Intellektueller, Praktiker, Brückenbauer

30.03.2016 | TPoscht online
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Peter Wegelin (3.3.1928 – 22.2.2016) engagierte sich auch im Gemeinderat Teufen. So regte er als Präsident der von ihm ins Leben gerufenen «Kommission für kulturelle Belange» (heute Kulturkommission) die Gründung der Bibliothek Teufen an. Foto: zVg.

Hanspeter Spörri

Peter Wegelin war immer etwas in Eile, auch schon morgens, wenn er mit weiten Schritten dem Bahnhof Teufen zustrebte, keine Minute zu früh, in leicht vornübergebeugter Haltung, ein grosser Mann im Anzug, an der Hand eine meistens prall gefüllte braune Mappe mit Pflichtlektüre und Akten. Wundern mochte sich über sein Tempo nur, wer das berufliche und nebenamtliche Pensum des Leiters der ehemaligen St.Galler Stadt- und heutigen Kantonsbibliothek Vadiana nicht kannte.

Dieses Amt – seine Lebensstelle – trat der 1928 geborene Gymnasiallehrer, Historiker und Germanist 1965 an, und er übte es aus bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1993. Haupt- und Nebenberuflich setzte er sich vor allem für eines ein: Für das Lesen, die Bildung, die Kultur im engen und im weiten Sinn, für das gesellschaftliche Miteinander, den zu gestaltenden Staat – und darum stets auch für das Buch.

«Lesen ist Bürgerpflicht» –

dies war der von ihm formulierte Slogan, mit dem die Idee einer Freihandbibliothek in St.Gallen vorangetrieben und schliesslich umgesetzt wurde. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Aufsätze, Vor- und Nachworte, die vor allem zeigen, dass er stets sich in den Dienst einer Sache stellte, als Vermittler, Herausgeber, Bewahrer und kritischer Patriot. Im Nachruf auf seinen im Jahr 2000 verstorbenen Freund, den engagierten Staatsbürger, Historiker und Dichter Georg Thürer, stellte er dessen nie erlahmende Bereitschaft zu Entgegenkommen und Brückenschlag in den Vordergrund. Dialogbereitschaft und Verträglichkeit zeichneten auch Peter Wegelin aus.

Als Gemeinderat seiner Wohngemeinde Teufen, als Kantonsrat und als Präsident des Ausserrhoder Verfassungsrats beteiligte er sich am politischen Modernisierungsprozess und warb für die Bewahrung der Tradtionen. Auch nach Beendigung seiner politischen Ämter setzte er sich auf verschiedenen Ebenen – und letztlich erfolglos – für die Beibehaltung der Ausserrhoder Landsgemeinde ein.

Zuhören – und Verstehen lernen

Er dachte durch und durch bürgerlich. Im Zentrum standen für ihn aber nicht nur Rechte und Freiheiten, sondern ebenso die Pflichten gegenüber dem Gemeinwesen. Im Gespräch fiel sein leicht militärischer Tonfall auf. Den Oberst im Generalstab verleugnete er auch im Zivilleben nicht. Aber schnell merkte man, dass man es mit jemandem zu tun hatte, der einem vorurteilsfrei und interessiert begegnete, der sich für einen ganz persönlich interessierte und ein guter Zuhörer war. Neu entdeckte gemeinsame Interessen stimmten ihn glücklich. In seinen Fachgebieten und den von ihm bearbeiteten Dossiers schien er alles zu wissen, was man wissen konnte.

Sein vielleicht wichtigstes Anliegen war es, die Fähigkeit des Verstehens zu fördern, aus dem Weg zu räumen, was den Dialog und damit die Lösung von Problemen behindert. Als Offizier war er zeitweise zuständig für die pädagogische Rekrutenprüfung. Seine Hauptsorge galt dabei dem funktionalen Analphabetismus, der manchmal schwach ausgebildeten Fähigkeit, Bedeutung und Sinn des Gelesenen oder Gehörten zu erfassen und daraus Schlüsse zu ziehen.

Als Pädagoge und Dozent versuchte er alles, um Ignoranz und Dumpfheit zu überwinden. Dies gelinge, wenn man in der Lage sei, Begeisterung zu wecken, vermutete er – für die Literatur, für alle Ausdrucksformen der Kultur. So geht die Gründung der Appenzeller Bibliobahn auf ihn zurück, die während 20 Jahren als rollende Bibliothek mehrere Appenzeller Dörfer bediente und dem Bibliothekswesen im Appenzellerland Dampf machte.

Doris Überschlag, seine langjährige Mitarbeiterin, zitierte in ihren Abschiedsworten in der evangelischen Kirche Teufen Ulrich Bräkers Motto «Vom Glück des Lesens». Der weitgereiste Arme Mann aus dem Toggenburg, dessen Tagebücher in der Vadiana liegen, war in manchem Wegweiser für Peter Wegelin, der sich wohl auch in Georg Thürers Aphorismus wiederfand: «Heimat darf uns nicht in engen Horizonten befangen bleiben. Der hohe Himmel gehört auch zu ihr.»

Danke Peter Wegelin

Wir waren oft miteinander unterwegs, Peter Wegelin und ich, zu und von Sitzungen, Tagungen und Anlässen. Wir haben viel diskutiert, im Auto – bei der Heimfahrt oft stundenlang, sind nicht ausgestiegen, bis es nicht mehr anders ging.

Peter Wegelin war ein brillanter, ein inspirierender Gesprächspartner – gescheit, einfühlsam, klug. Er hörte zu, stellte Fragen, bildete seine Meinung. Konservativ, liberal. Er schätzte und lebte Werte – auch im Neuen. Immer wieder haben wir darüber gesprochen, daran – auch unsere – politische Arbeit gemessen.

Eigenverantwortung, Verantwortung für die Gemeinschaft, Rahmenbedingungen für Bildung und Kultur – Themen, die Peter Wegelin nie losgelassen haben. Themen, die Kultur im weitesten Sinne, auch im Alltag, ermöglichen. Letztlich eben: Lebensqualität! Daraus ist so vieles entstanden: von der genialen Idee der Bibliobahn bis hin zur grossartigen Ausserrhoder Kantonverfassung!

Hans Höhener

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