Umgang mit dem Sterben und Tod im alten Teufen

01.11.2011 | Erich Gmünder
Pferdefuhrwerke Beerdigung Minister Roth
Reich geschmückte Leichenfuhr, ca. 1948. Leichenwagen mit riesigem Trauerzug anlässlich der Beerdigung des ersten Bademeisters, Jakob Schefer-Merz, anfangs der 30er Jahre.

Sterben und Tod werden zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannt. Oder wann haben Sie zum letzten Mal einen Leichenwagen gesehen? Ältere Bewohner wie Werner Holderegger* erinnern sich, dass die Toten bis 1963 zu Hause aufgebahrt und am Tage der Beerdigung mit einem feierlichen Leichenzug zum Friedhof begleitet wurden. Paul Studach, Jahrgang 1917, beschreibt das aus der Optik als ehemaliger Fuhrmann.

 

Totengedenken für Johannes Wetter, 1881, Ortsgeschichtliche Sammlung Teufen. Foto:EG

Der Fuhrmann erhielt Kalterer-Wein und Biberfladen

Paul Studach war als Angestellter seines Vaters Fuhrmann und erinnert sich an die damaligen Gebräuche: «Die Leichenfuhren begannen meist beim Haus des Hinterbliebenen, wo sich die Trauergemeinde versammelte. Zur Stärkung erhielten Leichenbesorger und Fuhrmann zunächst einen halben Liter Kalterer-Wein und ein Stück Biberfladen, die meist auf einem mit schwarzem Tuch überzogenen Tisch bereit standen. Vor dem Abmarsch forderte der Leichenbesorger die Trauergäste zum stillen Gebet auf. Unterwegs schlossen sich dem Zug dann weitere Personen an. Bei Prominenten aus Politik oder Wirtschaft fielen die Blumenkranzspenden manchmal so zahlreich aus, dass hinter dem Leichenwagen ein zusätzlicher Blumenwagen eingesetzt werden musste.

Künstlicher Blumenkranz, wiederverwertbar, Datum unbekannt. Foto: EG

Unter den Trauerkränzen fanden sich immer einige aus künstlichem Grün oder Braun, die von den Spendern später wieder vom Friedhof geholt und bis zur nächsten Verwendung im Estrich verwahrt wurden. Bei Kremationen wurden die engeren Angehörigen der Verstorbenen mit Landauern, manchmal mit drei bis vier Gespannen, hinter dem Leichenwagen zum Krematorium in St. Gallen gefahren.

Um die Unterschiede zwischen Arm und Reich aus der Welt zu schaffen, ging man später dazu über, alle Leichenfuhren zweispännig zu führen.

Einspännige Leichenfuhren entschädigte die Gemeinde mit zwölf Franken. Wünschte jemand einen Zweispänner, mussten wir ihm die Mehrkosten von acht Franken in Rechnung stellen.

Um die Unterschiede zwischen Arm und Reich aus der Welt zu schaffen, ging man später dazu über, alle Leichenfuhren zweispännig zu führen. Wir erhielten dafür eine Pauschale von achtzehn Franken, Wagenreinigung inbegriffen. Das Depot des Leichenwagens befand sich im Güterschuppen des Alten Bahnhofs. Wir führten diese Fuhren bis ca. 1949 aus.»

Paul Studach-Hofstetter, Lindauer und Car-Alpin, Merkwürdiges und Alltägliches aus Teufen und Umgebung 1900-1950, Teufener Hefte 9, erschienen 2006, Einwohnergemeinde Teufen.

*Werner Holdereggers Vater wurde 1963 mit dem letzten Leichenzug zum Friedhof geführt. Seit damals werden die Toten in der Leichenhalle aufgebahrt.

