In Teufen wohnen – ohne Säntis & Co.

05.06.2014 | Lisa Tralci
max sonja frueh hagenschwendi  (11)

max sonja frueh hagenschwendi  (11)

Texte: Lisa Tralci* Fotos: Erich Gmünder

Hagenschwendi und das ehemalige Restaurant «Henderför»

Der Teufner Max Früh kam als Elfjähriger in das Haus, das sein Vater 1950 gekauft hatte. Das Haus in der Hagenschwendi war einer von mehreren kleinen Bauernbetrieben, wie ein Kupferstich von Ignaz Albert Albrecht von Anno 1792 zeigt. Damals mussten die Bauernfamilien neben der Viehhaltung auch Weben und Sticken, so ist im Haus von Max Früh auch ein Sticklokal zu finden. Max Früh zog 1962 aus und lebte später als Kaminfegermeister im Kanton Zürich, das Haus übernahm er 1975 von seinem Vater. Er nutzte es als Ferienhaus und seit seiner Pensionierung und Rückkehr nach Teufen im Jahre 2011 verbringen er und seine Frau Sonja (mittleres Bild) viel Zeit in der Hagenschwendi. Hier ist seine Werkstatt, in der er «schaffen» kann, von der Reparatur bis zur Skulptur.

Max Früh ist interessiert am historischen Geschehen und im Besitz zahlreicher Dokumente. So schreibt er über die in seiner Nachbarschaft liegende Liegenschaft «Henderför»: «In diesem Haus war seinerzeit eine Wirtschaft. Die lag am Wanderweg von St.Georgen, Wattbach bis zu den Wirtschaften Jägerei und Frölichsegg, damals ein beliebter Sonntagsausflug, in einer Zeit, in der es noch keine Autos gab. 1885 kaufte die Schokoladenfabrik Maestrani eine Spinnerei in St.Georgen. Sicher arbeiteten viele Männer und Frauen aus Teufen dort und benutzten den Wanderweg über die Hagenschwendi nach St.Georgen.

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Guido Schuler, Henderför

Holzherd und Buffetschrank aus dem Jahre 1781 erinnern an die Zeiten, als hier noch gewirtet wurde. Guido Schuler konnte das Haus 1983 kaufen und hat es mit seinen Söhnen, beides Zimmerleute, renoviert. Es dient der Familie als Sommerwohnsitz.

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Das Wirtshausschild hat ein befreundeter Künstler nachempfunden: «Henderför» ist ein appenzellischer Ausdruck für «verkehrt» und bezieht sich auf die Bauart des Bauernhauses (Stube nord- statt südseitig).

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Die Bauernfamilie Neff (v.l.): Marcel, Paul, Daniela und Martina Neff.

Heute gibt es noch drei Liegenschaften und die ganze Hagenschwendi wird von der Familie Neff bewirtschaftet.»

Hagenschwendi, Rütiwies, Tole, Hütten oder Rosengarten – so heissen einige der eher unbekannten Adressen im weiteren Umkreis des Restaurants Jägerei. 

In Teufen wird Wohnraum meist mit Alpsteinblick verkauft. Genau diesem kehren die Teufner, die an den obgenannten Adressen wohnen, den Rücken zu. Je nach Wohnlage schauen sie über Teile der Stadt St.Gallen, sehen den Bodensee, als wär’s das Meer, oder geniessen ihre Idylle zwischen Wald, Sternenhimmel und den Kühen des Nachbarn. Hier ist nichts mondän, man hat Stiefel und vielleicht etwas Notvorrat. Die Wohnlage beschenkt mit grosser Ruhe, Alpenfeeling durch das Gebimmel der Tierglocken und kann herausfordern durch schneereiche Winter mit vielen Schneeverwehungen oder den Dachs, der plötzlich aus dem Dunkeln trottet. Auch wenn sich ein urbaner Zürcher erstaunt zeigt, «dass hier noch Menschen wohnen», ist diese Abgeschiedenheit keine wirkliche – und bedingt nicht einmal zwingend ein eigenes Automobil …

