"Orte schaffen"

10.12.2017 | TPoscht online
goennerverein grubenmann caminada (19)

Matthias Jäger / Fotos: Erich Gmünder

Ein musikalischer Auftakt, ein renommierter Referent mit Ausstrahlung und Affinität zu den Holzbaumeistern Grubenmann, zahlreiche Besucherinnen und Besucher, Schinken und Kartoffelsalat, animierte Gespräche, das waren die Zutaten zum Weihnachtsapéro der Freunde des Grubenmann-Museums am 7. Dezember im Zeughaus.

Enrico Lenzin, ein Musiker aus dem St. Galler Rheintal, eröffnete den Abend mit dem Alphorn. Untermalt mit Talerschwingen tönte das zunächst durchaus traditionell. Die Übergänge zu Klängen aus der 9. Symphonie und zur Percussion auf und mit dem Alphorn erfolgten fliessend.

Als musikalischer Grenzgänger, der Tradition neu interpretiert, präparierte er die Bühne für den Referenten, und nahm einige seiner Botschaften musikalisch vorweg.

Adrian Künzi, der Präsident der Freunde des Grubenmann-Museums, begrüsste die in grosser Zahl Anwesenden, und Gaby Bucher erinnerte daran, dass Gion A. Caminada einen Beitrag dazu geleistet hatte, dass es diesen Ort Zeughaus überhaupt gibt.

2003 war er in die Vorgespräche über die Zukunft der Sammlung Grubenmann und die Umnutzung des Zeughauses einbezogen worden. Er bestätigte damals den Wert und die Bedeutung der Sammlung Grubenmann.

Wanderer zwischen Welten

Wie Enrico Lenzin als Musiker ist auch der Architekt und Professor für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich, Gion A. Caminada, ein Grenzgänger zwischen unterschiedlichen Welten.

Gion A. Caminada vor einer Luftaufnahme von Vrin, wo er aufgewachsen ist und heute noch lebt und arbeitet.

Er lebt und arbeitet noch immer dort, wo er herkommt, in Vrin, zuhinterst im Lugnez, und er pendelt von dort regelmässig in die urbane Welt nach Zürich. Diese Übergänge und Spannungen prägen sein Denken und sein Werk als Architekt.

Dabei gilt sein Interesse nicht dem Trennenden, sondern dem Verbindenden zwischen unterschiedlichen Welten; zwischen Drinnen und Draussen, zwischen Bergwelt und Urbanität, zwischen Tradition und Moderne. Schwellen, und das illustrierte er mit dem Bild der alten Schwelle in seiner Alphütte in Vrin, sind da, um überschritten zu werden.

Unter dem Titel «Orte schaffen» erzählte Gion Caminada von seinem Credo als Architekt, von seiner Haltung, davon, was er mit seinen Arbeiten erreichen und bewirken will. Das Referat war dicht, anspruchsvoll und über weite Strecken schon fast philosophisch.

Der Ausgangspunkt für den Architekten ist die Kultur

Im Zentrum der Ausführungen standen weniger die fertigen Bauten, als vielmehr Beziehungen, Überlegungen, Begegnungen und Prozesse, die irgendwann zu einem spezifischen Bauwerk führten.

In der Bildmitte die Stiva das Morts, die Totenstube, eines der bekanntesten Werke des Architekten.

Der Ausgangspunkt für den Architekten Caminada ist die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Kultur. Prototypisch dafür steht sein vielleicht berühmtestes Werk, die Totenstube in Vrin. Vom Volumen her ist das ein kleines Haus, das technisch in wenigen Monaten hätte errichtet werden können.

Dem Bau ging aber ein mehrjähriger Prozess voraus, eine Auseinandersetzung mit den lokalen Ritualen von Sterben, Trauern, Abschiednehmen; mit dem Übergang von der traditionellen Aufbahrung von Verstorbenen in privaten Räumen zum Bedürfnis nach einem öffentlichen Raum.

So wurden früher in Vrin die Toten in der guten Stube aufgebahrt.

