Via Sitterstrandweg

08.08.2025 | Sepp Zurmühle
Wanderung_Sitterstrand_2025 (15)

Endlich wieder Sommerwetter. 32 Wanderinnen und Wanderer bestaunen die ehemalige Eisenbahnersiedlung im Quartier Schoren in St. Gallen. Dank Bananenbrücke geht es über die Stadtautobahn und dann hinunter zur prall gefüllten Sitter. Die schönen Schattenwege und die Frische des Wassers werden geschätzt – auch beim Picknick. Den traditionellen Schlusstrunk geniesst die Gruppe im Restaurant Bäche.

Wandertag ist Donnerstag. Heute am 7. August 2025 scheint die Sonne wieder einmal richtig sommerlich, nach einem wahrlich nassen und kühlen Juli. Vielleicht sind deshalb 28 Mitglieder und vier Gäste besonders motiviert (mit)zuwandern? Wanderleiterin Mägi Koller freut es. Sie begrüsst die Teilnehmenden am Treffpunkt bei der Bushaltestelle Tigerberg. Heute wandert auch ein Grosskind mit. Der Altersunterschied zwischen dem jüngsten und dem ältesten Teilnehmer beträgt unglaubliche 80 Jahre.

Eisenbahnersiedlung Schoren

Wir stehen vor dem prächtigen Eingangsgebäude der Siedlung. Das Glockentürmchen ist das Wahrzeichen der Siedlung. Mägi Koller erzählt uns davon. «Jedes Dorf muss ein Glöcklein haben.» So die damalige Überzeugung der ersten Genossenschafter. Und sie hat bis heute Bestand. Das Schorenglöcklein läutet täglich zu jeder Viertelstunde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blühte die Stickerei-Industrie in der Stadt St. Gallen wie nie zuvor. Für einen der grössten Handelsorte Europas wurden entsprechende Bahn- und Postverbindungen in alle Welt nötig. Um 1900 waren die sozialen Gegensätze jedoch riesig. Einigen wenigen brachte die Textil- und Stickereiblüte grossen Wohlstand. Die Arbeiterfamilien hingegen hausten in engen, dunklen Wohnungen unter unwürdigen Umständen. Zu denen gehörten auch die «Eisenbähnler» (Heizer, Rangier- und Gepäckpersonal, Kondukteure usw.). Die Mietzinsen erreichten vielfach ein Drittel des Lohnes.

Adolf Messmer, «Gehilfe» beim Betriebschef des damaligen Bahnkreises IV der SBB in St. Gallen, trieb die Idee voran, eine Haus-Siedlung zu bauen. 300 Personen kamen an die Gründungsversammlung im März 1909. 142 Mitarbeitende von SBB, Post, Zoll, Tram und Polizei zeichneten Genossenschafts-Anteilscheine von 300 Franken – ohne Garantie, ob je etwas realisiert werden kann.

Für 150’000 Franken erwarb die Genossenschaft das Gelände am Westhang des Rosenbergs. Der Ulmer Architekt Paul Robert Gerber entwarf die Reihenhaus-Siedlung. Der regierungsamtliche Gutachter lehnte das Projekt anfänglich ab. Mit dem Vorwurf, die «Häuschen seien kleinlich und puppenhaft». «Arbeiter sollen in Wohnblöcken und nicht in Einfamilienhäusern wohnen», war die Ansicht der Regierenden.

Trotzdem erfolgte der Spatenstich zwei Jahre später, im März 1911. Und bereits im Oktober zogen die ersten Mieter ein.

Bis 1926 wurden durch Adolf Messmer in der Schweiz 19 weitere, ähnliche Eisenbahner-Siedlungen bzw. Genossenschaften aufgebaut. In St. Gallen entstand trotz unterschiedlicher Gestaltung der Details ein einheitliches architektonisches Erscheinungsbild, das bis heute erhalten ist. Die total 181 Wohnungen und Reihen-Einfamilienhäuser (erstellt 1911 bis 1914) wurden und werden fortlaufend saniert. Die Häuser verfügen über einen eigenen Sitzplatz und einen Garten.

Der Sitter entlang

Vom Quartier Schoren wandert die Gruppe den Hätterenweg hinunter und überquert die Autobahn auf der Bananenbrücke. Diese ist offiziell wegen Bauarbeiten zwar noch gesperrt. Doch die Wandergruppe erhielt kurzfristig eine Ausnahmebewilligung. Dies war gar auf der Absperrung schriftlich markiert.

Weiter durch den Hätterenwald hinunter wird schon bald das fliessende Gewässer erreicht. Die Sitter entspringt in Weissbad, aus dem Zusammenfluss des Weissbachs und des Schwendibachs. Sie ist der weitaus grösste Nebenfluss der Thur und fliesst durch die vier Kantone AI, AR, SG und TG. Im Jahr 854 wurde sie erstmals als «Sitteruna» schriftlich erwähnt. Nach 49 Kilometern fliesst sie in Bischofszell in die Thur.

Unser Weg führt die nächsten rund 6 km der Sitter entlang, vorbei im Erlenholz und der Leebrugg. Kurz vorher machen wir jedoch Mittagsrast auf dem schönen Picknickplatz am Wasser. Fast der gesamte Weg verläuft im kühlenden Schatten der Bäume – in unmittelbarer Nähe zum Wasser.

Bei der Leebrugg trennen sich die beiden Wanderstrecken kurz und lang. 13 Mitglieder wandern auf direktem Weg zum Restaurant Bäche im Quartier Grünau in Wittenbach. Die restlichen 19 wandern weiter zur Chapfmüli. Dort verlassen sie die Sitter und durchwandern eine völlig andere, von Landwirtschaft geprägte, Landschaft mit Sicht bis zum Säntis. Der Weg führt aufwärts zu den Weilern Büttigen, Freiwilen und Hurliberg. Dort oben befindet sich ein imposanter Riegelbau. Auch die Wirtschaft Zu den drei Eidgenossen aus dem Jahr 1475. Wir befinden uns an der alten «Reichsstrasse», der «Alten Konstanzerstrasse».

Es ist mittlerweile richtig heiss. Der Durst macht sich bemerkbar. Das Wanderziel ist nicht mehr weit. Nach knapp 12 Kilometern geniessen wir den Schlusstrunk in der Gartenwirtschaft des Restaurants Bäche, bevor wir die Heimreise antreten.

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