Mit Herz und Tat

14.11.2020 | Alexandra Grueter-Axthammer
Andrea Tischhauser_2020
Andrea Tischhauser wanderte vor drei Jahren in eines der ärmsten Länder der Welt aus. Foto: Alexandra Grüter-Axthammer

Alexandra Grüter-Axthammer

Tongolo liegt am Victoriasee in Uganda, Ostafrika. Sauberes Trinkwasser und Strom gibt es kaum. Vom traditionellen Fischfang können die Menschen hier schon lange nicht mehr leben. Trotzdem oder gerade deshalb zog es Andrea Tischhauser hierher.

Sie ist in Teufen geboren und aufgewachsen. Seit einigen Jahren engagiert sich Andrea Tischhauser in Afrika und baut nun mit einem kleinen Team ein Hilfswerk unter dem Namen «Nelia» auf. Im Dorf Tongolo gibt es weder Einkaufsläden noch medizinische Versorgung, und die Corona-Pandemie hat die Armut noch verschlimmert. Im September war Andrea Tischhauser zu Besuch im Elternhaus in Teufen. Dabei erzählte sie der TP, warum sie das sichere Zuhause in der Schweiz aufgegeben hat und vor drei Jahren nach Tongolo ausgewandert ist.

Frau Tischhauser, die meiste Zeit leben Sie nun in Afrika und besuchen gelegentlich die Schweiz und Teufen, wo Sie aufgewachsen sind. Wie erleben Sie den Wechsel zwischen den beiden Orten?

Zwischen der extremen Armut dort und dem Reichtum hin und her zu reisen, ist Herausforderung und Privileg zugleich.

Wie sind Sie dazu gekommen, ein Hilfswerk aufzubauen?

Nachdem ich ein Jahr in Afrika in einem bestehenden Hilfswerk mitgeholfen habe, konnte ich nicht einfach in der Schweiz weiterarbeiten wie bisher. Das erste Mal reiste ich 2012 nach Uganda. Seither liess mich diese Not nicht mehr los. In der Schweiz arbeitete ich als Kinderkrankenschwester und habe mich weitergebildet zur Mütterberaterin. Ich glaube, ich war noch auf der Suche nach der richtigen Aufgabe für mich. Ich liebe Kinder, habe aber keine eigenen. Nun kann ich mich für viele in Tongolo engagieren.

Was möchten Sie mit «Nelia» bewirken?

Mit Nelia bauen wir ein Hilfswerk auf für Menschen und alleinerziehende Frauen und Kinder in existenzieller Not. Grosse Armut macht krank, ist zerstörerisch und bringt Chaos. Die Familien sind nicht mehr komplett, da viele Väter dem Druck nicht gewachsen sind und fliehen. Sie laufen davon und suchen ihr «Glück» woanders, mit einer anderen Frau, in einem anderen Dorf oder gar anderen Land. Dies zuweilen plötzlich, über Nacht. Die Frauen und Kinder bleiben allein. Ohne Schutz, ohne Geld und ohne Perspektiven.

Wie steht es um die Infrastruktur, die Gesundheitsversorgung und die Landwirtschaft?

Sauberes Trinkwasser und Strom sind noch nicht selbstverständlich. Das staatliche Gesundheitswesen hat wenig zu bieten und ohne regelmässiges Einkommen können sich die Menschen kaum das Nötigste kaufen. Es gibt wenig zuverlässige Verkaufsstellen für Medikamente. Die Bevölkerung leidet unter Malaria, Moskitonetze gibt es aber nur wenige und die meisten sind zerrissen. Der Boden ist zwar sehr fruchtbar, aber hart und von Hand zu bewirtschaften. Die Arbeiten werden in den Morgen- und Abendstunden von den Frauen erledigt, wenn es nicht allzu heiss ist. Die Ernte reicht bestenfalls für die Familie, um zu handeln und damit etwas Geld zu verdienen aber nicht. Ausserdem ist der Victoriasee komplett überfischt.

Man bekommt den Eindruck, es fehlt überall. Wahrscheinlich können Sie sich nicht um alles sofort kümmern. Haben Sie ein konkretes Projekt?

