Kirchenglocken bildeten über Jahrhunderte die mächtigste Klangquelle

12.02.2017 | Erich Gmünder
teufner glocken stich (12)
teufner glocken stich (12)
Ankunft der Grossen Glocke in Teufen am 23. März 1763. Federzeichnung von Joseph Anton Feichtmayer. Die Glocke kam mit dem Schiff von Schaffhausen nach Horn und wurde von dort von mehr als 300 Männern in eineinhalb Tagen nach Teufen gezogen. (Das Originalbild befindet sich zurzeit im Zeughaus Teufen, Grubenmannsammlung)
Thomas Fuchs * «Beseelt, warm und ausdrucksvoll», so charakterisierte 2002 der Spezialist Hans Jürg Gnehm das Glockengeläut der evangelischen Kirche in Teufen. Im Klang des schweren Geläuts erklinge «Zuversicht, Selbstvertrauen und Durchsichtigkeit – aber auch etwas Trotziges». Tradition und Bedeutung Glocken werden in Europa seit der Antike als Signalzeichen verwendet. Im christlichen Kult kommen sie seit dem 5./6. Jahrhundert zum Einsatz. Die Kirchenglocken eroberten sich einen festen Platz in den Herzen der Gläubigen, dem auch die Reformation nichts anhaben konnte. Sie gelten als Symbol für die Verkündigung des Evangeliums, als Gottesdienst in den Lüften zum Sieg über die heidnischen Gewalten und als Stimme Gottes. Als solche sollen sie drohende Gefahren von den Gläubigen abwenden. Weiter mahnen sie zum regelmässigen Gebet, zum Besuch des Gottesdienstes und zum Gedenken an die Verstorbenen. Als älteste christliche Glocke der Schweiz gilt die aus dem 7. Jahrhundert stammende Gallusglocke in St. Gallen. Die Kirchenglocken bildeten über Jahrhunderte die weitaus mächtigsten Klangquellen. Allein sie vermochten dem Donner Paroli zu bieten. Erst die Kanonen bildeten eine ebenbürtige akustische Konkurrenz. In einer während Jahrhunderten an sich ruhigen Welt war der mächtige Glockenklang keine Störung, sondern eine willkommene Zäsur. Im 19. Jahrhundert kamen dann immer mehr laute Technologien hinzu. Den nicht industrialisierten ländlichen Raum beeinflussten sie aber noch lange kaum. Erst Lautsprecher, der motorisierte Verkehr und besonders das Flugzeug vermochten hier den Klang-Imperialismus der Kirchenglocken zu übertönen. Der alltägliche Lärm, die individuelleren Lebensrhythmen und das fehlende Bedürfnis führten in der neueren Zeit vielenorts dazu, dass der nächtliche Stundenschlag und das morgendliche Betläuten als Belästigung empfunden werden. Auf der Ebene des Zeitschlages schwand die Bedeutung der Glocken mit der Verbreitung individueller Zeitmess-Systeme. So entschied man etwa 1891 in Schönengrund, dass nicht mehr die Kirchenuhr, sondern die Uhr der Bleicherei mit ihrer lauten Dampfsirene für Arbeitsbeginn und -ende massgebend sei. Aufgrund seiner grossen Reichweite trägt der Kirchenglockenklang bei den Menschen, die sich ihm verbunden fühlen, auch zur Konstruktion einer territorialen Identität bei. Die Glocken bezeichnen einen Klangraum, in dem man sich zuhause fühlt. Nicht zuletzt deshalb bilden Änderungen der Läutordnungen stets eine heikle Angelegenheit. Man achtete auch genau auf den Klang: Entspricht der eigene dem Ansehen der Gemeinde? Sind die Nachbargemeinden dominanter? So erwarb Herisau 1808 aus Imagegründen eine der grössten Glocken. Trogen beschaffte 1957 eine zusätzliche grosse Glocke, um seine Bedeutung als Landsgemeinde-Ort zu betonen. die fünf glockenDie Teufner Kirchenglocken Im Turm der 1479 erbauten ersten Teufner Kirche dürften zwei Glocken gehangen haben. Die grössere diente bis 1872 als Kinderglocke, das Metall der kleineren wurde 1501 für zwei neue Glocken verwendet. 1711 und 1730 wurde je eine Glocke aus der Glockengiesserei Ernst in Lindau (D) angeschafft, 1761 zwei weitere. Da letztere mit den anderen nicht harmonierten, wurden sie ein Jahr später in Schaffhausen durch die Gebrüder Schalch zu einer grossen Glocke umgegossen. Diese zersprang im Frühling 1779 und wurde danach ersetzt. Den Anstoss zur Anschaffung der heutigen fünf Glocken gab ein Vermächtnis des am 27. Dezember 1870 verstorbenen Alt-Landammanns Johannes Roth. Gefertigt wurden sie 1872 von Jakob Keller in Unterstrass bei Zürich. Neben neuem Kupfer und Zinn schmolz er für den Guss zwei türkische Kanonen, eine Württemberger Kanone, eine Haubitze und zwei Kanonen aus Schaffhausen, eine alte Kirchenglocke aus Herisau, zwei Drittel der alten grossen Glocke von Nesslau und zwei Glocken aus Ottenbach ein.
(2)RefGlockenStimmen1973
Glockenstimmen durch Giessermeister Peter Zollinger, Mai 1973.
Da der angestrebte As-Dur-Akkord (As-C-es-as-c) nie ganz rein erklang, wurde 1973 eine umfassende Tonkorrektur vorgenommen. Seither erklingt das Geläut in G-Dur (G-H-d-g-h). 1982 wurden die Klöppel ersetzt.
(3)RefNeueKloeppel1982
Ersetzen der Klöppel bei den evangelischen Glocken, 28./29. Oktober 1982.
Ein weiteres Mal am Gesamtklang gearbeitet wurde im Frühling 2002 beim Einbau neuer Antriebsmotoren und Läutemaschinen-Steuerungen.
(4)KathGlocken26.08.1975
Rückkehr der katholischen Glocken von der Revision in Aarau, freudig begrüsst vom Klang des evangelischen Geläuts, 26. August 1975. Nachweis für alle Bilder: Ortsgeschichtliche Sammlung Teufen
Mit dem Bau der katholischen Kirche am Sammelbüel 1895/96 erhielt Teufen ein zweites Geläut. Im Turm wurden 1900 vier bei Rüetschi in Aarau gegossene Glocken montiert (Stimmung Es-f-as-c). Sie wurden vor dem Abbruch der Kirche im April 1972 herunterge­nommen und passend zum evangelischen Geläute neu gestimmt. Im Herbst 1975 zog man sie dann feierlich im Turm des neuen katholischen Pfarreizentrums auf. Von den beiden Kirchen erklingt seither ein harmonisches neunstimmiges Läuten über Teufen. Kompetenz über Glockenläuten Im Kanton Appenzell Ausserrhoden ist die Regelung des Kirchengeläuts den Gemeinden überlassen. Der Versuch zu einer Vereinheitlichung war 1659/60 ge­scheitert. Das Läuten an sich war nicht in Frage gestellt, es gehörte zu den unumstrittenen christlichen Traditi­onen. Eigenständig entscheiden wollten die Gemein­den aber, wann und wie lange welche Glocken ertönen sollten. Dies blieb auch nach der 1876 vollzogenen Trennung von Kirche und Staat so. In einigen Gemein­den bestimmen seither die politischen, in anderen die kirchlichen Behörden über die Läutordnungen.