*Unsere Autorin Lisa Tralci bewohnt ein als Ferienhaus erstelltes und bis vor fünf Jahren kaum benutztes Kleinsthaus. Sie geniesst unter anderem den ungezähmten Raum, Lärchen und Birken, die Flugbewegungen der Milane, des Bussards und der Falken, das Spiel der Fuchswelpen am Waldrand, traumhafte Sonnenuntergänge, den weiten Blick über den Bodensee bis zum Feldberg und dass sie die meisten Nachbarn kennt. www.lisa-tralci.ch

Der Sternenhimmel und ganz viel Platz zum Sein

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Irene und Alwin Hasler, Tole

Ich war in der ersten Klasse, als meine Eltern und mein Bruder in dieses Haus zogen. Mein Vater war ein «Chlütteri», und die Wohnung in St.Gallen war für seine Bedürfnisse einfach zu eng. Sie kauften das Haus, das genau an dem Platz stand, wo heute unser neu gebautes Haus steht. So viel Platz und gleichzeitig soviel Ruhe lässt sich im Dorf oder in der Stadt kaum finden! Ein Jahr lang besuchte ich die Schule im damals noch existierenden Schulhaus Egg, später musste ich nach Niederteufen.

Ich war 25 Jahre alt, als ich das Haus übernahm. Renovieren wäre fast gleich teuer gewesen wie ein Neubau und hätte die Ansprüche der inzwischen entstandenen Familie doch nicht ganz befriedigt. Während des Abbruchs und Neubaus wohnten wir ein gutes Jahr in einer Wohnung in Teufen. Unsere Töchter Sabrina und Lena schätzten es sehr, im Dorf zu sein. Für einmal konnten sie spontan ihren Hobbys nachgehen oder Kolleginnen treffen. Das ist die Kehrseite unserer wunderbaren Oase: Irene musste sehr oft die Kinder irgendwo hin bringen oder wieder holen. Es war und ist uns wichtig, dass sie trotz der abgelegenen Wohnlage ihren Interessen nachgehen können.

Meine Frau ist auch an einem abgelegenen Ort aufgewachsen. Sie empfand unser Refugium als einen verträumten Ort. Immer eigenständig mobil zu sein, war ihre einzige Bedingung! Sie arbeitet in zwei Teilzeitpensen, einerseits im kaufmännischen Bereich und andererseits als Aushilfs- Mesmerin. Ich bin Berufsfeuerwehrmann in St.Gallen und Kommandant der Feuerwehr Teufen-Bühler-Gais. In der freien Zeit werke ich rund ums Haus oder in meiner Werkstatt. Auch ich habe Schafe, weisse Alpenschafe und Heidschnucken. Unser Sohn Julian schaut zu den acht Hühnern. Er sagt schon heute, dass er dereinst dieses Haus übernehmen wolle.

Wir geniessen die Naturnähe, das eigene Obst und die Baumnüsse. Oder im Pyjama rund ums Haus gehen zu können. Weil wir kaum unter Lichtverschmutzung leiden, präsentiert sich der Sternenhimmel in einer umwerfenden Intensität. Die Sterne zum Greifen nah!

Wohnen, wo schon die Grosseltern lebten

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Alfred und Margrit Scheuss, Rosengarten

Das Haus, in dem wir beide seit dem Jahr 2000 leben, war schon im Besitze meiner Grosseltern. Sie lebten von ihrer kleinen Landwirtschaft, was heute kaum mehr vorstellbar ist. In unserer Gegend lässt sich aus der geringen Distanz zwischen den einzelnen Gehöften ablesen, wie klein diese Existenzen gewesen sind. Dass sich daraus oft auch Neid oder Streit unter Nachbarn entwickelt hat, verwundert deshalb nicht. Ich bin froh, dass das heute anders ist und wir mit den Nachbarn in gutem Einvernehmen leben können.

Mein Vater war Gärtner und betrieb hier eine Art Nebenlandwirtschaft mit Schafen. Ich bin hier aufgewachsen und habe eine Ausbildung als Huf-Wagenschmied absolviert. Später arbeitete ich bei der Swisscom, zuletzt als Ausbildner. Meine Frau Margrit stammt aus dem Bündnerland. Wir wohnten während meiner Berufszeit in St.Gallen, ich kam aber täglich in den Rosengarten, um meinem Vater zu helfen. Als meine Eltern starben, habe ich das Haus übernommen, ebenso die Schafe. Für mich persönlich war es ein riesiges Glück, wegen Umstrukturierungen mit gut 57 Jahren frühpensioniert zu werden.