Ja, im Moment bauen wir eine Tilapia-Fischzucht auf am Victoriasee. Der Victoriasee ist leider überfischt worden; aus der Not heraus wurden auch die kleinen Fische gefangen. Nun gibt es nur noch wenige Fische im See. Wir haben vor einigen Monaten angefangen mit der Fischzucht und können bald die ersten Fische ernten.

Das klingt nach einem kleinen Erfolg.

Das ist ein erster Schritt. Um die Fischzucht auszubauen, benötigen wir noch mehr Käfige für die Fische, Netze und ein Lagerhaus für das Fischfutter. Bevor geerntet werden kann, muss investiert werden. Wir befinden uns am Anfang einer Kettenreaktion. Wir schaffen Arbeitsplätze und verbessern die Lebensgrundlagen der Menschen. Wir beschäftigen bereits vier Mitarbeiter in der Fischzucht und ausserdem drei Mitarbeiter auf unserem Hof.

Und womit finanzieren Sie diese Grundlagen?

Bisher habe ich viel eigenes Geld investiert. Ausserdem unterstützen uns Familie, Freunde und Bekannte. Aber: Alles was lebt, wächst. Ich glaube, wenn viele Menschen hier bei uns auf nur wenig verzichten, kann damit vielen Menschen geholfen werden. Es gibt ein Sprichwort, das sagt: «Ist die Armut gross, so sind wir glücklicherweise viele, sie zu tragen.»

Wer sind die Gründerinnen und Gründer des Hilfswerkes?

John Rugambwa stammt aus Uganda und ist der Projektleiter. Er ist Pastor und gelernter Chauffeur. Als Vater von sieben erwachsenen Kindern bringt er viel Lebenserfahrung mit und wird dort auch «Papa John» genannt. Er ist auch der «Mann für Alles» und übersetzt von Luganda auf Englisch und umgekehrt. Seine Ehefrau Grace ist Uganderin und Mitgründerin, wie auch ich. Sie engagiert sich in der Hausarbeit. Im Moment wohne und arbeite ich gemeinsam mit John und Grace in ihrem Haus. Ich helfe den Kranken, arbeite im Haus, verwalte das Geld und kümmere mich um die finanziellen Belange.

Dann kennt ihr die Menschen und auch die kulturellen Hintergründe. Das ist sicher ein Vorteil, damit das Geld auch wirklich dort eingesetzt wird, wo es am Nötigsten ist.

Ja, das ist ein grosser Vorteil unserer kleinen Organisation. John und Grace kennen die Menschen und die Strukturen hier. Ich bin mehrheitlich bei den Menschen, und gemeinsam versuchen wir nachhaltig zu investieren. Wir hören zu und nehmen uns Zeit für die Anliegen der Leute oder machen Fahrdienste, da ausser uns niemand ein Auto hat. Die Armut hat etwas sehr Lähmendes. Wenn dann von irgendwo eine Hilfe kommt, wird der Mensch wieder aufgeweckt und kann sich Gedanken darüber machen, wie sein Leben weitergehen könnte.

Dafür ist Bildung unumgänglich. Wie sieht das Schulsystem in Tongolo aus?

Die staatlichen Schulen sind überfüllt und die Lehrer wenig motiviert, da sie einen sehr kleinen Lohn haben. Es gibt aber auch private Schulen. Sie sind besser, aber auch teurer. Wir versuchen, Kindern einen Kindergarten- oder Schulbesuch zu ermöglichen und suchen dafür Sponsoren. Momentan sind die meisten Erwachsenen hier Analphabeten und können kaum ihren Namen schreiben.

Verzweifeln Sie nicht manchmal, wenn Sie die Armut sehen und es an so vielem fehlt?

Ja, solche Gefühle kenne ich gut! Damit würden sich die Verhältnisse aber nicht verbessern. Und lebt man vor Ort, wird man immer wieder konfrontiert und ist herausgefordert zum Handeln. Ausserdem sind die Menschen trotz all ihren Nöten oft fröhlich und wenn mich ein Kind anlacht, macht mich das glücklich. Ich freue mich, helfen zu können, denn ich komme aus einer privilegierten Welt des Wohlstandes und Überflusses. Einer Welt, wo sicher alle Grundbedürfnisse gedeckt sind. Also warum nicht teilen und damit konkret Veränderung bewirken?

www.nelia-uganda.ch

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