
Heute ist Alter Silvester. Was habt ihr vor?
Johannes Schläpfer: Ich gehe wie immer in die Waldstatt «auf die Pirsch». In der Regel gegen Abend. Wenn ich frühmorgens unterwegs bin, dann in Schwellbrunn – das mache ich aber nicht jedes Jahr.
Corina Brüngger: Ich bewege mich zwischen Waldstatt und Urnäsch. Mein Bruder ist in Waldstatt am Chlausen, ihn will ich auf jeden Fall auch noch sehen.
Warum machst du das? Das machen doch nur Buben?
Corina, du bist aus der Waldstatt. Ist das Chlausen bei euch «in der Familie»?
Brüngger: Ja, ich bin damit aufgewachsen. Schon mein Grossvater war in Urnäsch als Chlaus unterwegs. Mein Bruder dann in Waldstatt und Herisau.
Und du?
Brüngger: Ich habe als Kind gechlaust. In der 5. Klasse habe ich dann aber aufgehört. Mir wurde es unangenehm.
Warum?
Brüngger: Ich wurde von meinen Gspänli in der Schule darauf angesprochen: Warum machst du das? Das machen doch nur Buben? Weil wir ohne Larve unterwegs waren, wussten ja alle, dass ich das war. Es war zwar nicht verboten, aber ich fühlte mich doch fehl am Platz. Vielleicht hätte ich weitergemacht, wenn ich ein Vorbild gehabt hätte.
Ihr zwei habt kürzlich schon einmal nebeneinander gesessen: während eines Podiumsgesprächs im Zeughaus (siehe Kasten unten). Dessen Titel war: «Silversterchläuse im Wandel?». Johannes, für dein Buch hast du tief in den Geschichtsbüchern «gewühlt». Wie sehr hat sich dieser Brauch denn schon gewandelt?
Schläpfer: Er hat sich über die Jahrhunderte und Jahrzehnte natürlich permanent gewandelt. Das betrifft nicht nur Hauben, Hüte und Groscht, sondern auch die Art und Weise, wie gechlaust wurde. Aber auch das Zauren. In letzter Zeit beobachtet man diesbezüglich vor allem, dass unglaublich artenrein gesunden wird.
Möglichst kein Ton daneben, mit einem gewissen Hang zum Perfektionismus. Dabei lebt das Zauren ja eigentlich gerade von den Disharmonien.
Das bedeutet?
Schläpfer: Nun, es wird inzwischen ja fast «klinisch» gezaured. Möglichst kein Ton daneben, mit einem gewissen Hang zum Perfektionismus. Dabei lebt das Zauren ja eigentlich gerade von den Disharmonien, die sich irgendwann wieder auflösen. Aber dieser Qualitätsanspruch, was das Chlausen angeht, beschränkt sich nicht nur auf das Zauren. Es scheint sich generell eine ziemlich konkrete Vorstellung davon durchgesetzt zu haben, wie man «richtig» Chlauset. Das führt auch zu einem gewissen Konkurrenzkampf unter den Schuppeln.
Brüngger: Stimmt, das beobachte ich auch. Gleichzeitig begegnen mir auch immer wieder Schuppel, die versuchen, diese imaginäre Grenze des «Erlaubten» zu überschreiten. Zum Beispiel, wenn sie schön unterwegs sind, aber mit dem Gestaltungsansatz der Hauben eigene Pfade, weg von der «gedachten Norm», gehen – wie heuer der Waisenhaus-Schuppel.
Schläpfer: Genau. Sie sagen sich: Wir wollen keiner starren Vorstellung entsprechen. Wir gehen nicht für anderen chlausen. Wir gehen für uns.
Was macht diese Verwandlung in einen Chlaus, eine Chlausin mit mir?
Könnte hier die wachsende Popularität eine Rolle spielen? Die Schuppel wissen schliesslich, dass sie unter Beobachtung stehen – und gefilmt und fotografiert werden.
