ging es nicht ums Geld. «Ich sammle die Stücke nicht als Wertanlage. Die meisten sind kaum etwas wert.» Was Erich Schäpper fasziniert, sind die Geschichten, die ihm eine Münze erzählt. Denn die unterschiedlichen Prägungen verraten ihm viel über das Ursprungsland. Gibt es ein Wappentier? Zeigt die Münze ein politisches Oberhaupt? Oder einen Volkshelden? Aber auch über die monetäre Bedeutung philosophiert er gerne: «Stellen Sie sich vor: Viele dieser Münzen sind heute noch gültige Zahlungsmittel. Auch D-Mark, Schilling oder spanische Pesetas lassen sich noch umtauschen. Das ist also richtiges Geld.» Einmal vom «Virus» infiziert, liessen ihn die Münzen nicht mehr los. Und als er mit Esther doch einmal eine Flugreise unternahm, wurde er am Flughafen von einem riesigen Plexiglas-Globus beinahe magisch angezogen. Es war seine Frau, die ihm daraufhin riet: «Schreib denen doch Mal. Vielleicht ergibt sich ja etwas.»

Ein «Swissair»-Zirkel

Bei Erich Schäppers erstem Kontakt mit den «Münzsammlern » war noch die Heilsarmee zuständig. Heute kommen die Früchte der Sammlungen an den Flughäfen Zürich, Genf und Basel drei Hilfsorganisationen zugute: SOS-Kinderdorf, WWF und dem Schweizerischen Roten Kreuz. Im Jahr kommen dafür durchschnittlich 2,8 bis 3,1 Tonnen Münzen zusammen. Damit wird ein monetärer Gegenwert von rund 400’000 Franken erzielt. «Unser Verwaltungsaufwand beträgt dabei weniger als ein Prozent», sagt Erich Schäpper. Möglich ist das nur dank viel unentgeltlichem Einsatz. Diesen Einsatz leistet nebst ihm eine eingeschworene Gruppe ehemaliger «Swissairler», welche die Münzsammlung seit Jahren betreut. Auch entscheidend: Die Kulanz der Flughäfen und der «Swiss». Sie erlauben das Aufstellen der Sammelbehälter und verlangen keine Miete für die regelmässig stattfindenden Zählaktionen in ihrem Sitzungsraum. Doch bereits lange vor Erichs Aufnahme in den Swissair-Zirkel vor rund drei Jahren waren er und seine Familie für die Münzsammlung im Einsatz – und zwar in Holland.

30 Kilo Münzen im Gepäck

Die gesammelten Münzen werden anfangs grob in drei Kategorien unterteilt: Schweizer Franken, Euros und die Exoten. Jede von ihnen macht rund einen Drittel der Gesamtmenge aus. Im Jahr 2006 war die Situation aber noch etwas anders. Denn damals, vier Jahre nach dem Debut des Euros als Bargeld, waren noch viele «alte europäische Währungen» im Umlauf. So auch die niederländischen Gulden. «Ich erhielt damals einen Anruf vom Chef der Münzsammlung. Er fragte mich, ob Erich wirklich Lust hätte, die Gulden umtauschen zu gehen. Das hatte er wohl einmal erwähnt», erzählt Esther Schäpper. Sie kennt ihren Mann. Und antwortete: «Das macht er sicher gerne.» Ein paar Wochen später waren sie, ihr Mann Erich und die beiden Töchter mit dem Zug unterwegs nach Amsterdam. Im Gepäck ein 30 Kilogramm schwerer Sack voller Gulden. Gegenwert: Rund 12’000 Euro. «Dort angekommen, fuhren wir mit einem Taxi in die Nationalbank. Das Geld hatte ich in einem kleinen Rucksack», erzählt Erich Schäpper. Nach dem Umtauschen wurde das Geld elektronisch auf das Konto der Münzsammlung überwiesen – damit war die Aufgabe erledigt. «Und wir verbrachten das Wochenende anschliessend in einem kleinen Küstendorf.» Solche Tausch-Ausflüge machen Erich und Esther Schäpper noch heute. Allerdings hauptsächlich nach Deutschland. In den dortigen Niederlassungen der Nationalbank sind noch immer einige Schalterstunden pro Woche für den Währungsumtausch reserviert. «Und es kommen nach wie vor Leute», erzählt Esther Schäpper. Die Zeit für diese Ausflüge nehmen sich die beiden jeweils gerne. Auch hilfreich dabei ist Erich Schäppers Anstellung als Abteilungsleiter bzw. Küchenchef beim Sozialunternehmen «Valida» in St.Gallen. «Ich arbeite zwar fünf Tage pro Woche, aber welche das sind, variiert. » So kann er sich ab und zu auch unter der Woche einen Tag Zeit nehmen. Zum Münzensortieren in Zürich – oder für einen Tausch-Ausflug.

Kilo-Preis für Bargeld

Etwas weniger lukrativ ist die Versilberung der Münzen seiner Spezialkategorie: der Exoten. Nach der Sortierung bleibt immer auch eine beachtliche Menge an «nicht-umtauschbaren» Münzen übrig. «Das sind Stücke, bei denen der Aufwand für den Umtausch grösser wäre, als der Erlös», erklärt er. Aber auch dafür gibt es einen Abnehmer. Ein deutsches Unternehmen hat sich auf den Umtausch solcher Exotenwährungen spezialisiert. Dort fliessen die Überbleibsel solcher Münzsammlungen aus ganz Europa zusammen. «Die Menge macht es aus», sagt Erich Schäpper. Aber sogar dort fallen einige, ganz unbedeutende Münzen durch den Raster. Diese werden dann zu dem, was sie vor ihrer Prägung waren: Metall. «Dafür erhalten wir dann einfach noch einen Kilo-Preis.»

Was aus dem Sack wird, den Erich Schäpper zurzeit bei sich zuhause hat, weiss er noch nicht. Er hebt sich das Sortieren für den Feierabend nach einem stressigen Tag auf. «Ich kann das stundenlang machen. Dabei denke ich an nichts anderes – auch nicht an die Arbeit. Das entspannt mich total.» Und natürlich spielt auch immer die Hoffnung mit, einen kleinen Schatz für seine Sammlung zu finden. Übrigens: In den grossen Plexiglas-Globen finden sich manchmal auch richtige Schätze. Zum Beispiel goldene Eheringe oder grössere Beträge als ein paar Rappen. Schlagzeilen machte vergangenen Winter der Fund des bisher höchsten Betrags: 25’000 Franken. «Natürlich wurde das zuerst von der Polizei geprüft und erst ein halbes Jahr später freigegeben. Aber wir durften es weitergeben an die Hilfsorganisationen. Woher es stammt, wissen wir heute noch nicht», erzählt Erich Schäpper. Damit war diese Spende fast so geheimnisvoll wie der Münzhaufen, durch den er sich bald wühlen wird.

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