Raum für Raritäten

09.01.2021 | Timo Züst
waldreservat (10)
Der Seilkran kann Lasten von bis zu 2 Tonnen transportieren. In diesem steilen Gelände ein grosser Vorteil. Fotos: tiz

Das Waldreservat Rotbach-Sittertobel (Hauteten) besteht seit dem Frühjahr 2017. Ziel ist Lebensraum für licht- und wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten zu schaffen. Seit Mitte Dezember arbeitet das Forstamt Teufen mit regionalen Forst-Unternehmern daran, die dafür nötigen, lichten Waldstrukturen zu schaffen. Dabei müssen sie sich mit dem steilen Gelände und den wertvollen Quellen im Gebiet arrangieren.

«Dieser Baum ist vermutlich rund 250 Jahr alt.» Die Aussage von Revierförster Thomas Wenk erstaunt. Er zeigt auf einen unscheinbaren rund vier Meter hohen Nadelbaum mit einem Durchmesser von etwas über 30 Zentimeter. Seine Schätzung könnte aber zutreffen. Denn er deutete auf eine Eibe. «Sie wachsen sehr, sehr langsam. Grössere Exemplare sind deshalb richtig alt. Ich zähle am Abend eine Stammscheibe aus – dann haben wir einen konkreten Hinweis (sieh unten).» Die Eibe ist eine der Pflanzenarten, die im Waldreservat Rotbach-Sittertobel besonderen Schutz geniessen. Sie kommen hauptsächlich im Tobel vor – wie hier im Gebiet Hauteten. Der heimische Nadelbaum ist inzwischen aber selten geworden. Um dieser und anderen Arten mehr Raum und Licht zu geben, ist das Forstamt Teufen seit dem 16. Dezember damit beschäftigt, störende Arten abzuforsten. Aber der Schutz der Eiben ist dabei nicht die einzige Herausforderung.

Die Eibe

Bereits die Kelten verehrten die Eibe hoch, und bis heute lebt ihre mythologische Bedeutung als Todes- und als Lebensbaum. Im Mittelalter wurde sie wegen ihres wertvollen Holzes in vielen Gebieten Mitteleuropas fast ausgerottet. In schwerer zugänglichen und dünner besiedelten Gebirgsregionen konnte sie sich halten. Die Gesamtheit der Vorkommen entlang des Alpennordfusses ist wohl die grösste und bedeutendste Reliktpopulation der einst in ganz Mitteleuropa recht häufigen Baumart. Deshalb hat die Schweiz eine besondere Verantwortung für die Erhaltung der Eibe. Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird nun aber in der ganzen Schweiz die natürliche Verjüngung der Eibe weitgehend verhindert, insbesondere wegen der hohen Dichte des Rehwildes.

Quelle: Projekt Förderung seltener Baumarten Redaktion: Andreas Rudow Herausgeber: Professur Waldbau ETHZ Eidg. Forstdirektion BUWAL © ETHZ/BUWAL 2001

Steiles Quellgebiet

Thomas Wenk erklärt: «Wir haben hier zwei Hauptschwierigkeiten. Erstens das steile und unwegsame Gelände. Und zweitens die Gewässerschutzzone.» Die Quellen im Gebiet Hauteten gehören zu den wichtigsten Trinkwasserquellen der Teufner Wasserversorgung (mehr dazu hier). Hier sind die Grundwasserschutzzonen S1 bis S3 ausgeschieden. In der «S1» ist grösste Vorsicht geboten. Hier darf kein Fahrzeug unterwegs sein. Generell darf im ganzen Schutzgebiet kein Kraftstoff oder Öl auf den Boden tropfen und Bodenverletzungen müssen vermieden werden. «Da bleiben uns nicht allzu viele Möglichkeiten. Wir haben uns deshalb für die Lösung mit dem Seilkran entschieden.» Bau und Betrieb der Seilkrananlage wurden den Urnäscher Forstunternehmungen Werner Forrer und Frick Forst übertragen. Andreas Frick ist Seilkran-Einsatzleiter. Das Teufner Forstpersonal hilft bei den Arbeiten mit. Mit dem Laufwagen können Lasten von bis zu 2 Tonnen zwischen den Bäumen hindurch befördert werden. Was für Bäume die Forstwarte unten im Tobel aber tatsächlich am «Schlitten» befestigen können, hängt von den lokalen Voraussetzungen ab. «Für die Installation des Krans brauchen wir starke Bäume an den entscheidenden Stellen. Beispielsweise bei einem ‘Knick’ im Gelände», erklärt Thomas Wenk. Dabei lassen sich kleine Kollateralschäden nie ganz vermeiden. Um die Transport-Linie zu lichten, müssen auch einige Bäume gefällt werden, die eigentlich nicht auf der Liste stehen. Darunter sind leider auch Eiben. «Aber im Vergleich zum Schaden, den der Bau einer Transportpiste verursacht hätte, ist das natürlich nichts.»

Fichten und Buchen

An beiden Seiten der Strasse türmt sich das Holz bereits meterhoch. Der «wilde Haufen» aus vielen kleinen Stämmen und Ästen ist rasch erklärt: Das wird vom Forstamt Gais zu Holzschnitzeln verarbeitet. Etwas vielschichtiger ist die Verwendung der Stämme auf der anderen Strassenseite. Sie werden nach Qualitätsklassen getrennt gelagert. Die verschiedenen Stämme gehen via der Vermarktungsorganisation Holzmarkt Ostschweiz an definierte, regionale Abnehmer. Das grosse Geschäft macht das Forstamt Teufen hier im Waldreservat aber nicht. Aufgrund der durchschnittlich niedrigen Qualität des geschlagenen Holzes bringt der Kubikmeter im Schnitt nur rund 50 Franken ein. Im Gegenzug generieren die aufwändigen Fäll- und Bergungsarbeiten rund 120 Franken pro Kubik. Die Differenz übernehmen Bund und Kanton. Denn die rund 40 Hektare Waldfläche (22 ha Gemeinde Teufen / 18 ha Staatswald AR) sind Teil der übergeordneten Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt des Ausserrhoder Waldes. «Bund und Kanton ist bewusst, dass das Kosten verursacht und sie sind bereit, dies zu übernehmen», sagt Thomas Wenk.

Übrigens: Beim aufgetürmten Holz handelt es sich hauptsächlich um «standortsfremde» Fichten und Buchen. Im Wald belassen werden die einheimischen und wärmeliebenden Eiben, Eichen, Lärchen und Föhren.

Hoher Besuch

Heute führt Thomas Wenk nicht nur die TP durch das Waldreservat. Auch Gemeinderat Peter Renn (Leiter Ressort Umwelt) und Urs Kellenberger (Leiter Infrastruktur und Werkbetriebe) stapfen durch den steilen Wald. Sie besichtigen die Arbeit des Forstamts und löchern den Revierförster mit Fragen. «Das ist wirklich spannend. Es ist beeindruckend zu sehen, was die Forstwarte hier geleistet haben und noch leisten müssen», sagt Peter Renn.

Enge Jahresringe


Revierförster Thomas Wenk zählte nach Feierabend eine Stammscheibe einer der wegen der Seilkran-Schneise gefällten Eiben aus. Das langsame Wachstum lässt die Jahresringe sehr eng beieinander liegen. «Sogar mit der Lupe lassen sie sich nicht genau erkennen», sagt er. In diesem Fall kam Thomas Wenk auf ein mögliches Alter von 130 bis 150 Jahren.

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