Schläpfer: Bestimmt, ja. In diesem Umfeld entwickelt sich aber auch eine Art Gegenbewegung von Schuppeln, die eben nur nach ihren ganz eigenen Regeln chlausen. Wie der Mulden-Schuppel, der am Alten Silvester völlig frei unterwegs ist.
Darum gibt es den «Alten Silvester»
Dass in Ausserrhoden noch immer am 13. Januar der «Alte Silvester» gefeiert wird, geht auf die Einführung des gregorianischen Kalenders durch Papst Gregor XIII im Jahr 1582 zurück. Ziel war, den davor gültigen julianischen Kalender besser dem Sonnenjahr anzupassen. Dafür wurden im ersten «gregorianischen» Jahr die Tage vom 5. bis 14. Oktober ausgelassen. Wie so häufig übten sich die Appenzeller anfangs im Widerstand. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde der neue Kalender akzeptiert. Aus der Differenz der beiden Kalender ergibt sich deshalb bis heute der Tag des Alten Silvesters. Sie errechnet sich aus den bei der Einführung «gestrichenen» Tagen und den Schaltjahren. Diese gibt es sowohl im julianischen als auch im gregorianischen Kalender. Allerdings kommt bei letzterem kein Tag (29. Februar) hinzu, wenn sich die Jahreszahl durch 100, aber nicht durch 400 restlos teilen lässt. Das bedeutet: Im Jahr 2101 wird der Alte Silvester einen Tag später, am 14. Januar gefeiert. «Es wird allerdings lange dauern, bis im Sommer gechlaust wird. Meinen Berechnungen nach wird der Alte Silvester erst im Jahr 4501 ausserhalb des Januars stattfinden», sagt Johannes Schläpfer.
Hinweis: Diese Infobox wurde von uns «recycliert». Sie stammt aus einem Artikel vom Januar 2024 – über eine Lesung aus Schläpfers Silvesterchlaus-Buch.
Corina, du hast dich für deine Matura- und Bachelorarbeit mit dem Chlausen beschäftigt. Worum ging es da?
Brüngger: Für die Maturaarbeit habe ich mich künstlerisch mit meiner Beziehung zum Brauch auseinandergesetzt. Es ging dabei um die Verwandlung «Von Corina zum Rollenweib». Dafür habe ich auch Larve und Groscht gefertigt. Das war für mich vor allem auf der emotionalen Ebene spannend. Was macht diese Verwandlung in einen Chlaus, eine Chlausin mit mir? Bei der Bachelorarbeit habe ich mich dann mit der Frage beschäftigt: Warum gehen Frauen nicht chlausen? Dafür habe ich sehr viele Gespräche mit Ausserrhoder Frauen und Männern geführt – insbesondere aus Silvesterchlaus-Kreisen.
Und was ist die Antwort?
Brüngger: (lacht) Dass man sie nicht irgendwo in einem Buch findet. Es ist wohl eine vielschichtige Antwort. Ich kam zum Schluss, dass es viel mit der Rollenverteilung von Mann und Frau zu tun hat. Die Frau ist daheim, der Mann bei der Arbeit bzw. unterwegs. Diese klassische Vorstellung war für mich überall spürbar. Und das, obwohl es ja kein Verbot für Frauen beim Chlausen gibt. Und viele Frauen haben auch das Bedürfnis geäussert, selber gehen zu wollen. Aber gleichzeitig gibt es da noch diese mentale Hürde.
Jetzt braucht es einfach noch den Mut, es zu machen.
Was ist deine Einschätzung Johannes? Historisch gesehen gibt es ja einige Beispiele für «Clausinnen».
