Vroni Ehrbar – Zuhause auf dem Logenplatz

02.09.2012 | Erika Preisig-Studach
Vroni Ehrbar T Chopf

«Dieses Haus bedeutet mir Heimat, ich liebe es und fühle mich hier geborgen. Früher, in der grossen 6-Zimmerwohnung und heute in der kleineren, die ich 1999, zwei Jahre nach dem Tod meines Mannes, beziehen durfte.

An den Lärm gewöhnt

Am 1. Juli 1957 sind wir mit unseren beiden Buben Rolf und Heinz aus Chur hier eingezogen. Mein Mann Rolf war der neue Kantonsoberförster und die Dienstwohnung gehörte zum Oberforstamt, das seit 1886 (bis 1997) im Haus seine Büros hatte.

Nach einigen Nächten wollten wir wieder auszuziehen, wir sagten, diesen Lärm halten wir nicht aus. Die Autos, die Glockenschläge der Kirche, der Krach der heimkehrenden Gäste der drei Wirtschaften Bahnhof, Jlge und Anker, das alles war uns zuviel.

Doch zum Glück konnten wir uns damals eine andere Wohnung gar nicht leisten und so gewöhnten wir uns an die nächtlichen Störungen.

Heute höre ich den Zug nur, wenn er nicht kommt, wenn er Verspätung hat oder ganz ausbleibt, so absurd das tönt. Und so geht es mir auch mit den Kirchenglocken.

Doch das Sechsuhrläuten am Morgen könnte von mir aus weggelassen werden. Meine Mutter sagte jeweils, «die hören erst auf zu läuten, wenn sie alle geweckt haben.»

Vom Zigarren Waldburger zur Bibliothek

Meine Erinnerungen an den Alten Bahnhof gehen aber noch viel weiter zurück, bis in meine Kindheit. Auf der Westseite befand sich das grosse Ladenlokal von Zigarren Waldburger, ein Anziehungspunkt, nicht nur für Raucher. Es roch nach Tabak, und ich bewunderte die Antiquitäten, Kupfergeschirre und Souvenirs, wenn ich für meinen Onkel «grüne Laurens» posten musste.

Nicht weniger fasziniert war dann später unsere Brigitte, sie durfte bei Herrn Waldburger, der Witwer war und im Haus wohnte, lädele.

Viele lange Jahre war es ruhig im alten Bahnhof; bis zur grossen Renovation Mitte der Siebzigerjahre wurde buchstäblich kein Nagel eingeschlagen.

Ausser uns hatte niemand ein Badezimmer, geschweige denn eine Zentralheizung. Jeden Morgen mussten wir in Wohnung und Büro vier Öfen anfeuern.

Auch die sanitären Verhältnisse waren prekär, die Leute konnten es gar nicht glauben, dass wir immer noch Plumpsklos hatten. Oft verzweifelte ich ob dem Gestank, bis die «Armehüsler» mit dem Ochsen kamen und die Bschöttigruben hinter dem Haus endlich leerten.

Das Erdgeschoss erlebte verschiedene Nutzungen: bis 1963 als Filiale der Kantonalbank, als Schulzimmer für die Gewerbeschule, als Krankenmobilienmagazin, als Betreibungsamt und sogar der Coiffeur Gautschi hatte hier eine zeitlang sein Geschäft.

Das Haus hatte dann noch eine weitere Überraschung für mich bereit: Die Eröffnung der Bibliothek. Von 1979 bis 1992 durfte ich nämlich im Bibliotheksteam mitarbeiten. Gerne denke ich an diese bereichernde Zeit zurück.

Das Haus und der Dorfplatz waren für unsere drei Kinder ein Paradies. Stundenlang konnten sie sich im grossen Estrich mit den Nachbarskindern tummeln. Ich erinnere mich an die Sonntagnachmittage, da war bei uns das wahre «Wirtschaftswunder», wie mein Mann jeweils sagte, wenn Ursula Breu vom Restaurant Bahnhof und Silvia Höhener vom Anker manchmal bei uns zu Besuch waren.

Am Wochenende tötelet’s

Der Dorfplatz war unser Lebenszentrum. Wie schön, wenn ich am Montag die Wäsche aufhängte und mit den vorbeigehenden Leuten die letzten Neuigkeiten austauschte.

Und was haben wir nicht alles gesehen an Glück und Leid in dieser langen Zeit! Hochzeiten, Beerdigungen, Fasnachtsumzüge, Sportler- und Jodlerempfänge mit der Harmoniemusik.

Im «Bahhöfli» hatten die Studenten aus St. Gallen ihren Stamm und da ging es oft hoch zu und her mit Polonaisen um den Dorfbrunnen und ausgelassenen Gesängen bis weit in die Nacht hinein.

Viele Jahre lang lebten wir im Dorf mit den Nachbarn friedlich zusammen. Im Alten Bahnhof mit Pulvers, mit Lehrer Rohners und später Lehrer Bischofs. In der Ilge war die Familie Zellweger und im Bahnhof die Familie Breu. Im Dorfschulhaus wohnte das Abwartehepaar Hauser.

Neben Huldi Höhener, die seit ihrer Heirat 1945 im Anker lebte, bin ich die letzte Zeugin der alten Zeit auf dem Dorfplatz. Wenn ich daran zurückdenke, werde ich grad ein bisschen wehmütig und sehne mich zurück in die Vergangenheit, als sich auf dem Dorfplatz noch Menschen begegneten, nicht wie heute, wo nur noch Autos zu- und wegfahren und am Abend und an den Wochenenden, da tötelet’s fast ein bisschen im Dorf.

Notiert: Erika Preisig

Vroni Ehrbar-Niederer

Geboren: 1926

Aufgewachsen: In Teufen als Tochter von Lehrer Werner Niederer

Wohnort: Alter Bahnhof

Familie: Ehemann Rolf (verstorben 1997), 3 Kinder: Rolf (1954), Heinz (1956), Brigitte (1959), 5 Grosskinder

Beruf: Rentnerin, Kaufmännische Angestellte

Hobbys: Briefe schreiben, Lesen, Musik

Lieblingsort: St. Antönien im Prättigau (erster Wohnort der Familie)

Geschichte/n,

Alter Bahnhof (1)

Ein 150-Jähriger – der Alte Bahnhof in Teufen

Eines der ältesten Gebäude am Dorfplatz feiert Jubiläum. weiterlesen…

| 2. 09. 2012 |

 

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