Kampf gegen Hunger, Entbehrungen und den IS

22.02.2016 | Erich Gmünder
Ueli Schleuniger Dohuk (13)
Ueli Schleuniger Dohuk (13)
Ueli Schleuniger auf einem Rundgang durch das Lager Domiz 2. Fotos: zVg.

Der Teufner Ueli Schleuniger (Tüüfner Chopf TP 1/2016) war im Herbst als freiwilliger Flüchtlingshelfer auf der griechischen Insel Lesbos im freiwilligen Einsatz und reiste nun im Auftrag der Pfarrei Teufen-Bühler-Stein in den Nordirak, um dort den ersten Konvoi mit Hilfsgütern aus Teufen zu empfangen und die Verteilung zu überwachen. Er traf auf unsägliches Leid – die Pfarrei ruft nun zu Geldspenden auf, um Nahrungsmittel vor Ort zu kaufen und zu verteilen.

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Das Lager in Domiz 2, hier leben auf engstem Raum mehr Menschen als in Teufen.

Eigentlich war Ueli Schleuniger nach Dohuk gereist, um dort die Verteilung des ersten Konvois mit Hilfsgütern zu begleiten. Da der Transport an der türkischen Grenze aufgehalten wurde, nutzte er die  Zeit, um die Verhältnisse in Dohuk zu erkunden – und traf auf unsägliches Leid.

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An der Kasse beim Einlösen von Lebensmittelgutscheinen.
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Nur wer Essensgutscheine hat, kann hier einkaufen.

„Entgegen meinen Erwartungen stellte ich fest, dass es in den Lagern hauptsächlich an Lebensmitteln fehlt.“ Laut seinen Quellen vor Ort seien bis zu 200 Menschen an den Folgen von Mangelernährung gestorben. Betroffen seien vor allem Kinder.

„Zwar erhalten Flüchtlinge vom Word Food Programm (WFP) Lebensmittelgutscheine, die sie in einem Laden einlösen können. Vorher waren es 30 Dollar pro Monat und Person, jetzt sind es noch 10 Dollar. Die Folge ist, dass viele Familien unter Unterernährung leiden.“

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Mit Kleintransporter unterwegs für den Einkauf von Lebensmitteln.
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Die Flüchtlinge reihen sich ein für die Lebensmittelabgabe.

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Ueli Schleuniger reagierte spontan. Noch am Sonntag charterte er einen Transporter und kaufte in lokalen Märkten Lebensmittel ein, die er anschliessend in den besonders betroffenen Lagern verteilte.

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Ueli Schleuniger konnte sich in den letzten Tagen ein Bild von den Zuständen in verschiedenen Lagern machen. „Besonders erschreckend sind diese im Camp Domiz 2. Hier leiden ca. 450 Familien (mit den Kindern ca. 800 Personen) an Unterernährung.“

Schwieriger Alltag

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Leben im Zelt. In den heissen Jahreszeiten herrschen im Freien Temperaturen bis 50°, in den Zelten sind die Temperaturen noch höher.

„Neuankömmlinge werden in Zelten untergebracht, vor oder neben dem Zelt wird gekocht. Die Familien legen grossen Wert auf Sauberkeit; wenn man eintritt, muss man die Schuhe ausziehen. Gäste wie wir werden immer mit frischem Wasser und Tee bewirtet. Das Klima wäre ideal für den Einsatz von Sonnenkollektoren, um Ventilatoren und einen Kühlschrank zu betreiben. Dringend nötig wären Kühlschränke, um Lebensmittel aufzubewahren, damit sie nicht verderben; da Lebensmittel knapp sind, müssen alle Essensresten verwertet werden.“

Momentan werden die Bewohner von Kälte verschont, aber schon bald wird es heiss, da steigen die Temperaturen im Zelt auf über 50 Grad. Die Flüchtlinge kochen in ihren Unterkünften meistens mit Gas. Wegen dem erhöhten Strombedarf fällt der Strom in den Städten mehrfach pro Tag aus.

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Besuch beim Leiter von Camp Domiz 2, Meead Saleh, der viele Probleme zu bewältigen hat.

„Flüchtlingslager in der Autonomen Region Kurdistan sind eigentliche Städte mit vollständiger Infrastruktur (Wasser, Abwasser, Strom, kleine und grosse Läden, Werkstätten usw.). Im Grossraum von Erbil gibt es ca. 400’000, um Dohuk (dem Ziel unserer Transporte) 500’000 Flüchtlinge, die in verschiedenen Camps mit 10’000 und mehr Bewohnern leben. So leben zum Beispiel im Lager Domiz 2 4500 syrische Familien (ungefähr 7‘000 Personen, also grösser als Teufen) und warten, bis sie in ihre Heimat zurückkehren können.“

Im übrigen Kurdistan befinden sich weitere rund 1,1 Mio. Flüchtlinge aus allen Krisengebieten der Region.

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Blick in den Wohncontainer einer katholischen Flüchtlingsfamilie in Erbil.

