Schwester Fabienne Bucher ist Eremitin

09.11.2013 | Erich Gmünder
Sr. M

sr. fabienne bucher (10)

Erich Gmünder

Der Duft frischgebackenen Brotes empfängt mich im Hauseingang. Schwester Fabienne führt mich in die Küche. Das Brot selber backen ist Teil ihres Tagesablaufs, der von Beten und Arbeiten, von Studium und Handarbeit in Haus und Garten bestimmt ist.

Während vor dem Fenster die ersten Schneeflocken fallen, erzählt uns die erste Diözesan-Eremitin des Bistums St.Gallen (eine Form, die das neue Kirchenrecht seit 1983 explizit vorsieht) bei einem Tee in der heimeligen Küche aus ihrem Leben. Vor zweieinhalb Jahren ist Marlis-Fabienne Bucher auf der Suche nach einer Einsiedelei hier fündig geworden und im ehemaligen Pächterhaus des Klosters Wonnenstein eingezogen.

Die Stille, das Gebet, die offene Türe für Menschen in Bedrängnis: Diese von den Wüstenvätern und -müttern in der Frühzeit des Christentums entwickelte Lebensform hatte Marlis-Fabienne Bucher schon seit Jahren vor Augen. Doch vorerst hatte der liebe Gott noch anderes mit ihr vor. Da war die frühe Anziehungskraft klösterlichen Lebens mit dem Eintritt in eine von Ordensfrauen geführte Sekundarschule in Altstätten.

Von ihrer Tante, selber Ordensfrau, erhielt sie die Anregung, sich zur Katechetin ausbilden zu lassen. Die junge Frau wollte mehr: Sie entschied sich für den Zölibat und trat nach der Handelsschule und der Ausbildung zur Katechetin und Seelsorgerin dem Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern in Quarten bei.

Nach dem Theologiestudium auf dem dritten Bildungsweg trat sie 1990 eine Stelle als Pastoralassistentin in der Pfarrei St.Otmar in St.Gallen an. Was einer Frau in ihrer Jugendzeit verwehrt war, wurde damit Realität: Sie predigte, gestaltete Gottesdienste und Abdankungen und übernahm verschiedene Seelsorgeaufgaben.

1997 wurde sie als Spitalseelsorgerin ans Kantonsspital St.Gallen gewählt. Sie begleitete Patientinnen und Patienten, Sterbende, nahm die Anliegen der Angehörigen wahr, gestaltete Gottesdienste, hatte ein offenes Ohr für die Mitarbeitenden, war in der Fort- und Weiterbildung tätig, initiierte mit der «Kerngruppe Trauer» u.a. das Trauercafé am KSSG und war viele Nächte auf Pikett. Eine anspruchsvolle, aber auch beglückende Aufgabe sei das gewesen. Das Schwierigste: Situationen, wenn es buchstäblich um Leben und Tod ging, still auszuhalten, ganz da zu sein, wenn jedes Wort eines zu viel gewesen wäre.

Mit 60 Jahren hat sie nun im Sommer ihre tiefste Sehnsucht realisiert. Als Diözesan-Eremitin ist sie laut Kirchenrecht direkt dem Bischof unterstellt. Wie sie ihre Aufgabe ausfüllt, liegt weitgehend in ihrem Ermessen; sie erhält dafür auch keinerlei finanzielle Unterstützung. «Ich habe meine Eigentumswohnung verkauft und in den letzten Jahren einen einfachen Lebensstil kennengelernt, so dass die Pension ausreicht.»

Menschen, die bei ihr Rat suchen, erhalten diesen kostenlos, können jedoch eine Spende an ein Hilfswerk entrichten. Aus dem Säkularinstitut der Schönstätter Mariensschwestern ist sie 1994 ausgetreten. Jetzt nennt sie sich wieder Schwester Fabienne.

Auf ihre Aufgabe als Eremitin hat sie sich gründlich vorbereitet. So verbrachte sie in ihrem Bildungsurlaub 2008 sechs Wochen als Klausnerin im Flüeli-Ranft, unweit der Einsiedelei von Bruder Klaus, oder lebte während ihren Ferien einige Wochen auf einem abgeschiedenen Maiensäss des Klosters Disentis und in anderen Eremitagen.

Jetzt sind ihre Tage ausgefüllt mit Arbeit, Studium und Stundengebet. Dafür hat sie eigens ein kleines «Oratorium» eingerichtet, das mit Betstuhl, Ikonen und reichhaltiger Bibliothek geradezu zum Meditieren einlädt.

Auch wenn sie die Stille und die Einsamkeit schätzt, empfängt Schwester Fabienne am Nachmittag in ihrem Besprechungszimmer Ratsuchende. Sie besucht regelmässig die Gottesdienste bei den Klosterfrauen vis-à-vis, welche die neue Nachbarin freundschaftlich aufgenommen haben.

Über ihrem Küchentisch hängt eine Weltkarte: Die ganze Welt soll in ihrem Gebet für den Frieden Aufnahme finden. Sie steht im Austausch mit anderen Eremiten und Eremitinnen, ist auch per Mail erreichbar, informiert sich einmal am Tag am Radio über die Weltlage, liest die Dorfzeitung – und freut sich über die hoffnungsvollen Zeichen aus dem Vatikan von Papst Franziskus.

Kontakt: Sr. M. Fabienne Bucher, Wonnenstein 1193, EREMO BRUDER KLAUS, 9052 Niederteufen

Schwester Fabienne Bucher

Geboren: 1953 in Thalwil/ZH

Heimatort: Altstätten/SG

Erlernter Beruf: Pastoralassistentin

Heute tätig als: Eremitin

Lieblingsessen: Capuns

Lieblingsgetränk: u.a. Tee

Musikvorlieben: klassisch (höre im Moment selten Musik)

Nachtlektüre: Biographien, z.Zt Madeleine Delbrêl: Mystikerin der Strasse

Hobbys: Alle meine Hobbys sind zu meinem Beruf geworden: Stille, Lesen, Studium, Brot backen, kochen, wandern, Gartenarbeit, Gebetsschnur knüpfen …

Sr. M. Fabienne Bucher Eremitin (12)
Ein einfacher Lebensstil gehört zum Verständnis einer Eremitin. Die Eremitage verfügt über keine Zentralheizung. Fotos: Erich Gmünder

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