Das Mysterium Schützenfest

21.06.2019 | Timo Züst
Bruno_Preisig
Der Teufner Bruno Preisig ist Präsident des Kantonalschützenvereins Appenzell Ausserrhoden. Foto: tiz Timo Züst Der Parkplatz vor dem Zeughaus platzt aus allen Nähten. Und im Dorfzentrum ist alle paar Sekunden ein leiser Knall zu hören. Der Grund: Seit heute läuft das zweite Wochenende des Kantonalschützenfests. Was hat es damit eigentlich auf sich? Wir haben es uns vom Präsidenten des Kantonalvereins erklären lassen: dem Teufner Bruno Preisig. „Sitzen wir doch gleich in die Schützenstube, dort ist es etwas ruhiger“, sagt Bruno Preisig zur Begrüssung. Davor musste sich der  TP-Journalist bereits vor einem Helfer in roten T-Shirt mit aufgedruckten Logo des „Appenzell Ausserrhoder Kantonalschützenfest 2019“ rechtfertigen. Dieser hatte gut aufgepasst und registriert, dass hier jemand zum Schützenstand Teufen hochfährt, statt den Shuttlebus vom Festzentrum im Zeughaus zu nehmen. Nach ein paar entschuldigenden Worten wird das TP-Auto für eine Weile geduldet. Was bleibt, ist ein guter Eindruck: Dieser Anlass ist offensichtlich straff organisiert. Drinnen in der Schützenstube sitzen ein paar Männer vor einer Leinwand, auf der die Schüsse ihrer Kameraden in Echtzeit angezeigt werden. „C’est pas mal“, murmelt einer von ihnen zwischen zwei Schlücken Bier. Die Sprache verrät: Sie sind weit angereist. Bruno Preisig steuert aber einen Tisch etwas weiter hinten an. Hier hat der Teufner, der seit 2006 das Präsidentenamt des Kantonalschützenvereins Appenzell Ausserrhoden innehat, genug Ruhe, um dem ahnungslosen TP-Journi zu erklären, wie ein Schützenfest funktioniert. Herr Preisig, heute startet das zweite von drei Schiesswochenenden des „Kantonalen“. Muss ich mir so ein Schützenfest eigentlich wie einen Sportwettkampf vorstellen? Im Grossen und Ganzen ist es eigentlich schon so etwas wie ein Turnier. Beim Schiessen handelt es sich aber um eine etwas andere Sportart. Am wichtigsten sind hier Konzentration, Kondition und ein gutes Auge. Spielt alles zusammen, resultiert am Schluss hoffentlich ein Treffer. Bei einem Sportanlass gibt es üblicherweise einen Sieger. Hier auch? Am Ende dieses Fests wird es mehrere Sieger geben. Das sind diejenigen, die in den einzelnen Konkurrenzen, die für den Festsieg relevanten Stiche gewinnen konnten. Moment. Konkurrenzen? Stiche? Natürlich. Also: Die Konkurrenzen sind sozusagen die Kategorien. Da gibt es Gewehr auf 300 Meter, Kleinkalibriges Gewehr auf 50 Meter, Pistolen auf 50 Meter und Pistolen auf 25 Meter. Innerhalb dieser Grundeinteilungen bzw. Konkurrenzen gibt es dann aber noch verschiedene Kategorien. Bisher kann ich folgen. Was sind das für Kategorien? Diese werden vom Schweizerischen Verband definiert. Dabei geht es um das jeweilige Sportgerät. In der Kategorie A wird mit dem Standard oder „Sportgewehr“ geschossen. Kategorie D sind die Militärgewehre 57/03. Das sind die alten Sturmgewehre (Anm. siehe Foto) mit Modifikationen. Und in der Kategorie E kommen die Sturmgewehre 90 (Anm. aktuelles Armee-Gewehr), das klassische 57er und der Karabiner zum Einsatz. Ich mache ein Beispiel: Wenn ich einen Karabiner habe, muss ich um zu gewinnen also so genau schiessen wie ein anderer Schütze mit einem modernen Sturmgewehr 90? Genau. Oder zumindest in etwa. Es gibt da schon kleine Abstufungen. Ist das überhaupt möglich? Naja, man muss schon sehr gut sein. Schiessen viele Schützen mit unterschiedlichen Gewehren? Die meisten fokussieren sich auf ein Gewehr. Was es gibt, sind Schützen, die mit dem Gewehr aber auch mit der Pistole oder Kleinkaliber schiessen. Und dann sind da noch einige wenige Junge, die mit dem Sportgewehr um die 98 Prozent machen und dann auch noch mit dem Sturmgewehr bis auf drei Punkte das Maximum erreichen. Aber mit dem Alter geht das nicht mehr. Warum ist das im Alter nicht mehr möglich? Ich hätte gedacht, beim Schiessen könne man eher lange vorne dabei bleiben … Kondition und Konzentration lassen nicht nach. Sie verbessern sich sogar eher. Und dann kommt noch die Erfahrung als Bonus hinzu. Aber wir alle verlieren mit dem Alter einen Teil unserer Sehkraft. Dann ist es wesentlich einfacher, sich auf ein Gerät zu fokussieren. Sie sagten vorhin, es gebe eine eigene Kategorie für das „modifizierte“ Sturmgewehr 57. Inwiefern modifiziert? Bei diesen sogenannten «57/03» wurde