Was macht der Krieg mit uns?

23.02.2024 | Timo Züst
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Nicht zum ersten Mal vor den Kameras des Regionalsenders TVO: Stefan Staub und Marion Schmidgall wurden bereits im März 2022 anlässlich der Ankunft der Cars aus der Ukraine befragt. Foto: Archiv

Die Zeit rast. Sogar wenn Krieg herrscht. Schon seit zwei Jahren tobt in der Ukraine der Krieg. Dieses traurige Jubiläum nimmt der Regionalsender «TVO» zum Anlass, zwei Beiträge auszustrahlen. Eine Reportage über die Integration der ukrainischen Flüchtenden (diesen Samstag / «Aktuell» / 18 Uhr) und einen Talk am kommenden Mittwoch («Zur Sache» / 18:30). In beiden Sendungen ist Diakon Stefan Staub zu sehen – in letzterer im Gespräch mit Osteuropa-Koryphäe von der HSG, Prof. Ulrich Schmid. Auch die TP hatte einige Fragen an Stefan Staub.

Lieber Stefan, ich habe natürlich kurz nachgeschaut: Am 10. März 2022 kamen die Cars der «Teufner Rettungsaktion» hier an. Das ist jetzt schon zwei Jahre her.

Ja, das ist erschreckend. Seit zwei Jahren herrscht in der Ukraine, in Europa, Krieg.

Wie oft denkst du heute noch an diesen Krieg?

Jeden Tag. Das ist natürlich auch durch die Nähe zum Thema begründet. Ich stehe täglich in Kontakt mit Flüchtenden aus der Ukraine und unterhalte mich häufig mit meinem Freund, Pfarrer Andrji Monakov aus Kiew. Für mich ist das nicht irgendein Krieg in irgendeinem Land auf dem Globus. Ich verbinde Köpfe, Gesichter, Menschen damit.

Ich erinnere mich gut an die Gespräche mit dir vor zwei Jahren. Der Kriegsausbruch hat dich schwer getroffen und nicht nur organisatorisch an die Grenzen gebracht. Ist die emotionale Belastung inzwischen etwas erträglicher?

Das ist sie wirklich. Man gewöhnt sich tatsächlich bis zu einem gewissen Grad an diesen alltäglichen Irrsinn. Sogar an einen komplett sinnfreien Krieg und das Abschlachten unschuldiger Menschen. Das Leben geht halt weiter. Und die Krise wird von anderen Konfliktherden überlagert. Oder wenigstens begleitet. Trotzdem belastet mich die Situation weiterhin – und macht mir auch etwas Angst.

«Die Destabilisierung Europas ist ein offensichtliches Kriegsziel Russlands.»

Inwiefern?

Nun, das sage ich offen, die russische Bedrohung beziehungsweise Hegemonie gibt mir schon zu denken.

Ist diese «russische Bedrohung» für dich also real?

Das glaube ich, ja. Nicht im Sinne, dass plötzlich Fernlenkraketen in Richtung Bern abgeschossen werden. Aber die Angriffe in der Cyberdimension, der sogenannte Informationskrieg, sind definitiv real. Das lässt sich überall beobachten. Das russische Regime beabsichtigt die Spaltung der «einfachen Bevölkerung» bei uns durch gezielte Desinformation. Und was derzeit teilweise politisch abläuft – ich denke da an die AfD in Deutschland oder an die Verharmlosungen über Putins Regime, die einst Roger Köppel in seinem Online-Medium «Weltwoche Daily» von sich gegeben hat – spielt Russland bloss in die Hände. Die Destabilisierung Europas ist ein offensichtliches Kriegsziel Russlands

Tut der Westen genug, um dieser Bedrohung zu entgegnen?

Er nimmt sie sicher ernst. Und es sind auch Bemühungen da – von nationalen Regierungen, aber auch von NATO oder UNO. Aber am Ende schaut halt doch jedes Land, respektive jeder Politiker, auf sich selbst und die nötigen Wählerstimmen. Und solange der Rückhalt in der Bevölkerung für entschlossenes Handeln fehlt, wird das auch nicht passieren. Das sieht man auch bei den Sanktionen oder (fehlenden) Waffenlieferungen – das ist schon alles eher halbherzig. Unsere zaghafte Politik könnte uns einst auf die eigenen Füsse fallen.

Das ist wohl ein Ur-Problem der direkten Demokratie.

Natürlich. Das ist die Kehrseite. Was wir haben, ist ein Schönwetter-System Trotzdem würde ich es nie anders wollen. Und vom Militärrecht sind wir ja zum Glück noch weit, weit entfernt.

«Selenskyi hat für mich – das kann man wohl sagen – auch eine Art Helden-Status erreicht.»

Zurück zum Nachdenken über den Krieg. Wie hältst du es mit dem Medienkonsum. Hast du dir das «Interview» des amerikanischen Journalisten Tucker Carlson mit Putin angeschaut?