Schläpfer: Durchaus. In meinem Buch beschreibe ich auch so eines. Dass sich Frauen als Chläuse bis heute nicht durchgesetzt haben, hat für mich mit der traditionellen Funktion des Mannes zu tun. Er hat die Familie gegen aussen vertreten. Mit der gesellschaftlichen Veränderung und der Gleichberechtigung hat sich aber natürlich diese Ausgangslage verändert. Und die Frauen haben auch das Bedürfnis artikuliert, selber chlausen zu wollen. Allerdings erachte ich es als kontraproduktiv, wenn sie aus der Idee der Gleichberechtigung chlausen würden. Sie sollten es einfach machen, wenn sie wollen, ganz selbstverständlich.
Glaubt ihr, dass in zehn Jahren Frauen-Schuppel über die Hügel ziehen werden?
Brüngger: Ja, das glaube ich. Der Wunsch der Frauen ist auf jeden Fall vorhanden. Jetzt braucht es einfach noch den Mut, es zu machen.
Schläpfer: Ich auch. Wir müssen sicher von der Vorstellung wegkommen, Frauen müssten genau gleich chlausen wie die Männer. Damit wäre auch das fadenscheinige Argument, dieser Brauch sei zu «streng» für Frauen endlich entkräftet. Sie könnten ja beispielsweise einfach einen deutlich leichteren Schellen-Gurt tragen …
Früher waren die Chläuse in viel weniger starren Formationen unterwegs als heute – die Schönen zum Beispiel oft paarweise.
Noch ein anderer Gedanke: Die Chlaus-Schuppel verbinden oft tiefe, langjährige Freundschaften. Sie gehen seit Jahrzehnten zusammen chlausen – und verbringen auch sonst Zeit zusammen. Zum Beispiel beim Singen, bei der Arbeit, beim Sport. Typische Männer-Freundschaften halt. Könnte auch das eine Hürde für die Frauen sein?
Brüngger: An diesen Aspekt habe ich noch nicht gedacht. Aber klar, wenn man diesen Aspekt in den Vordergrund stellt, dann sicher. Aber auch hier denke ich, es braucht einfach eine gewisse Offenheit. Auch früher gab es viele Chläuse, die alleine oder zu zweit losgezogen sind. Vielleicht haben sie sich dann irgendwann einem anderen Schuppel angeschlossen, vielleicht auch nicht. Für mich ist es nicht zwingend, dass Frauen, die chlausen gehen, dann gleich 20 Jahre lang zusammen unterwegs sind. Ich denke da an flexiblere Formen.
Schläpfer: Da sprichst du einen ganz wichtigen Aspekt an. Früher waren die Chläuse in viel weniger starren Formationen unterwegs als heute – die Schönen zum Beispiel oft paarweise.
Könnte das deutlich «liberalere» Spasschlausen eine Art Vorbild sein? Da wird ja auch wild durcheinander gechlaust – inklusive Frauen.
Brüngger: Vermutlich schon. Ich denke, vom Spasschlause könnte man viel herausnehmen.


Traditionen sind generell auf dem Vormarsch. Das hat wohl auch mit der gefühlt unsicheren Weltlage und Zukunft zu tun. Ist das auch ein Treiber des eher rigiden «Traditionalismus»?
Schläpfer: Das ist eindeutig so. In unsicheren Zeiten besinnen sich die Menschen immer auf ihre Wurzeln und versuchen dabei, möglichst nahe an einem Idealbild zu sein. Das Gute daran ist, dass diese «starren Formen» sehr breit gepflegt werden. In der Neuzeit waren noch nie so viele Chläuse unterwegs wie jetzt. Und je mehr, desto wahrscheinlicher sind Ausreisser, die hoffentlich irgendwann keine Ausreisser mehr sind.
Wenn ich nun als Frau das grosse Bedürfnis habe, chlausen zu gehen. Was würdet ihr mir raten?
Schläpfer: Einfach gehen! (lacht) Warum nicht?
Brüngger: Das ist eine mutige Aussage. Aber ich gebe dir recht. Als Zwischenschritt würde ich vielleicht empfehlen, sich ein oder zwei Gleichgesinnte zu suchen. Das erleichtert die Sache vermutlich etwas. Ebenfalls darf auch über Geschlechter-Grenzen hinausgedacht werden – so waren beispielsweise während der 70er-Jahre in Urnäsch teilweise gemischte Schuppel unterwegs.