Vier Zweispänner zogen die Blumenwagen und den Leichenwagen bei dem Staatsbegräbnis durch das Dorf, tausende standen Spalier. Bilder: Sammlung Werner Holderegger

Ein Staatsbegräbnis für Minister Arnold Roth

Wohl den längsten Leichenzug aller Zeiten sah Teufen 1904, als sein Ehrenbürger Arnold Roth zu Grabe getragen wurde. Der 1836 geborene Teufner war 1971 in den Ständerat und wenig später zum Landammann gewählt worden. 1876, eben erst als 40Jähriger zum Vizepräsidenten des Ständerates gewählt, ernannte ihn der Bundesrat zum «Schweizerischen Minister beim Deutschen Reiche». «In Trauer tief gebeugt, steht heute mit den Eidgenossen besonders auch das Appenzeller Volk an der Bahre seines grossen Bürgers», sagte Landammann Eugster am Grab. «Es hat uns doch alle stolz gemacht, wie sie den Lebenden ehrten in Deutschland und welche Ehrenbezeugungen sie dem Dahingeschiedenen erwiesen», sagte Pfarrer Mötteli in seiner Grabesrede.

«Säntis» vom 16. April 1904: Beerdigungsfeier für Minister Dr. Roth, den 13. April, mittags 12 Uhr in Teufen.

«Bei Anlass der Beerdigung strömten von allen Seiten die Landsleute und Fremden in ganzen Scharen nach Teufen. Es war gut, dass 200 Mann Militär als Ehrenwache aufgeboten wurden, so konnte trotz der Masse Menschen die Ordnung aufrecht erhalten bleiben. Die Eingänge der Kirche, des Schulhauseses und des Gemeindehauses waren schwarz behangen, vor dem letzteren wehten schwarzumflort auf Halbmast die schwarz-weisse Appenzeller Fahne und das eidgen. Banner.

 

Ehrenwache vor dem Wohnhaus von Minister Arnold Roth, wo der Leichenzug begann.

Kurz vor 12 Uhr spielte die Bürgermusik Teufen, verstärkt durch Mitglieder der Bürgermusik Herisau, einen Choral und dann setzte sich der imposante Trauerzug unter den Klängen des Beethovenschen Trauermarsches ernst und langsam in Bewegung. Vorn ein Peloton Infanterie, dann folgten drei Wagen, hochgetürmt mit Kranzspenden und unmittelbar nachher, von zwei Pferden gezogen, der Leichenwagen, ebenfalls über und über behangen mit prächtigen Kränzen. Hinter dem Sarg schritten die nächsten Anverwandten und Bekannten. Unter Voranritt von Bundesweibeln die Vertreter des Bundesrates, HH. Comtesse und Brenner, die Vertreter des Ständerates (Isler, Aarau und Ammann, Schaffhausen), des Nationalrates (Ador, Genf und Zschokke, Aarau), sodann unter jeweiligem Voranritt eines Kantons-Weibels im Ornat die Regierungsvertreter von 15 Kantonen, dann die appenzell. Regierung in corpore, Mitglieder der ehemaligen Standeskommission, Obergericht, Kantonsräte, Vertreter der Gemeinden und endlich den Zug beschliessend die Vertreter der Studentenverbindungen.

Eine gosse Menge Schaulustiger bildeten dem Zuge zu beiden Seiten Spalier, unter harmonischem Glockengeläute erreichte er die Kirche, die sich bald bis zum letzten Plätzchen füllte. (…) Nach dem kirchlichen Akt vereinigten sich die geladenen Gäste im «Hecht» u. «Linde». Die gewaltige Menge aber verteilte sich nach und nach.

Den ganzen Nachmittag war eine ganze Völkerwanderung nach dem nahen Friedhof, zum Grabe des Minister Roth, das einen ganzen Berg von Kränzen und Blumen trug. Bemerkt wurden besonders diejenigen vom deutschen Kaiser, der Kaiserin, von Minister Claparede, des Dienstpersonals der Schweizerischen Gesandtschaft in Berlin, des japanischen Gesandten, der Gotthardbahngesellschaft, ein Riesenkranz des Bundesrates und ein solcher der Gemeinde Teufen, sowie eine grosse Menge anderer.»

Säntis, Volksblatt für den Kanton Appenzell und dessen Umgebung, Teufen, 16. April 1904.

Prominente Ehrengäste am Staatsbegräbnis von Minister Roth

 

200 Soldaten sorgten für einen geordneten Ablauf.
 

 

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