Das Läutreglement von Teufen

Das älteste Läutreglement von Teufen ist aus dem Jahr 1872 überliefert. Es wurde nach der Anschaffung des neuen Geläuts verabschiedet und bestimmt über das kirchliche Läuten. Das rein weltliche Alarmläuten bei Brand- und Katastrophenfällen dagegen regelt die Feuerpolizeiverordnung. Gar nirgends geregelt ist der Stundenschlag. Allgemein gilt: Je grösser die Glocke respektive die Anzahl der Glocken, die erklingen, desto wichtiger ist ein Anlass. Die zwischen 1880 und 1908 vorgenomme­nen kleinen Änderungen zielten primär auf eine Ar­beitserleichterung für den Mesmer. Die Aufgabe des Läutens an Werktagen ist die Strukturierung des Tages und die Erinnerung ans Gebet: Betläuten am Morgen (mit der II. Glocke, von November bis Februar mit der III., am Samstag mit al­len), 11 Uhr-Läuten (II. Glocke), Vesperläuten (III., an Sonntagen II.–V.) und Betläuten am Abend (II.). Der Zeitpunkt des Morgen- und des Vesperläutens änderte mit der Länge der Tage: beim Morgenläuten zwischen 4 Uhr im Sommer (Mai–Juli) und 6 Uhr (November– Januar), beim Vesperläuten zwischen 17 Uhr (Sommer) und 15 Uhr (Winter). Das Betläuten erklang jeweils bei Einbruch der Dämmerung. 1908 trat samstags an seine Stelle ein Ausläuten der Woche. An Sonntagen folgte nach dem Morgen-Betläuten zwei­mal ein Vorläuten zum Gottesdienst (um 7 Uhr mit II. Glocke, um 8 Uhr mit I.), um 9 Uhr dann das Einläu­ten mit allen Glocken. Das erste Vorläuten liess man ab 1898 in den Monaten November bis Februar aus, ab 1908 dann ganz. Den Nachmittagsgottesdienst läutete die II. Glocke ein, dann rief die V. Glocke separat zur Kinderlehre, anschliessend wurde mit den Glocken II bis V eingeläutet. Vor Festtagen erklangen die Glocken zusätzlich am Vorabend. Vor Beerdigungen erfolgte ein Zeichenläuten: für Männer mit der I. (grossen) Glocke, für Frauen mit der II., für Präparanden und Konfirmanden mit der III. oder IV., für jüngere Kinder mit der V. Besondere Festtage waren durch ein aufwendigeres Läuten ausgezeichnet. *Der Historiker Thomas Fuchs ist Leiter der Ortsgeschichtlichen Sammlung der Gemeinde Teufen.  

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