Heute habe ich 44 weisse Alpenschafe, das ist eine Fleischrasse. Ich verkaufe etwa 30 Lämmer pro Jahr. Die Schafe müssen auch geschoren werden, die Wolle wird zur Isolation oder für Duvets und Kissen verwendet. Man kommt doch wieder mehr zum Natürlichen zurück! Tiere bedeuten mir viel. Schafe sind nicht einfach «gäbige Grasfresser». Da gibt es viel zu beobachten und entsprechend zu reagieren. Ich war viele Jahre im Vorstand der Schafzüchter- Vereinigung. Meine Frau und ich schätzen die Ruhe hier oben, auch wenn Margrit die Stadt ab und zu vermisst. Umso mehr freuen sie die regelmässigen Jasstreffs im Restaurant Jägerei.

Den Garten bearbeiten wir gemeinsam, wir geniessen fast den ganzen Winter eigenen Salat, Wurzelgemüse, Beeren und Äpfel. Das auf etwa 920 m über Meer! Wir haben einen Sohn und eine Tochter. Ob und wie das hier einmal weiter geht, steht in den Sternen.

Stadtnah und wie in den Ferien

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Barbara Baumann, Weidhüsli

Ich hab mich sofort in diesen Ort verliebt! Das Höckli ist ein kleines Paradies, nur dreihundert Meter Luftlinie von St.Gallen entfernt. Dort arbeite ich als Designerin am Institut für Innovation, Design und Engineering der Fachhochschule. Ich bewohne das Haus seit einem guten halben Jahr als Mieterin und fühle mich sehr wohl. Hier kann ich abschalten, die Ruhe geniessen, den Vögeln zuhören oder den Rehbock beobachten.

Ab und zu gehe ich ein paar Schritte zum höchsten Punkt unseres Hügels und stehe inmitten eines umwerfenden Panoramas. Fast so, wie ich es manchmal als Helikopterpilotin habe. Ende dieses Jahres möchte ich das Brevet als Berufspilotin und das Masterstudium in der Tasche haben. Ja, die Tage sind ausgefüllt, doch das alles macht mir Freude. Sicher wäre dies kein Wohnort für eine ängstliche Person. Doch das bin ich nicht, darf ich auch nicht sein, wenn ich als freiwillige Bergretterin für die Rega und den SAC unterwegs sein werde.

Fit bleibe ich mit Beachvolleyball, Biken und Klettern. Musik bedeutet mir viel, ich höre fast alles ausser Ländler. Besonders interessieren mich Newcomers – ich selber spiele Klavier. Shelby, meine Katze, kann ohne Strassengefahren herumstreifen. Dass ich nicht das ganze Jahr bis zum Haus fahren kann, stört mich nicht. Ich richte mich entsprechend ein und dieses Jahr hatten wir Hügelbewohner Glück und einen milden Winter!

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Familie Bruderer, Löchli

Jasmin und Ueli Bruderer mit ihren fünf Kindern Lorenz (10), Marlene (8), Anina (6), Isabelle (4) und Evelyne (2) wohnen seit 10 Jahren im Löchli, in einem typischen Appenzeller Haus, das sie selber anstelle eines alten Bauernhauses erbauen liessen. Ueli leitet einen Schreinereibetrieb in Haslen und Jasmin, gelernte Detailhandelsangestellte, ist glückliche Hausfrau.

Ueli ist auch bekannt in der Volksmusikszene, er spielte viele Jahre Akkordeon im Nebelgrenzen-Echo; dieses Hobby hat er zugunsten seiner Familie vorübergehend an den Nagel gehängt. Zur Familie gehört eine Kleintierhaltung mit fünf Schafen, vier Hühnern, sechs Gänsen, einer Wachtelzucht und einigen Kaninchen. Viel Freude bereitet ihnen auch der eigene Umschwung mit viel Blumen-, Beeren-, Gemüsegarten und wenig Wald.

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