Lesen und Lachen mit Lara Stoll

08.06.2024 | Sepp Zurmühle

Vor vollen Rängen liest die Thurgauer Sprachkünstlerin Lara Stoll eigene Texte im Zeughaus vor. Mit Ihren Worten, ihrer Mimik und Gestik, eigenen Tönen, Tonfällen oder Kopfbildern entführt sie das Publikum in eigene und neue Welten. Wie sich Lesen und Schreiben (oder eben auch Zuhören und Mitmachen) auf das Wohlbefinden und die Stimmung auswirken, erleben die Anwesenden heute Abend.

Das OFPG, Ostschweizer Forum für Psychische Gesundheit (https://ofpg.ch/), lud seit Ende April zu fünf Veranstaltungen zum Thema «Psychische Gesundheit & Lesen». Die letzte findet an diesem Freitag im Zeughaus Teufen statt. Anstelle der erkrankten Mirjana Vidakovic übernimmt kurzfristig Sven Lang (Stv. Leiter Pflege Psychiatrisches Zentrum AR, Herisau) die Begrüssung und übergibt umgehend das Wort an Slam-Poetin, Schauspielerin und Autorin Lara Stoll. Das Publikum war gespannt, welche ihrer eigenen Texte sie wohl ausgewählt hat.

Schicksalsjahre eines Gebisses

«Hinter mir liegt eine beinharte Jugend und daran trägt in erster Linie mein Kieferorthopäde Schuld. Von meinem dreizehnten bis neunzehnten Lebensjahr zierte nämlich eine stattliche Multibandapparatur-Zahnspange meinen unschuldigen Mund…» Mit diesem selbst erlebten und am eigenen Leib erlittenen Teil ihrer eigenen Geschichte zeigt sich Lara Stoll von Beginn an offenen, authentisch und humorvoll. Und dies ist erst der Anfang.

«Salate» heisst die nächste Kurzgeschichte. Sie handelt vom vielfältigen Angebot an Take-Away-Salaten, welche Lara Stoll bis ins kleinste Detail mit viel Humor beschreibt und am Schluss: «Hinter mir hat sich eine riesige Schlange gebildet, ältere Frauen scharren ungeduldig mit den Sandalen und raunen unverständliche Worte. Ich bin überfordert, erschlagen, erschöpft und zweifellos überfragt. NEIN, sage ich. ICH NEHME EINEN NUSSGIPFEL.»

Jung verliebt mit Blähungen

Die meisten, spontansten und lautesten Lacher löst der nächste Text aus, den Lara Stoll vor dem noch leuchtenden Leinwandbild der Salattheke vorträgt. Sie ist jung verliebt und schildert in aller Offenheit ihre Nöte, Gedanken, Überlegungen, Sorgen und Ängste im Zusammenhang mit eigenen und fremden Blähungen und Flatulenzen. Wie leidend und aufgebläht (wie ein Ballon) sich die verliebte Person und auch die andere fühlen und welche Strategien sie verfolgen, weil sie sich schämen und (noch) nicht den Mut finden, das zu tun, was alle Menschen, wissenschaftlich untersucht im Durchschnitt gut zwanzig Mal am Tag tun (sollten), nämlich Furzen. Einige Minuten lang erzeugt die Autorin im Publikum ein bis ins Detail erlebbares Kopfkino mit Anknüpfungspunkten an ähnliche oder vergleichbare Lebenssituationen, die bestimmt viele Anwesende (und auch Abwesende) selbst erlebt haben. Zum Schluss schildert Lara Stoll was geschieht, wenn Menschen zu lange auf das Entspannen (von Blähungen) verzichten. Die inzwischen intensiv aktivierten Lachmuskeln erzeugen weitere Glückshormone und alles Zusammen kann sich nur positiv auf das Wohlbefinden und die Stimmung auswirken. So auch im Dachgeschoss des Zeughauses.