Nicht in voller Länge, nein danke. Der wurde ja sowieso nur vorgeführt.

Was ist mit dem Auftritt von Selenskyi in Davos?

Die Reden bzw. Berichte über Selenskyi habe ich während der vergangenen zwei Jahre schon ziemlich intensiv verfolgt. Und er hat für mich – das kann man wohl sagen – auch eine Art Helden-Status erreicht. Auch bei der ukrainischen Bevölkerung. Leider kippt das nun langsam, weil er gewisse russische Taktiken adaptiert.

Die wären?

Die Russen behandeln ihre Bevölkerung wie Bauernopfer im Schach. Sie führen Krieg mit deren Masse. Auch Selenskyi versucht nun, möglichst viele Soldaten einzuziehen. Teilweise 60-jährige Männer. Das führt zu viel Angst in der Bevölkerung.

«Die Menschen sind dünnhäutiger geworden, suchen eher das Gespräch, stellen sich Sinnfragen.»

Wie denkst du generell über die Schweizer Berichterstattung zum Ukraine-Krieg?

Ich muss sagen: Die Medien bzw. ihr macht das richtig gut. Ich habe das Gefühl, es wird ein ausgewogenes Bild vermittelt. Wir können ja, wenn wir das wollen, sogar den russischen Propaganda-Sender auf Deutsch schauen. Und auch nach zwei Jahren wird noch intensiv berichtet. Aber ich konsumiere längst nicht alle Berichte und Sendungen. Das würde mich zu sehr belasten.

Wie geht es eigentlich den Mitgliedern der Kirchgemeinde?

Man spürt, dass dieser Krieg bzw. die Kriege sie beeinflusst. Sie haben sich wie ein Nebel über die Welt gelegt. Die Menschen sind dünnhäutiger geworden, suchen eher das Gespräch, stellen sich Sinnfragen. Oder aber sie kippen in die andere Richtung und verdrängen alles komplett. Das führt dann wohl auch zu diesen abstrusen Bewegungen wie die «Reichsbürger».

Man sagt ja sonst eher, dass sich die Menschen nur Sinnfragen stellen, weil es ihnen zu gut geht …

Klar, «Not lehrt beten» und so weiter. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Das Leben geht ja hier ganz normal weiter – sogar die Hypothekarzinsen haben sich wieder normalisiert. Es ist eher eine Art konfuse Bedrohung. Und halt eine Situation, die überhaupt nicht mit unserem Weltbild übereinstimmt. Wir wuchsen auf in einer Welt, in der die Abrüstung und die Wahrung des Friedens oberste Priorität hatte. Und nun fordern plötzlich alle Parteien – von links bis rechts – die Aufrüstung. Das macht etwas mit den Menschen.

«Nirgends sonst kommen sich zwei so kontradiktorische Weltbilder so nahe.»

Du sprachst vorher von «Kriegen» im Plural. Wie sehr beschäftigt dich die Situation im Nahen Osten?

Ach. Natürlich auch sehr. Nur schon wegen unserer Hilfsprojekte in Kurdistan. Aber aus meiner Sicht lässt sich dieser Konflikt nicht mit herkömmlichen Methoden lösen. Ich war schon in Palästina und Israel. Ausserdem habe ich den ersten israelischen Armeeseelsorger ausgebildet. Und ich weiss, nirgends sonst kommen sich zwei so kontradiktorische Weltbilder so nahe. Am Strand in Israel sonnen sich die Frauen oben ohne und einen Steinwurf weiter sind sie komplett verhüllt und es gilt islamisches Recht mit dem entsprechenden Frauenbild. Obwohl ich alles andere, als ein Pessimist bin, kann ich mir leider kaum vorstellen, dass unter diesen Umständen in naher Zukunft eine friedliche Koexistenz möglich ist.

Ich bin jetzt nicht so unfair und frage dich nach deinem Lösungsansatz.

Ich hätte sowieso keinen. Gerade heute habe ich wieder gelesen, was für Gräueltaten dort verübt worden sind – und wohl auch weiter verübt werden. Wie soll nach so viel Gewalt ein Nebeneinander überhaupt möglich sein?

Zum Abschluss nochmal zurück zur Ukraine. Hättest du dort eine Lösung? Oder wenigstens einen Wunsch.

Ich schliesse mich da Pfarrer Andrji Monakov an. Er meinte bei unserem letzten Gespräch, man sollte die Front, wie sie heute ist, einfrieren. Zwar müsste man Russland so einen Bereich des ukrainischen Staatsgebietes überlassen. Aber das wäre der Preis, den man für das Verhindern weiteren Abschlachtens bezahlen müssten. Denn, und das ist klar, die Ukraine kann diesen Krieg nicht gewinnen. Dafür hat sie schlicht zu wenig Soldaten  tiz

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