Ostern in Uniform

12.04.2020 | Timo Züst
Stefan_Militär (2)
Eine kleine Aufmunterung für die Soldaten des Sanitätsbataillon 75: 130 Bauernschüblige. Gespendet vom «Breitenmoser». Stefan Staub (hinten links) hat sie am Donnerstag mit seinem Fahrer abgeholt. Übergeben wurden sie von Geschäftsführerin Barbara Ehrbar-Sutter. Foto: tiz

Gleichzeitig mit dem Lockdown zur Verlangsamung des Coronavirus fand in der Schweiz eine Mobilmachung statt. Tausende Soldaten wurde zur Unterstützung des Gesundheitsystems aufgeboten. Im Einsatz ist auch der Diakon Stefan Staub – als Armeeseelsorger.

Übrigens: Die Osterbotschaft von Stefan Staub finden Sie hier.

Eigentlich ist er bloss eingesprungen. Eine Aushilfe auf Zeit. Stefan Staub war dafür die passende Wahl. Denn der Diakon ist nebst seiner Tätigkeit in der Katholischen Pfarrei Teufen Bühler Stein seit Jahren auch als Armeeseelsorger tätig. Als sein Kollege – zuständig für Teile der Ostschweiz – vergangenes Jahr ausfiel, erklärte er sich bereits, das zusätzliche Pensum zu übernehmen. «Natürlich hatte ich damals noch keine Ahnung, was auf mich zukommt.» Das war einiges. Mit dem heutigen Ostersonntag ist Stefan Staub seit genau vier Wochen im Dauereinsatz beim Spitalbataillon 75. Diese Spezialabteilung ist deutlich grösser als ein «normales Bataillon» und umfasst mehrere hundert Soldaten. Ihre Aufgabe: Unterstützung des Gesundheitswesens in der Ostschweiz. Ihr Einsatz begann am 19. März und könnte bis Ende Juni dauern. Deshalb ist auch die häufigste Frage, die dem Seelsorger derzeit gestellt wird: Wann können wir nach Hause?

Unter Dauerbelastung

Auf dem Uniform-Selfie ist das Gradabzeichen von Stefan Staub gut erkennbar. Die drei schmalen Balken weisen ihn als Hauptmann aus. «Natürlich, im Militär ist alles streng hierarchisch geregelt. Aber in der Wahrnehmung der Soldaten stehe ich etwas ausserhalb dieser starren Strukturen. Ich bin sozusagen der Mensch im System.» Seine Aufgabe ist es, ein offenes Ohr für die Sorgen und Ängste der Männer und Frauen in Uniform zu haben. Und seine Dienste werden rege beansprucht. «Das ist kein herkömmlicher WK. Vieles ist ungewiss.» Das betrifft insbesondere die Dauer. Aufgeboten wurden die Mitglieder des Spitalbataillons 75 für einen subsidiären Einsatz zur Unterstützung der Gesundheitsversorgung, der auf Ende Juni plafoniert ist. Das heisst: Sie könnten bis zu dreieinhalb Monate in Uniform verbringen. Das ist vier bis fünfmal so lang wie ein normaler Wiederholungskurs. Aber für die meisten noch belastender: Bis Ostern durfte keiner von ihnen in den Urlaub bzw. nach Hause. «Das nagt natürlich an ihnen. Sie vermissen ihre Familien, Partnerinnen oder Kinder. Und viele haben auch wirtschaftliche Sorgen», erzählt Stefan Staub. Bei den Gesprächen wird er immer wieder mit Fragen konfrontiert. Wie geht es weiter? Wann wird entschieden? Wie entwickelt sich die Situation? Fragen, auf die auch er keine abschliessende Antwort geben kann. Denn für strategische Entscheidungen ist er nicht zuständig. «Meine Aufgabe ist es, den Soldaten während des Einsatzes zur Seite zu stehen. Über den Verlauf des Einsatzes weiss ich aber genau so viel wie sie.»

Sinnvoller Einsatz

In vielerlei Hinsicht ist diese Mobilmachung ein Test für die Schweizer Armee. Denn zu Friedenszeiten wurden seit der Gründung des Bundesstaats (1848) noch nie so viele Soldaten gleichzeitig aufgeboten. Rund 8000 Soldaten befinden sich seit Mitte März im Kriseneinsatz. Wirklich darauf vorbereitet, waren sie nicht. «Aber diejenigen, die im Einsatz sind, zeigen grosse Motivation. Sie erfahren auch viel Dankbarkeit und Wertschätzung von Patienten oder dem medizinischen Personal», erzählt Stefan Staub. Deutlich schwieriger ist die Situation für die Reserve-Truppen, die ihre Zeit in der Kaserne verbringen. «Sie wissen nicht, ob sie überhaupt irgendwann ausrücken. Das ist für die Motivation natürlich nicht förderlich.»

Trotz der grossen Sinnhaftigkeit des Einsatzes: Nicht alle halten der Belastung stand. Stefan Staub weiss von Soldaten die wieder nach Hause geschickt wurden. Dies geschieht oft in Absprache mit dem Seelsorger und dem Truppenarzt.  Die Gründe sind ganz unterschiedlich: «Einige fühlen sich den Anforderungen nicht gewachsen. Manchmal reicht da ein Gespräch, manchmal müssen wir aber auch eingreifen.» Dabei steht nicht unbedingt die Angst vor einer Ansteckung im Vordergrund – einige haben aber auch damit zu kämpfen. Häufig sind es die vielen ungewohnten Eindrücke, die grosse Verantwortung und die Entfernung zum gewohnten sozialen Umfeld. «Es kam auch schon vor, dass ein Soldat bei einer Not-Geburt oder beim Tod eines Patienten dabei war.» Aber: Bisher habe noch niemand versucht, einen «Freipass» zu ergattern. «Das gibt es hier nicht. Sie stärken sich alle gegenseitig. So sind die Soldatinnen und Soldaten füreiander selbst die besten Motivatoren und Seelsorger.»

Ungewohnte Ostern

Die Ostern sind für Stefan Staub ein geistiger und seelischer Orientierungspunkt. «Die Besinnung in dieser Zeit, der Gedanke, sich immer wieder aus dem Sumpf zu erheben, strahlt für mich über das ganze Jahr hinaus.» Umso schwieriger ist es für ihn, diese Zeit nicht wie gewohnt feiern zu können. Immerhin: Heute wird es mit den Soldaten eine Oster-Besinnung in Uniform abhalten. Dazu hat er einen Offizier eingeladen, der eine Corona-Erkrankung ausgestanden hat. «Er wird seine Erlebnisse schildern.» Das sei einfacher, als während Ostern tatenlos in der Wohnung sitzen zu müssen. Aus anderen Gründen wäre der Diakon aber sehr gerne daheim in Teufen: die Familie. «Das ist schon sehr hart, dass ich meine Töchter und Partnerin derzeit kaum sehe. Insbesondere in dieser turbulenten Zeit.» Gleichzeitig fungiert er seit Wochen als «Sorgenschwamm» für hunderte Soldaten. Mittlerweile geht diese Belastung auch bei ihm an die Substanz. Wie seine Soldaten muss auch er diesbezüglich mit viel Ungewissheit umgehen können. Denn wie es genau weitergeht, weiss derzeit niemand. «Immerhin muss ich mir um die Pfarrei keine Sorgen machen. Diesbezüglich funktioniert alles gut.» tiz

 

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