Erinnerungen der Lädelifrau aus Niederteufen

06.02.2013 | Erika Preisig-Studach
Margrit Niederer
Margrit Niederer
Margrit Niederer

Als es in Niederteufen noch Läden, Bäckereien und Wirtschaften gab.

Ich war ein junges Meitschi, erst 20 Jahre alt, als ich 1944 nach Niederteufen kam. Mit zwei Geschwistern bin ich in Bern aufgewachsen. Nach der Schulzeit habe ich im Spital gearbeitet. Da betreute ich einen Patienten, der mich als Privatpflegerin nach Zürich holte. Dort, auf dem Tanz habe ich dann den Hans getroffen und 1946 haben wir geheiratet. Er arbeitete als Chauffeur, wollte aber wieder zurück ins Appenzellerland zu seiner Familie. Ein Bruder von ihm war der ehemalige Gemeindeammann von Teufen, Jakob Niederer.

Zuerst wollte Hans eigentlich das Milchgeschäft seines Vaters übernehmen, doch dann war ein Textilhandel ausgeschrieben und wir griffen zu. Von Stoffen und Nähen hatte ich natürlich keine Ahnung, aber der Mensch kann alles lernen. Mit der Zeit hatten wir einen rechten Betrieb. Wir bauten das Haus und zogen von der Lustmühle an die Hauptstrasse 85. Wir brauchten Platz für die Buben, die uns zwischen 1946 und 1951 geschenkt wurden. Hans war praktisch die ganze Woche unterwegs mit seinem Mercedesbus. Bis ins Schaffhausische, vorwiegend in ländlichen Gebieten verkaufte er die Kleider, von der Unterwäsche bis zur Schürze. Damals konnte man noch keine Kleider in Übergrösse von der Stange kaufen und so nähte ich Masskonfektion für unsere Kundinnen. Wir führten nur Textilien von guter Qualität: Jsa, Calida und auch die Marke Kriemler gab es damals schon. Dazu kam ein Wollsortiment von Ernst, Aarwangen und Nähzeug, und sogar eine kleine Auswahl an Schreibwaren boten wir an.

Das war eine strenge, aber schöne Zeit. Ich ging in den Laden, wenn die Glocke bimmelte, sass hinter der Nähmaschine und versorgte die drei Buben. Natürlich mussten diese mithelfen. Jeder hatte sein Ämtli, Jörg z.B. war der Poster. Er hatte es ja nicht weit. Nebenan war der Konsumverein, weiter vorn die Metzgerei Schweizerbund, das Lädeli von Fräulein Hörler und etwa drei Bäckereien. Die Post, ein Coiffeur und viele Wirtschaften – Rössli, Zoll, Sonne, Hörnli… Die habe ich zwar nur von aussen gesehen und auch für den gemischten Chor, in dem halb Niederteufen mitsang, hatte ich keine Zeit. Hie und da ein Schwatz mit einer Kundin genügte mir. «Ich muss nicht hinaus, die Leute kommen zu mir in den Laden», sagte ich.

Trotz der vielen Arbeit genossen wir das Familienleben, wir jassten mit den Buben und Hans baute im Winter eine Schanze für die Niederteufner Kinder oder ging mit ihnen ins Riethüsli auf die grosse Schanze. Sie machten richtige Skispringen mit Fähnchen, Start- und Zielsignalen und Lehrer Jäger kopierte die Diplome. Alle haben auch Fussball gespielt. Höhepunkte waren die Turniere gegen die Riethüslibuben. Und an der Fasnacht sind sie in ihren Bajassengwändli, die ich genäht hatte, mit dem Leiterwagen zum Maskenball in den Sternen gezogen und Bruno hat auf der Handorgel gespielt.

1980 haben wir das Geschäft einem Herrn Ferrari übergeben. Schon bald ist er aber bei Nacht und Nebel abgehauen und hat uns Schulden hinterlassen. Seit den 1970er Jahren hat sich vieles verändert in Niederteufen. Ein Laden, eine Wirtschaft nach der andern ging zu, der Schweizerbund, die Bäckerei Wagner. Als dann auch als letzter der Laden von Suhners schloss, war es schlimm. Ich war ja nicht mehr gut zu Fuss. Zum Glück hatte ich einen lieben Nachbarn, Jakob Bodenmann, der brachte mir die Lebensmittel aus dem Dorf.

2001 ist mein Mann gestorben. Nach einem schlimmen Unfall lag er zehn Jahre lang als schwerer Pflegefall im Krankenhaus. Wie oft bin ich doch in dieser langen Zeit mit dem Zug nach Teufen gefahren, um ihn zu besuchen! Das habe ich aber gern gemacht, wir zwei waren immer füreinander da. So vergeht die Zeit. In einem Jahr werde ich 90. Doch, ich bin zufrieden hier im Lindenhügel. Das Lachen habe ich nicht verlernt und meine Söhne und ihre Familien schauen gut zu mir, kommen mich besuchen und telefonieren. An Weihnachten war Bruno, der in Kanada lebt, mit seiner Familie zu Besuch. Das war eine Freude! In meinem Zimmer fühle ich mich wohl. Den Tisch, das Kästli und das Bett habe ich schon in die Aussteuer gebracht.

Notiert: Erika Preisig

Margrit Niederer-Cherpillon

Geboren: 2. März 1924 in Bern

In Teufen seit: 1944, lebt seit 2009 im Heim Lindenhügel

Familie: Verwitwet, 3 Söhne: Hanspeter, Bruno und Jörg, 6 Enkel, 11 Urenkel

Beruf: Betrieb mit Ehemann Hans ein Textilgeschäft in Niederteufen

Lieblingsessen: Braten mit Herdöpfelstock

Lieblingsgetränk: Wasser

Musik: Volkstümlich

Lektüre: «Schweizer Familie», abonniert seit 1944 (damals «In freien Stunden»)

Historisches

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Lädelisterben in Niederteufen begann in den 70er-Jahren

Die ehemalige «Shoppingmeile» Niederteufen. weiterlesen…

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