
Mit seiner Rücktrittserklärung Anfang Dezember hatte SVP-Nationalrat David Zuberbühler einen eher kurzen Wahlkampf lanciert. Trotzdem hat die Ausserrhoder Bevölkerung am 8. März eine Auswahl: Es kandidieren die 48-jährige Jennifer Abderhalden von der FDP und der 57-jährige Edgar Bischof von der SVP. Sie wohnt in Speicher, präsidiert die FDP AR, sitzt im Kantonsrat und in der Finanzkommission Speicher. Sie war einst Lehrerin, hat später an der HSG Recht und Wirtschaft studiert, danach in Bildung, in der Stadtverwaltung und in Zürich gearbeitet (heute «altrimo AG») und ist alleinerziehende Mutter. Er wohnt in Teufen, präsidierte die SVP AR von 2007 bis 2015, sass von 2003 bis 2019 im Kantonsrat und in der Finanzkommission Teufen von 2000 bis 2019. Er hat einst Elektromonteur gelernt, wurde dann Elektroingenieur und bildete sich an der HSG in Unternehmensführung weiter. Heute leitet er ein Immobilienunternehmen, ist Präsident des «HEV AR» und sitzt im VR einer IT-Firma. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.
Nun wollen sie also nach Bern. Warum eigentlich? Das war die erste Frage von Moderator Marco Sütterle. Beide antworten mit einer Drei-Punkt-Auflistung. «Ich will meine Lebenserfahrung, meine breite Berufserfahrung und meinen politischen Hintergrund einbringen», sagt Jennifer Abderhalden. Und Edgar Bischof: «Auch ich will meine Erfahrung als Politiker, Unternehmer und Familienmensch einbringen, parteiüberübergreifend arbeiten und eine neue Herausforderung angehen.» Damit war die Aufgabe des Abends für Marco Sütterle, der als Teufner und FDP-Kantonsrat mit beiden Kandidierenden vertraut ist, gestellt: Die Unterschiede «herauskitzeln».

Eine von 200
Ausserrhoden ist einer von sechs Kantonen, die aufgrund ihrer Bevölkerungsanzahl nur Anspruch auf einen Nationalratssitz haben. Das bedeutet: Wer am 8. März gewählt wird, fasst damit auch die fast unmögliche Mission, sich in Bern gegen 199 andere Ratsmitglieder für den eigenen Kanton einzusetzen. Dazu kommt, dass sowohl Edgar Bischof als auch Jennifer Abderhalden auf dem nationalen Politparkett zu den Neulingen zählen. Beide werden also anfangs einiges an Netzwerk-Arbeit investieren müssen, um ihren Wirkungsgrad zu erhöhen. Das ändert aber nichts daran, dass sie ihren Kanton auf Bundesebene vertreten würden – zusammen mit Ständerat Andrea Caroni (FDP). Das bedeutet auch: Während dieser Wahlpodien werden sie mit Fragen aus dem gesamten politischen Spektrum konfrontiert. Trump und die USA, Europa und die Bilateralen, Energieversorgung inklusive Atom- und Windkraft, Militär und Sicherheitspolitik, Altersversorgung und AHV-Finanzierung, Wirtschaftspolitik und Bürokratie, Gesundheitskosten und Spitalplanung, Steuern, Subventionen, Familienpolitik.
Dabei geht Moderator Marco Sütterle an diesem Abend im Lindensaal geschickt vor. Er beginnt mit einigen «Kompass-Fragen», bei denen sich die zwei zum Beispiel zwischen «Zuhören» und «Erklären», zwischen «wirtschaftlicher Freiheit» und «sozialer Absicherung» oder zwischen «klare Kante» und «Kompromiss» entscheiden müssen. Später sollen sie zwei Wunsch-Kommissionen im Nationalrat – es gibt 12 ständige Kommissionen – wählen. Bei dieser Frage zeigen sich erste konkrete Unterschiede. Er wählt «Wirtschaft und Abgaben» sowie «Finanzen», sie «Wissenschaft, Bildung und Kultur» und «Umwelt, Raumplanung und Energie».

Parteitreue und Individualbesteuerung
Bei fast allen anderen Themen sind sich die zwei mehrheitlich einig. Sie wollen sich für gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die strikte Einhaltung der Schuldenbremse, die bewaffnete Neutralität und eine starke Milizarmee, ein höheres Rentenalter bzw. eine gesunde AHV, eine funktionierende und unabhängigere Stromversorgung, weniger Bürokratie und eine KMU-freundliche Politik, tiefere Gesundheitskosten sowie den Erhalt föderalistischer Strukturen einsetzen. Wer Unterschiede ausmachen wollte, musste genau hinhören. So zitiert Jennifer Abderhalden beispielsweise dreimal – wenn auch indirekt – aus der Bundesverfassung oder spricht sich für eine neue Vertragslösung mit der EU aus. Edgar Bischof gibt sich gegenüber den neuen EU-Verträgen eher skeptisch, erwähnt dafür dezidiert die Förderung der produzierenden Landwirtschaft und betont mehrmals die Unantastbarkeit der Familie. Anders gesagt: Die unterschiedlichen Parteizugehörigkeiten sind teilweise spürbar, aber meist nur ansatzweise.
Eine Ausnahme bildet die ebenfalls am 8. März anstehende Entscheidung über die Individualbesteuerung: Edgar Bischof ist aufgrund der «massiven bürokratischen Mehrbelastungen» dagegen, Jennifer Abderhalden spricht sich für den «dringend nötigen und sinnvollen Systemwechsel» aus. Während er hier auf Parteilinie ist, schert der SVPler bei der SRF-Halbierungsinitiative aus. Diese will er ablehnen. Sowieso sei er «überhaupt kein Parteisoldat. Ich habe meine eigene Haltung und setze mich auch konsequent dafür ein», sagte er später während der Publikumsrunde. Jennifer Abderhalden wies dagegen den Vorwurf der FDP-Überrepräsentation auf nationaler Ebene zurück: «Mir scheint es wichtig, dass wir eine Vertretung in Bern haben, die einen möglichst breiten Bevölkerungsmix vertritt.» Das sei mit ihr und Andrea Caroni sichergestellt.
Wie also wählen? Vielleicht sagte es der Moderator während der Zusammenfassung am Ende der Veranstaltung am besten: «Egal, was am 8. März passiert, wir wissen jetzt: Es kommt so oder so gut.»


Fragen aus der Leserschaft
Vor dem Anlass im Lindensaal hatte die TP online zur Einreichung von Fragen an die Kandidierenden aufgerufen. Unter anderem wollten unsere Leserinnen und Leser «für welche Themen werden Sie sich besonders einsetzen»?
Edgar Bischof: Vernünftige Finanzpolitik, kein Bürokratie-Ausbau, Stärkung der produzierenden Landwirtschaft.
Jennifer Abderhalden: Sicherheit stärken, liberale Wirtschaftspolitik, Dialog fördern.
Eine weitere Frage war: «Sind sie mit dem bisherigen Kurs, den der Bundesrat betreffend Trump seit rund einem Jahr fährt, einverstanden oder würden sie als mögliches zukünftiges Parlamentsmitglied für eine Kursänderung einstehen?»
Hier waren sich die zwei einig: Donald Trump ist unberechenbar, aber man kann ihn weder ignorieren noch voll auf Konfrontation gehen. Der Bundesrat mache es vor diesem Hintergrund momentan ganz gut.