«Manchmal vermisse ich das Fliegen»

05.09.2023 | Nerina Keller
Regula_Eichenberger
Hatte es als Frau in einem von Männern dominierten Beruf nicht immer einfach: Regula Eichenberger. Foto: zVg

Regula Eichenberger hat ein Buch über ihr bewegtes Leben geschrieben. Am 7. September erzählt sie in der Bibliothek daraus. Der TP hat sie erzählt, weshalb sie einmal jemanden aus ihrem Flugzeug geworfen hat, warum mehr Frauen Pilotinnen werden sollten und was sie über das Fliegen und den Klimawandel denkt.

Lesung mit Regula Eichenberger

Donnerstag, 7. September 2023, 19.30 Uhr, Bibliothek Teufen

Regula Eichenberger, erste Linienpilotin der Schweiz, erzählt aus ihrem Buch „Über den Wolken – Mein Leben zwischen Himmel und Erde“.

Anschliessend an die Lesung haben Sie während einem Apéro Zeit, sich mit Regula Eichenberger auszutauschen.

Hier geht es zum Flyer.

Grüezi Frau Eichenberger, danke für den Anruf …

Guten Tag. Können wir uns nicht duzen? Ich bin Regula.

Doch klar, freut mich. Also, Regula, was ist dein bevorzugtes Fortbewegungsmittel und warum?

Eigentlich bin ich ein ÖV-Mensch. So oft wie möglich, nehme ich den ÖV. Wenn ich beispielsweise von meinem Zuhause in Eglisau nach Winterthur oder Zürich will, reise ich immer mit dem Zug. Für grössere Distanzen nehme ich den Flieger. Allerdings bin ich nicht wirklich gerne Passagierin in Flugzeugen. Das ist immer so eine Sache.

Einen grossen Teil deiner Lebenszeit hast du in der Luft verbracht. Vermisst du dieses Gefühl?

Die Linienflüge vermisse ich gar nicht. Das Steuern von kleineren Flugzeugen hingegen schon.

Warum fliegst du nicht mehr?

Während der Coronapandemie wurde alles kompliziert. Ich war nach meiner Pensionierung weiterhin als Fluglehrerin und Expertin fürs BAZL (Bundesamt für Zivilluftfahrt) tätig. Weil ich damals meinen Mann nicht anstecken wollte, habe ich aufgehört. Ich wollte meine Privatlizenz behalten und mit meinem Mann noch kleinere Reisen unternehmen. Als er im Dezember 2021 unerwartet gestorben ist, habe ich schweren Herzens auch diese abgelegt. Ab und zu fliege ich noch mit jemandem mit. Das ist natürlich nicht dasselbe. Aber ein bisschen kommt das Pilotinnen-Feeling dann schon wieder hoch.

Du warst die erste Linienpilotin der Schweiz. Gab es viele Passagiere, die aufgrund deines Geschlechts an deinen Flugfähigkeiten zweifelten?

Einzelne gab es immer wieder. Und es waren vor allem Männer. Irgendwann habe ich sogar mal einen Passagier rausgeworfen.

Wirklich?

Zu Beginn meiner Karriere war diese Skepsis für mich noch nachvollziehbar. Nach zehn Jahren kamen aber immer noch dieselben Sprüche und Fragen danach, ob eine Frau das kann. Auch nach zwanzig und dreissig Jahren. An diesem einen Tag hatte ich genug. Ich war am Ende meiner Karriere und konnte mir einiges rausnehmen.

Natürlich ist es nicht dasselbe, mit jemandem mitzufliegen.

Was hast du gemacht?

Nachdem mich meine Mitarbeitenden informiert hatten, dass sich ein Passagier beschwert hatte, ging ich nach hinten. Ich stellte mich vor und sagte ihm: «Ich habe gehört, dass sie mit mir nicht fliegen wollen. Ich will mit Ihnen auch nicht fliegen. Sie dürfen jetzt aussteigen.» Er hat beteuert, dass seine Aussagen nicht so gemeint waren. Ich blieb aber hart.

Hat sich die Situation im Lauf der Jahre verbessert?

Nicht wirklich. Während meiner gesamten Zeit als Pilotin war ich immer wieder Geschlechterdiskriminierung ausgesetzt. Eigentlich sollte doch die Zeit wirklich vorbei sein, in der Frauen kategorisch für weniger kompetent gehalten werden. Bei einer meiner Lesungen war kürzlich eine Swiss-Pilotin. Ihr geht es auch heute noch genauso. Die Sprüche und Vorurteile sind geblieben.