 

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Weil das Essenbudget von 10 Dollar pro Person und Monat nicht reicht, geht dieser 10-jährige Syrer arbeiten.

Arbeit und Ausbildung

„Flüchtlinge dürfen in den umliegenden Städten arbeiten. Mit dem Verdienst können sich manche ein kleines Haus aus Beton bauen, eventuell mit einem kleinen Verkaufsladen im Anbau.

In den Camps gibt es auch Schulen für Kinder und Jugendliche (ich habe mit einem jungen Mann gesprochen, der sein Studium an der Uni Dohuk fortsetzt); es gibt Sportplätze, ärztliche Stationen, Gemeinschaftsräume,  und Computer-, Näh-und Säuglingskurse werden durchgeführt. Diese Infrastrukturen und Bildungsangebote sind notwendig, wenn man bedenkt, dass viele Flüchtlinge sich schon drei und mehr Jahre in den Camps aufhalten. Alle Flüchtlinge haben mir gesagt, dass sie in ihre Heimat zurückkehren wollen.“

Der kurdische Staat wird von der Terrororganisation Islamischer Staat bedrängt. Spontan wurde Ueli Schleuniger auch von der Peschmerga, der freiwilligen Kurdenmiliz, zu einem Besuch an der IS-Front eingeladen.

„Ich konnte die Front 30 Kilometer vor Mosul besuchen. Ich wurde vom Kommandanten und von einem Teil seines Stabes ca. 2 km hinter Front sehr freundlich empfangen und über die Lage orientiert. Der Kommandant ist verantwortlich für einen 26 Kilometer langen Frontabschnitt, unter seinem Kommando stehen 4’600 Peschmerga-Kämpfer. Eine entschlossene Truppe, hochmotiviert, aber ungenügend ausgerüstet.

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Besuch bei der Peschmerga an der Front, 30 km vor Mossul.

Augenschein an der IS-Front

„Ich konnte zwei Stellungen mit ca. 12 Kämpfern besuchen. Von Handwerkern bis zum Geschäftsführer sind alle Berufe vertreten. In einem Stützpunkt ist die gesamte Verwandtschaft des verantwortlichen Offiziers anwesend.

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Die Kämpfer sind nur mit einer Kalaschnikow und Handgranaten ausgerüstet, es sind auch  einige Panzerfäuste vorhanden. Wichtige Geräte wie Zielfernrohre und Nachtsichtgeräte kaufen die Kämpfer selber.

In einer Entfernung von ca. 3 Kilometer hat sich die ISIS, nachdem sie die Bevölkerung vertrieben hat, verschanzt, sie greift meistens in der Nacht an, daher ist die ganze Frontlinie in der Nacht  hell beleuchtet (Strom von Generatoren).

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Als Folge des gesunkenen Erdölpreises kann der kurdische Staat seit 5 Monaten keinen Sold bezahlen. Trotzdem werden die stolzen Peschmergakämpfer aus ihren Stellungen nicht weichen. Für den Schutz der Heimat und ihrer Familien und der Flüchtlinge sind sie bereit, mit dem Leben zu bezahlen“, erzählt Ueli Schleuniger.

Aufruf zur Nothilfe

Stefan Staub, der laufend in telefonischem Kontakt mit Ueli Schleuniger stand, reagierte postwendend mit einem Aufruf zur Nothilfe:

„Ueli Schleuniger weilte bis Montag, 22. Februar für eine Woche in den Flüchtlingslagern Kurdistans, um unsere Hilfe, die erfolgreich angelaufen ist, zu koordinieren. Während zwei LKW’s mit Hilfsgütern immer noch auf die Durchfahrterlaubnis der türkischen Behörden warten, hilft Ueli Schleuniger mit Spendengeldern die schlimmste und traurigste Not Tausender Menschen zu lindern: Es herrschen Hunger und Nahrungsmangel im UNHCR-Camp Domiz 2 in Dohuk.

Während bis anhin pro Flüchtling und MONAT $ 30.00 zur Verfügung standen, wurde nun der Betrag pro MONAT auf $ 10.00 pro Person reduziert. Diese drastische Reduktion geschah, weil die zugesagten Unterstützungen der Geberländer Europas seit Monaten auf sich warten lassen. Kurzum: Kurdistan ging das Geld aus. Für 10 Dollar gibt es auch im Orient keine vernünftige Nahrung, die einen vollen Monat ausreichen soll.

Die ersten Opfer (vor allem Kinder) als Folge der Mangelernährung sind ein Schrei zum Himmel – und zu uns. Wir helfen – auch wenn unsere Hilfe nur ein kleiner Tropfen ist. Es ist besser, als in der Ohnmacht zu verharren. Ueli Schleuniger hat im Auftrag der Kirchgemeinde Teufen-Bühler-Stein vorerst für  5000 Dollar Nahrungsmittel organisiert und verteilt.“

Spendenkonto: „Hilfskonvoi Kurdistan“ – Kath. Kirchgemeinde, 9053 Teufen AR, IBAN:  CH17 8102 3000 0037 2636 1

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