Immigrantin, Naturmensch - und erste Jägerin

01.09.2013 | Erich Gmünder
1-ada buechel (50)

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Erich Gmünder

«Ich würde dieses Haus nicht verlassen, und wenn man mir die teuerste Wohnung schenken würde», sagt Ada Büchel. Seit 50 Jahren lebt sie in dem stolzen Fabrikantenhaus an der Göbsistrasse gleich neben der romantischen Römerbrücke.

Dass sie als junge Italienerin in der Schweiz hängen blieb, daran ist die Liebe schuld. Eigentlich wollte sie nach der Stickerlehre nur rasch Geld verdienen, so wie ihre ältere Schwester, die als Schneiderin in einer Textilfirma in St.Gallen arbeitete. (Auch ihre jüngere Schwester Amelia Magro, die sich Jahre später einen Namen als Fotografin machte, folgte ihnen nach).

Ihr Traum war es, sich mit dem Ersparten in Italien möglichst bald selbständig zu machen. Doch es kam anders. In einem Tanzlokal traf Ada einen jungen St.Galler. Anderthalb Jahre später war sie von ihm schwanger – und das unverheiratet: bei den damals herrschenden rigiden Moralvorstellungen eine Schande.

In ihrer erzkatholischen Heimat hatte der Pfarrer das Sagen – er war es auch, der sie und ihre Schwestern und andere Mädchen aus einfachen Verhältnissen nach St.Gallen vermittelt hatte, wo sie als billige Arbeitskräfte in der Textilindustrie willkommen waren.

Erst Jahre nach der Heirat stellte sie ihr Kind den Grosseltern in ihrer norditalienischen Heimat vor und offenbarte gleich noch, dass ihr Mann Protestant war …

Bald zog die junge Familie mit Töchterchen Nara in ein bescheidenes, altes Bauernhaus in Stein – das Wasser musste draussen am Trog geholt werden. Das stille Glück war vollkommen, als ihr Mann zusammen mit Rémy Nüesch, seinem ehemaligen Lehrer und Grafikerkollegen, einen Gestaltungswettbewerb für die Landesausstellung «Expo 64» in Lausanne gewann.

Nächtelang hatten die beiden im kleinen Häuschen Ideen gewälzt und zu Papier gebracht. Und plötzlich der Brief, dass sie mit ihrer Eingabe gewonnen hätten. Zum ersten Mal in ihrem Leben hielt sie eine Tausendernote in den Fingern – sie, die als Textilarbeiterin anfangs 1.95 Fr., später 3 Franken in der Stunde verdient hatte.

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Üppige Blumenpracht im grossen Garten, lauschige Sitzplätze, und ein Holzsteg, der über den plätschernden Goldibach zur Feuerstelle im eigenen Wald führt – ein Paradies für Naturliebhaber.

Schweren Herzens mussten sie 1963 das Bauernhaus aufgeben und zogen in das Fabrikantenhaus an der Göbsistrasse. In Teufen aber ging Ada in ihrer neuen Aufgabe auf, wenn sie die grosse Bürogemeinschaft und zahlreiche Gäste bewirten konnte. Sie hatte ein offenes Herz für die jungen Angestellten und Lehrlinge.

So drückte sie beide Augen zu, wenn ihr Mann auf Geschäftsreisen war und die Jungmannschaft bis spät in den Morgen über die Stränge schlug. Oder briet ihnen die Fische, die sie illegal im Goldibach gefangen hatte – und ertrug den Rüffel ihres Mannes, wenn er davon erfuhr.

Die erste Jägerin im Kanton

Ja, die Ehe mit ihrem Kurt sei sehr temperamentvoll gewesen, aber sie hätten sich immer wieder gefunden. «Das sind doch alles Mörder», habe sich ihr Mann entrüstet, als er hörte, dass ihr Vater Jäger war. Als er ihn später auf die Fasanenjagd begleitete, habe es ihn gepackt, und er habe die Jagdprüfung abgelegt und nicht locker gelassen, bis sie ihn auf die Jagd begleitete.

Wenige Jahre später absolvierte die zierliche Frau selber die Jagdprüfung – als erste Jägerin im Kanton eroberte sie eine der letzten Männerbastionen. Notabene zu einem Zeitpunkt, als die Frauen im Appenzellerland noch vom Stimmrecht ausgeschlossen waren – von ihrem Stimm- und Wahlrecht in Italien macht sie heute noch Gebrauch.

Sie sei von ihren Jagdkollegen immer respektiert worden, auch wenn sie z.B. die Treibjagd abgelehnt habe. «Der Einsatz von Schrot kam für mich nie in Frage. Diesen alten Rehbock da zum Beispiel habe ich drei Jahre beobachtet, bevor die Gelegenheit kam und ich ihn mit einem gezielten Schuss erlegen konnte», erzählt sie und zeigt auf die Trophäenwand in der guten Stube.

Die Flinte hat sie mittlerweile weggelegt, in den Wald geht sie aber noch regelmässig. Ihr Blick schweift zum Fenster hinaus: «Ich bin ein Naturmensch. Der Garten, der Wald und die gute Luft hier sind schuld, dass ich seit dem 15. Lebensjahr nie mehr krank war. »E bitzeli Glück› muss man haben im Leben», sinniert sie mit ihrem unverkennbaren Akzent: «und das wir haben gehabt.»

Ada Büchel-Magro

Geboren: in Lutrano-Fontanelle, Provinz Treviso, Italien,

Aufgewachsen: mit zwölf Geschwistern auf einem Bauernhof

In Teufen seit: 1963, Göbsistrasse

Familie: 1953 Heirat mit Kurt Büchel (gestorben 2010), Tochter Nara Büchel, 1953

Lieblingsessen: Risotto ai funghi

Lieblingsgetränk: Barolo und Co.

Musikvorlieben: italienische Opern

Lektüre: russische Literatur

Hobbys: Garten, Natur

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