«Teufen au Lac» – Es blieb bei der Idee

01.09.2011 | Erich Gmünder

Erich Gmünder

Von den einen wurde sie als Hirngespinst bezeichnet, andere sahen darin die Lösung verschiedener Probleme auf einen Schlag: Die visionäre Idee eines Stausees zwischen Haslen und Teufen bewegte vor 30 Jahren die Gemüter in Inner- und Ausserrhoden.

Margrith Widmer erinnert sich, wie sich damals Teufen in zwei Lager spaltete. Einige machten sich lustig über die «Schnapsidee», andere sahen ernsthaft ein touristisches Entwicklungspotenzial für Teufen: «Es gab Leute, die davon träumten, einen Bootsverleih zu eröffnen, und ein bekannter Grafiker sah sich schon, wie er künftig die Angel aus dem Schlafzimmerfenster (der See hätte bis zu seinem Haus gereicht) auswarf und fischte», erzählt die Teufner Journalistin schmunzelnd.

Mit diesem Poster machte Albert Mazenauer im Innerrhoder Kantonsrat Werbung für die Idee Teufener See.

In Urnäsch treffen wir einen der Vorkämpfer der Vision, den ehemaligen Hasler Hauptmann Albert Mazenauer. Er kommt mit einer Beige alter Zeitungen und Protokolle, die seine Frau geordnet hat. Und er präsentiert uns ein auf Karton aufgeklebtes Poster, mit welchem er im Innerrhoder Grossen Rat und an diversen Versammlungen für die Idee Werbung machte. Die Fotomontage zeigt eine Flugaufnahme des fraglichen Gebiets, darauf sind der See und die neuen Strassenführungen eingezeichnet. Albert Mazenauer ist heute noch überzeugt davon, dass der Stausee für Haslen, aber auch in ökologischer Hinsicht verschiedene Probleme auf einen Schlag gelöst hätte.

«Mein Hintergedanke war, unser Dorf besser an die Autobahn und St. Gallen anzuschliessen und damit Arbeitsplätze zu gewinnen.»

Auslöser war die Diskussion um den Ersatz der sanierungsbedürftigen Brücke über den Rotbach, welche mit ihrer S-Form vielen Haslern ein Dorn im Auge war, während Heimatschutz und Kulturinteressierte sich vehement für deren Erhalt einsetzten. Albert Mazenauer schlug vor, die Brücke abzubrechen und an einem neuen Standort wieder aufzubauen: nämlich mit direktem Anschluss an die damals geplante Teufner Umfahrung. Haslen wäre damit auf einen Schlag 2,3 km näher an die Stadt gerückt. «Andere Bezirke bauten Skilifte und Luftsteilbahnen, und konnten damit vom Tourismus profitieren. Mein Hintergedanke war, unser Dorf besser an die Autobahn und St. Gallen anzuschliessen und damit Arbeitsplätze zu gewinnen», erzählt der damalige Hauptmann und Präsident der Baukommission Haslen.

Nun kam Alois Koch, Innerrhoder Bauunternehmer, Kantonsrat und Geschäftspartner von Albert Mazenauer, ins Spiel: Statt eine neue Brücke zu bauen, schlug Koch vor, einen Damm aufzuschütten, um den Rotbach zu stauen. Da zu jener Zeit der Rosenbergtunnel der Stadtautobahn ausgehoben wurde, wäre genügend gutes und günstiges Aushubmaterial in nächster Nähe zur Verfügung gestanden.