Frauen sind nach wie vor eher eine Ausnahme in diesem Beruf, oder?

Es gibt auf jeden Fall immer noch viel weniger Frauen. Früher nannte ich mich selbst immer «Pilot», verwendete die männliche Form. Im Englischen gibt es auch für beide Geschlechter nur eine Bezeichnung. Und dieses ganze Gendern finde ich sprachlich oft unschön. Ich habe aber gelesen, dass Mädchen sich einen Beruf eher vorstellen können und zutrauen, wenn sie auch die weibliche Bezeichnung lesen und hören. Nun spreche ich auch von mir als «Pilotin». Über solche Fragen mache ich mir viele Gedanken.

Wünschst du dir, dass mehr Frauen diesen Beruf ergreifen?

Sicher! Es braucht auch nicht besonders viel Kraft, um ein Flugzeug zu steuern. Es gibt durchaus Berufe, bei denen die körperliche Stärke gefordert ist. Für Pilotinnen ist das aber nicht der Fall.

Was denkst du über die ganze Debatte rund um das Fliegen und den Klimawandel? Ist Fliegen noch zeitgemäss?

Flugzeuge verursachen viel CO2, das ist unbestritten. Aber so einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten.

Woran denkst du?

Mein Mann sagte immer: «Wenn es [der Klimawandel] weh tun würde, würde man sofort etwas machen.» Das sehe ich genauso. Ich sehe so viele Dinge, die nicht gut sind: Alle sind überall und immer mit ihren Autos unterwegs. Weltweit sind unglaublich viele Kohlekraftwerke in Betrieb. In anderen Ländern sind die Standards sehr tief. Es wäre sinnvoll und notwendig, den Energieverbrauch und CO2-Ausstoss überall zu reduzieren. Den Fokus bloss auf das Fliegen zu richten, ist aber falsch. Und wenn von heute auf morgen niemand mehr fliegen würde, wäre das katastrophal.

Flugscham empfinde ich nicht. Aber ich mache mir viele Gedanken über unseren Planeten und die Möglichkeiten, etwas zu verändern.

Weshalb?

Ich denke natürlich immer daran, wie viele Arbeitsstellen an der Reise- und Flugbranche hängen. Alle diese Menschen würden ihren Job und viele auch ihre Existenzgrundlage verlieren.

Empfindest du selbst «Flugscham»?

Nein. Aber ich mache mir viele Gedanken über unseren Planeten und die Möglichkeiten, etwas zu verändern.

Sollte der Flugverkehr stärker reguliert werden?

Verbote finde ich immer schwierig. Und auch die Preise sind meiner Meinung nach nicht der ideale «Hebel», um den Flugverkehr einzudämmen. Das führt in erster Linie dazu, dass die Reichen weiterhin fliegen können und alle anderen aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel am Boden bleiben. Wenn es gute Vorschläge gibt, höre ich mir diese aber immer gern an.

Ist der Pilotenberuf noch mit dem vor rund 30 Jahren zu vergleichen? Und wie wird er sich verändern?

Die grössten Veränderungen brachte natürlich die Technik. Seit ich mit dem Fliegen begonnen habe, wurde alles immer mehr automatisiert. Früher gab es keinen Autopiloten. Mit dessen Einführung wurde es beispielsweise möglich, auch bei Nebel zu landen. Später kam das Glascockpit und GPS. Die fortgeschrittene Technik reduzierte auch die Zahl der Personen im Cockpit. Wo einmal fünf waren, sind heute standardgemäss noch zwei: Kapitän oder Kapitänin und Co-Pilot oder -Pilotin. In Zukunft ist es durchaus denkbar, dass eine Person alleine das Flugzeug steuert und eher noch eine Überwachungs-Funktion hat.

Und abgesehen von der Technik?

Vor allem die Aussenwahrnehmung hat sich stark gewandelt. Es ist wohl wie bei den Ärzten oder Lehrpersonen. Früher war das Ansehen sehr gross. Pilotin zu sein, war ein absoluter Traumberuf.

Ist er das heute nicht mehr?

Der Beruf hat sich auf jeden Fall verändert. Ich hatte eine wunderbare Karriere und konnte bei unterschiedlichen Arbeitgebern alles Mögliche machen und erleben. Ich habe diese Zeit sehr genossen. Manchmal konnte ich sogar eine Woche irgendwo bleiben. Das ist heute nicht mehr Usus, weil der Spardruck einfach viel grösser geworden ist. Wenn jemand aber fliegen lernen will, dann ist die Ausbildung auf jeden Fall zu empfehlen!

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