der alte gegen einen anderen, genaueren Lauf ausgetauscht. Dazu kommen noch andere, kleine Anpassungen. Folglich ist der Lauf für die Genauigkeit wichtig. Sehr (lacht). Im Lauf eines Gewehres befinden sich Rillen bzw. Züge, die der Kugel einen Drall verleihen. Dieser Drall wirkt sich stabilisierend auf die Flugeigenschaften der Kugel aus. So wird der Schuss genauer. Wenn nun viel mit einer Waffe geschossen wird, wird der Lauf abgenutzt. Deshalb müssen die Läufe auch immer wieder gewechselt werden. Wie oft denn? Ich habe gestern einem Schützen mit einem Sportgewehr zugeschaut. Er hatte dreistellig geschossen. Ein sehr gutes Resultat. Er sagte mir, dass er seinen Lauf nach zwei Saisons wechselt. Wenn man viele Wettkämpfe und Trainings hat, schiesst man in einer Saison rund 2000 Schuss. Im Ernst? Der Lauf wird also schon bei 4000 Schüssen gewechselt? Ich will gar nicht wissen, wie viele Kugeln schon durch den Lauf meines Sturmgewehrs 90 gezischt sind … Die Militärwaffe (lacht)? Ach, dort ist das nicht so wichtig. Das Militär hat ganz andere Ansprüche an die Genauigkeit. Sobald der Schuss ins Schwarze geht, ist das dort ein Volltreffer. Bei uns kann ein Treffer ins Schwarze aber 7 bis 10 Punkte erzielen, je nach Nähe zum Zentrum. Und: Der Lauf wird nicht zwingend bei 4000 Schüssen gewechselt. Das können auch gut 5000 oder 6000 sein. Okay, das waren nun also die Konkurrenzen und Kategorien. Was sind denn nun diese „Stiche“? Die Stiche sind die einzelnen Wettkämpfe. Beim Gewehr gibt es zum Beispiel „Militär“. Hier schiesst man vier Einzelschüsse auf die 100er Scheibe. Ein Volltreffer gibt also 100 Punkte. Die Teilnahmekosten betragen 22 Franken und die erste Gabe zum Beispiel 500 Franken. Also die Schützen bezahlen für die Teilnahme an den einzelnen „Stichen“, gewinnen bei guten Resultaten aber ein Preisgeld? Genau. Je nach Stich werden nicht nur die Besten („Gabe“), sondern auch Schützen mit einem gewissen Punkte-Resultat mit kleinen Preisgeldern belohnt. Beim Stich „Auszahlung“ erhält man beispielsweise in der Kategorie A (Sportgewehr) ab 55 Punkten acht Franken, bei 56 Punkten 11 Franken und so weiter. Ihr Ziel als Veranstalter muss es also sein, dass die Schützen nicht allzu gut treffen. Genau, sonst plündern sie uns (lacht). Wie viele Schützen sind denn nun an diesen drei Wochenenden dabei? Angemeldet waren kurz vor Start 6500. Mittlerweile sind noch einige dazugekommen. Wir vermuten, dass wir am Schluss bei rund 6700 sind. Damit wären wir sehr zufrieden. Und wie oft findet in Ausserrhoden so ein Kantonales statt? In der Regel alle zwölf Jahre. Dieses Mal haben wir es aber um ein Jahr geschoben, um nicht zu nahe am Innerrhoder zu sein. Bei so vielen Schützen, verteilt auf elf Schiessstände, ist es sicher nicht einfach die Übersicht zu behalten. Wie garantiert ihr die Sicherheit? Beim Thema Sicherheit haben wir uns an klare Vorschriften zu halten. Ich mache ein Beispiel anhand des Schiessstandes Teufen. Hier hat es zehn Scheiben. Das heisst, wir müssen jederzeit fünf ausgebildete Schützenmeister zur Übersicht bei den Schützen haben. Dazu kommt einer, der im Hintergrund die Gewehre kontrolliert, die Zähler bzw. „Warnkinder“ an den Tischen und die Türkontrolle. Deren Aufgabe ist also die Kontrolle der Schützen. Und wer kontrolliert die Kontrolleure? Wir stehen unter Aufsicht des Schiessoffiziers für die Kantone AR, AI und SG. Er kann jederzeit auftauchen und uns kontrollieren. Und natürlich hätte er auch die Autorität alles zu stoppen, wenn etwas nicht okay wäre. Wie «gut» ist der Teufner Schiessstand eigentlich? Jeder Schiessstand hat seine guten und schlechten Zeiten. Ich war heute früh morgens um 6 Uhr hier und dachte mir: Wow, jetzt müsste man schiessen können. Die Scheibe war gestochen scharf und hob sich perfekt zum hellen Hintergrund ab. Für diesen Stand gilt: Am besten ist die Zeit am Morgen bis ca. 10 Uhr und dann wieder der Abend. Na dann, noch eine letzte Frage: Wie gut stehen die Chancen, dass ein Teufner unter den Festsiegern sein wird? Also bei mir sehr schlecht (lacht). Aber es gibt schon einige in unserem Verein, die eine Chance haben können. Aber damit das klappt, muss es in den für den Festsieg relevanten Stichen wirklich überall sehr gut laufen. Und das ist eine grosse Herausforderung.

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