Kreative Lösung für Energieproblem

Der 3 km lange und bis zu 300 Meter breite Stausee mit einer Stauhöhe von 780 Meter und einem Einzugsgebiet von 35 km2 hätte das Potenzial, 12,7 Mio. KWh zu produzieren, das entsprach der Versorgung von 3800 Haushalten. Zusätzlich wollten die Befürworter mittels Wärmepumpen Energie aus dem See gewinnen. Alois Koch hatte, um ein Hindernis aus dem Weg zu schaffen, bereits einen Landwirtschaftsbetrieb in der Lochmühle gekauft. Er sah einen Wanderweg rund um den See vor, und schlug – wohl auch um die Landschafts- und Naturschützer zu gewinnen – ein grosses Fisch- und Wasservogelreservat vor. Die beiden engagierten sich in verschiedenen Gremien für ihre Vision und ernteten in Innerrhoden dafür viel Sympathie, sogar von Raymond Broger, dem legendären Landammann von Innerrhoden.

«Keine Chance für den ‚kleinen Vierwaldstättersee», fasste das St. Galler Tagblatt vom 16. Februar 1981 die Stimmung zusammen.

Doch je länger das Projekt im Detail studiert wurde, desto stärker blies der Gegenwind. Umweltschutzkreise wehrten sich gegen die Rodung von Wäldern, andere sahen die Hänge, vom Wasser umspült, ins Rutschen kommen, dritte befürchteten, dass der See wegen des geringen Frischwasserzulaufs zu einer stinkige Brühe mit Mückenplagen und anderen Immissionen verkommen würde. 1981 schliesslich wurde das Projekt von den beteiligten Kantonen Inner –und Ausserrhoden schicklich beerdigt. Auch die Gemeinde Teufen hatte sich „ganz eindeutig gegen ein solches Vorhaben“ ausgesprochen, weil der See das Landschaftsbild grundlegend verändern, das aus naturkundlicher Sicht wertvolle Rotbachtobel beeinträchtigen und die Hangstabilität gefährden würde. Wegen der zu knappen Wasserzufuhr ergebe sich eine schlechte Wasserqualität: der See würde stinken.

Bedenken kamen aber auch von den SAK, den St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerken, welche die Rentabilität hinterfragten und den Kostenaufwand mit 21 Mio. Fr. als zu hoch einschätzten. Auch das Oberforstamt hatte Bedenken, 20 ha Schutzwald zu opfern und damit die Hangstabilität weiter zu verringern. «Keine Chance für den ‚kleinen Vierwaldstättersee», fasste das St. Galler Tagblatt vom 16. Februar 1981 die Stimmung zusammen.

Albert Mazenauer, der auch visionäre Projekte für neue Sitterkraftwerke entwickeln half, welche ebenfalls in der Versenkung verschwanden, ist heute noch von der Richtigkeit der damals ebenfalls vor dem Hintergrund einer Energiekrise entstandenen Ideen überzeugt. Seinen Mitstreiter Alois Koch, den Urheber der Idee, konnten wir nicht mehr befragen. Er verschwand am 11.11.2007 aus ungeklärten Gründen von der Bildfläche und gilt als verschollen.

Sie war der Auslöser: Die sanierungsbedürftige S-förmige Rotbachbrücke zwischen Haslen und Teufen wurde 1984 abgebrochen, nachdem gleich daneben die heutige Brücke erstellt worden war.

 

 Stauseeprojekt regt zum Denken an

Martin Ruff, der Teufner Gemeinderat und Präsident der Umweltkommission beurteilt die damaligen Pläne für einen Stausee im Rotbachtal skeptisch. Seiner Ansicht nach würden mehrere kleine Kraftwerke mehr bringen. So sei der Kanton momentan daran, das Potential von Wasserkraftwerken abzuklären. Aber auch aus Gemeindesicht ist er skeptisch. «Teufen beschäftigt sich damit, alle Ressourcen (Sonne, Wasser, Wind, Biomasse) nachhaltig auf dem Gemeindegebiet zu nutzen. Nachhaltig bedeutet, dass es ökologisch sinnvoll, wirtschaftlich rentabel und sozial verträglich ist. Dies wäre bei diesem Stausee kaum gegeben. Was wir aus diesem Beispiel aber lernen sollten, ist, über die Grenzen und Konventionen hinweg zu denken.»

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