«Mir fehlt nur ein Garten»

09.08.2023 | Nerina Keller
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Auf der Terrasse wachsen Kräuter und Tomaten.

Nerina Keller

Wer in diesen Tagen von Speicher nach Teufen unterwegs ist, hat den grünen Lastwagen mit Holz-Aufbau im Obertobel vielleicht bemerkt. Er steht prominent platziert auf dem Hügel. Die TP war neugierig, wer da drin lebt. Und wie ein so besonderes Zuhause entstanden ist.

Ein kühler Augusttag. Es regnet und windet. Um die wenigen Häuser im Obertobel ist es an diesem Morgen ruhig. Auf der Wiese dazwischen steht ein Wohnwagen. Drinnen brennt Licht. Es ist also jemand da. Nach dem Klopfen an die Glastür öffnet Florian Kiesewetter die Tür. «Komm nur rein», sagt er freundlich. Die Partnerin ist mit der dreijährigen Tochter gerade zum Frühstück bei den Freunden und Nachbarn auf Zeit. Zu dritt leben sie in diesem Häuschen auf Rädern. «Ich wollte gerade ein bisschen aufräumen.» Der aus Deutschland stammende 32-Jährige ist Haus- bzw. Wagenmann. Er nimmt sich aber gerne die Zeit, ein bisschen über sein Leben zu erzählen.

Im Wagen ist es warm. «Hüsli» nennt Florian Kiesewetter sein Zuhause liebevoll. Der Schreiner hat es vollkommen selbst gebaut auf das tragende Fahrzeug. Der Iveco-LKW war früher ein Feuerwehrauto. «So eines zu besitzen war ein Kindheitstraum von mir.» Er kommt ins Schwärmen. «Als ich es gekauft habe, war noch alles dran, auch das Blaulicht.» Nachdem er eine Spazierfahrt damit gemacht hat, ging es an den Abbau. Allein das hat einen ganzen Monat gedauert.  

Seit zehn Jahren unterwegs

Seit rund einem Jahr sind sie als Familie nomadisch unterwegs. Er selbst lebt aber schon viel länger so. Ohne ein festes Zuhause. Vier Jahre war er als Wandergeselle unterwegs, weitere fünf hat er in einem VW-Bus gelebt. «Der ständige Kontakt mit Menschen und anderen Kulturen hat mich gereizt. Und zu sehen, dass es auch ganz anders geht.» In einer Stadtwohnung leben: Für Florian Kiesewetter ist das unvorstellbar. Seine Partnerin tat genau das, als sich die beiden kennenlernten. Sie lebte in Bern und arbeitete als Grafikerin. Den fixen Wohnort hat sie für das Leben im «Hüsli» unterwegs aufgegeben. Den Job hat sie behalten, der macht es überhaupt erst möglich. «Sie kann von überall arbeiten, das ist natürlich super.» Er selbst hat seine Schreiner-Werkstatt in einen Anhänger gepackt. Diesen haben sie immer dabei. «Ich arbeite manchmal als Gegenleistung an Haus und Hof, wenn wir dafür irgendwo einen Stellplatz bekommen.» Und natürlich hält er den Wagen in Schuss. Einen Grossteil der Zeit nimmt aber die Betreuung der Tochter ein.

Die Sauna immer dabei

Rund 17 Quadratmeter nutzbare Wohnfläche bietet das Zuhause auf Rädern. Wasser, Strom und sanitäre Anlagen in der Nähe sind praktisch, jedoch nicht zwingend notwendig. «Wir können problemlos einige Monate autark sein.» Auf dem Dach sind Solarzellen installiert, diese generieren Strom. Ein genügend grosser Speicher stellt die Stromversorgung auch dann sicher, wenn die Sonne mal nicht scheint. Ein Filter reinigt das aufgefangene Regenwasser und macht dieses nutzbar. Der Boiler hat ein Fassungsvermögen von 80 Litern. Nebst der Dusche kann damit auch die Waschmaschine betrieben werden. Die Küche verfügt über einen Backofen und einen Kühlschrank. Geheizt wird mit einem Holzofen oder der Dieselheizung. Letztere bietet den Vorteil, dass nachts nicht immer Holz nachgelegt werden muss, wenn es wirklich kalt ist. «Und ganz wichtig ist auch unsere Sauna, die haben wir immer dabei.» Er zeigt auf das Zelt im Garten des Nachbarhauses und lacht. Zwei bis drei Stunden dauert es, bis alles steht nach der Ankunft irgendwo. «Am Anfang habe ich immer versucht, möglichst schnell zu sein mit dem Aufbau. Mittlerweile nehme ich es etwas gemütlicher. Da kann es auch mal fünf oder sechs Stunden dauern.»

«Mir war wichtig, dass wir ein schönes Zuhause haben. Es sollte richtig gemütlich sein und nicht nur funktional.» Das ist ihm gelungen. Es gab schon Anfragen, ob er so ein Haus auch auf Bestellung baut. «Dafür fehlt mir aber die Zeit. Und wir sind ja auch nicht immer am selben Ort.» Schon eher vorstellen kann er sich eine beratende Tätigkeit. Dann würde er andere dabei unterstützen und anleiten, ein mobiles Zuhause zu bauen. Zurzeit studiert er viel daran rum, wie es weitergeht, was er machen und anbieten möchte. Und wo sie den Winter verbringen. Eine Option ist der Süden, Portugal vielleicht.

Der Reiz des minimalistischen Lebens

Leben im Moment ist für die drei einerseits selbstverständlich, aber auch notwendig. «Wir planen immer ein paar Monate. Dann schauen wir wieder, wohin es gehen soll.» Florian Kiesewetter ist überzeugt vom Leben unterwegs. Grosse Zweifel daran hatte er noch nie. Nur manchmal sorgt er sich um die Technik des alten LKW – wenn der Motor zu heiss wird beispielsweise. «Wir fahren immer schön gemütlich, aber der Motor kann trotzdem mal an die Grenzen kommen.»

«Nur einen Garten wünsche ich mir von Herzen.» Jetzt gerade sieht er bei den Freunden wieder, wie im Garten Gemüse und Blumen gedeihen. «Wenn mal was aus unseren Töpfen reif ist, zelebrieren wir das immer.» Das sei aber nicht dasselbe wie ein grossflächiger Gemüsegarten. «Wir schauen uns auch immer wieder nach einem Stück Land um.» Für ihn ein denkbarer Kompromiss. Leben im mobilen Haus auf eigenem Boden. Nicht viel zu besitzen, sagt ihm zu. Ausser dem Gemüse hätte das einen weiteren Vorteil: «Wir sind immer Gast, wo wir auch sind. Manchmal ist das auch anstrengend. Mit eigenem Land könnten wir dieses Gefühl ablegen.»

Hinweis: Weitere Einblicke ins Leben im Hüsli gibt es hier

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