Die Totenstube steht heute bewusst ausserhalb des Friedhofes, zwischen alten Wohnhäusern und der Kirche. Der Bau unterstreicht damit den Übergang zwischen Sterben und Begrabensein, und er stellt optisch eine Verbindung her zwischen den Profanbauten der Bauernhäuser und dem Sakralbau der Kirche. Als Strickbauwerk nimmt die Totenstube die traditionelle Materialwahl und Bauweise auf, in der Farbgebung lehnt sie sich an die gemauerte Kirche an. Von der Idee her sollte die Totenstube eine Stube werden, in die man auch gehen kann, ohne dass jemand gestorben ist.

Verglasungen sind keine Fenster

Fenster haben für Caminada eine besondere Bedeutung. Dabei unterscheidet er scharf zwischen Fenstern und den heute oft anzutreffenden Verglasungen und grossen Panoramafenstern. Fenster trennen nicht einfach Drinnen und Draussen, Fenster seien ein soziales Ereignis. Sie sollen Verbindung ermöglichen. Das kann über Fensterbänke passieren, wie im Mädchenkonvikt in Disentis, oder über die Ausrichtung der Fenster nicht nur in die Landschaft, sondern in den sozialen Raum, in die Nachbarschaft. Dabei lehnt sich Caminada an das Vorbild der alten Engadinerhäuser an. Deren Erker ermöglichen den Blick auf den Dorfplatz, den Dorfbrunnen, auf den Ort, wo Menschen sind.

Schönheit kommt aus der Begegnung

Begegnung ist ein weiteres zentrales Anliegen von Caminadas Verständnis von Architektur. Die Idee hinter dem Gasthaus am Brunnen in Valendas zum Beispiel war viel mehr als der Umbau eines alten Hauses in eine moderne Gaststätte. Es war nicht weniger als der Anspruch, eine neue Wirtshauskultur zu schaffen, die Stadt und Land gleichermassen anzieht, und wo sich Menschen aus unterschiedlichen Welten wohlfühlen und begegnen können.

Auch der Turm im Tierpark Goldau ist mehr als eine funktionale Aussichtsplattform. Die Ausblicke von den Treppen in den beiden «Beinen» des Turms ermöglichen nicht nur den Blick auf Landschaft und Tiere, sondern auch den Durchblick auf hochsteigende Besucherinnen und Besucher auf anderen Treppen. Gleichzeitig dient der Turm als Nistplatz für diverse Vogelarten.

Die Konstruktion strukturiert den Raum

Mit den Baumeistern Grubenmann verbindet Caminada die Überzeugung, dass die Konstruktion die Struktur eines Raumes bestimmt. Das illustrierte er am Beispiel der Gemeindehalle Vrin. Die Dachkonstruktion dieser Halle lehnt sich an klassische Zimmermannskunst an. Das bewirkt, dass die Konstruktion die Lage und Grösse der Fenster vorgibt, den Raum strukturiert, und damit die Wirkung des Raumes und dessen Atmosphäre prägt. Das hebt sich bewusst ab von einer Architektur mit Materialien und Konstruktionen, die jede beliebige Form ermöglichen.

Wiederholung schafft Tradition und Differenziertheit

Caminada hat den Anspruch, differenziert zu bauen. Dabei will er keine Unikate im Sinn von Kunstwerken schaffen. Er versteht sich nicht als Künstler.

Am Beispiel der Appenzeller Häuser erläuterte er seine Vorstellung von Differenziertheit: Gäbe es nur ein einziges Appenzellerhaus, und wäre es noch so schön, gäbe es das Appenzellerhaus nicht. Das Appenzellerhaus als Typus gibt es erst durch die Wiederholung. Gleichzeitig wird die Differenzierung, das Spezifische, erst durch die Wiederholung von Fast-Gleichem sichtbar. In diesem Sinn will Caminada traditionelle Bauten und Bauweisen nicht kopieren, sondern seine Bauten in Traditionen einpassen, sie so aber gleichzeitig weiterentwickeln.

Musikalischer Abschluss

Mit einer Darbietung auf dem Musikinstrument Hang (berndeutsch für Hand) leitete Enrico Lenzin zum Apéro über.

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