Das Chlausen muss von Herzen kommen. Als Performance von Externen funktioniert das nicht.
Wo wird wohl der erste Frauen-Schuppel auftauchen? Im Hinter-, im Mittel- oder gar im Vorderland? Im Hinterland ist man da vielleicht eher skeptischer …
Brüngger: Im Wissen darum, dass in Urnäsch beim Spasschlausen auch schon reine Frauen-Schuppel unterwegs waren, würde ich das Hinterland nicht per se ausklammern. Man «verwandelt» sich beim Chlausen ja sowieso – man ist also nicht per se Frau, sondern einfach ein Chlaus.
Schläpfer: Ich glaub auch, dass es eher dort passiert, wo schon länger gechlaust wird. Ganz einfach deshalb, weil der Brauch dort schon sehr weit verbreitet ist.
Mir graut ein bisschen davor, dass irgendwann eine Frauengruppe mit überstilisierter, vielleicht pinker Groscht aus Zürich anreist und als eine Art feministischer Protest chlausen geht. Das würde vermutlich eine gegenteilige Wirkung entfalten.
Schläpfer: Absolut. Diese Einschätzung teile ich. Dieser Brauch muss von den Wurzeln kommen.
Brüngger: Das sehe ich auch so. Das Chlausen muss von Herzen kommen. Als Performance von Externen funktioniert das nicht.
Das ist so tief in mir drin, dass ich es schwierig finde, Worte dafür zu finden.
Aber warum berührt uns das Silvesterchlausen eigentlich so?
Schläpfer: Wenn man damit aufwächst, ist man Teil davon. Ob man selber geht oder nicht. Meinen ersten Chlaus sah ich im Alter von 4 Jahren. Damals hatte ich noch fürchterliche Angst von diesem «Ungetüm». (lacht) Bis ich dann verstand, dass darunter ein ganz normaler Mensch steckt. Dazu kommt, dass uns das Zauren ständig begleitet. Überall, wo wir zusammenkommen, wird gezauert – im Militär, bei der Viehschau, in der Beiz, sogar kürzlich an der Beerdigung eines Ur-Appenzellers in Bern. Das Chlausen ist halt Teil unserer Identität.
Brüngger: Auch für mich hat das mit der persönlichen Geschichte zu tun. Seit ich denken kann, hat das Chlausen eine wichtige Rolle gespielt. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Larven, die bei Oma an der Wand hingen. Oder die Zäuerli-Kassetten, die ich als Kind gehört habe. Das ist so tief in mir drin, dass ich es schwierig finde, Worte dafür zu finden. Da ist einfach diese Faszination mit dem Brauch – ästhetisch, akustisch, herz-berührend. Wenn ich einem Schuppel in der Winterkälte zuhöre, springt irgendetwas über. Man spürt halt, dass sie das von Herzen machen und das berührt dann auch das eigene.
Zum Abschluss: am liebsten wüescht, schö-wüescht oder schö?
Schläpfer: Wüescht!
Brüngger: Ich auch!
Silvesterchläuse im Wandel?
Am 7. Januar fand der erste Anlass des Jahres im Zeughaus statt. Es war eine Gesprächsrunde mit dem Titel «Silvesterchläuse im Wandel?». Dabei unterhielten sich Gret Zellweger, Kunsthandwerkerin aus Teufen, Wälti Frick, Musiker und Kurator des Brauchtumsmuseums Urnäsch, Corina Brüngger und Beat lnauen, langjähriger Silvesterchlaus aus Teufen und Gais. Geleitet wurde das Gespräch von Johannes Schläpfer. Laut Kuratorin Lilia Glanzmann war der Abend mit über 70 Gästen und einem spannenden Gespräch ein voller Erfolg.