Lara Stoll weist das Publikum an die Augen zu schliessen. Was dieses, streng überwacht von ihr, tut. Stoll macht ungewohnte Zisch- und Ruf-Laute vor. Auf Drei machen alle mit. Am Schluss bildet Stoll einzelne Gruppen im Publikum und orchestriert das Ganze zu einer Art «chaotisch-kanonischem Chor-Jodel», begleitet von ihr an der Gitarre. Freude erleben, mitmachen, sich nicht immer ganz ernst nehmen … sind weitere Rezepte der Psychischen Gesundheit.

«Komm! Ins Offene, Freund!»

Nach einer kurzen Pause moderiert Jürg Engler die Podiumsdiskussion. Engler ist nicht nur Gemeindepräsident der Nachbargemeinde Bühler, sondern heute als Vertreter des Vereins OFPG anwesend. Er leitet die Geschäfts- und Ansprechstelle des Kantons St.Gallen (Amt für Gesundheitsvorsorge, ZEPRA Prävention und Gesundheitsförderung). Der Moderator begrüsst den zweiten Gast des Abends. Norbert Hochreutener ist Theologe und Klinikseelsorger im Psychiatrischen Zentrum Herisau und begeisterter Leser. Lara Stoll und Norbert Hochreutener antworten auf Fragen des Moderators und aus dem Publikum.

Beide schildern, wie Lesen und Schreiben sie persönlich und Menschen im Umfeld, im eigenen Leben unterstützt haben und dies weiterhin tun, wenn es um Wohlergehen und Psychische Gesundheit geht. Dies nebst vielen anderen Aktivitäten, wie Sport, Bewegung, Natur, Musik usw. Lesen und Schreiben können entspannend und inspirierend wirken in dem sie immer wieder neue, innere und äussere Welten und Horizonte erlebbar machen. Wichtig dabei ist die Auswahl der Lektüre. Möglichst viele Nachrichten und negative Botschaften in Sozialen Medien zu konsumieren, ist damit nicht gemeint, im Gegenteil.

«Wie geht’s dir…, wirklich?»

Grosse und auch unbekannte Autorinnen und Autoren können Nahrung für die Seele sein. So wurden und werden auch die beiden Podiumsgäste täglich neu inspiriert. Robert Walser habe das Schreiben wie «atmen» gebraucht, meint Walser-Fan Hochreutener.

Nicht nur Lesen und Schreiben, sondern im Besonderen der Austausch und das Gespräch, über Gutes und auch Schwieriges sei für die Psychische Gesundheit von zentraler Wichtigkeit. Hochreutener hat einen Schatz an kurzen Zitaten, die ihn nähren und von denen er ab und zu eines zitiert, z.B.: «Komm! Ins Offene, Freund!» vom tragischen deutschen Klassiker, Friederich Hölderlin, der die Hälfte seines Lebens in einem Tübinger Turmzimmer verbrachte.

Nachfragen, wie es dem anderen geht. Nicht als Alltags-Floskel, sondern wirklich bewusst nachfragen: «Wie geht’s dir?» Sind Sie schon einem gelben «Wie geht’s dir»-Bänkli begegnet? Sechs davon befinden sich in unserem Kanton. Mehr dazu unter: https://www.wie-gehts-dir.ch/baenkli.

In persönlichen Gesprächen, vielleicht einem signierten Buch von Lara Stoll mit dem Titel «Hallo», aussagestarken Karten oder Broschüren des Vereins OFPG, ein paar Snacks und einem Gläschen Wein klingt der Abend aus.

Sich annehmen

Eine treffende Schlüsselaussage zum Thema äussert Norbert Hochreutener. Sie stammt vom einheimischen Robert Walser: «Das wahre Gesundsein gipfelt in einem Sichwillkommenheissen.» Zu diesem «Sichannehmen» gehören alle Stärken, Schwächen, Eigenheiten und Fähigkeiten. Und eben, das wissen wir spätestens seit heute Abend, auch das Furzen. So wie Lara Stoll es schweizerdeutsch und ohne Hemmungen beim Namen nennt.

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