Im Grünen

12.06.2021 | Timo Züst
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Walter Nef ist Bio-Bauer. Und das seit über 20 Jahren. Auf seinem Hof im Zugenhaus produziert er aber nicht nur Milch: Er schafft auch Biodiversitäts-Flächen, pflegt eine Schwalben-Kolonie und setzt auf Kreislaufwirtschaft. Für ihn ist das «Bio». Foto: tiz Immer mehr Konsumenten greifen beim Einkauf nach der Bio- Knospe – und immer mehr Landwirte satteln auf Bio um. Aber was bedeutet das in der Praxis überhaupt? Die TP hat Walter Nef einen Besuch abgestattet. Der Teufner Milchbauer führt seinen Hof seit über 20 Jahren im Bio-Standard. Fünf Jahre nachdem Walter Nef den Hof des Vaters im Zugenhaus übernommen hatte, stellte er den Landwirtschaftsbetrieb auf Bio um. Das war Anfang 2000. Seither produziert er seine Produkte nach den Vorschriften des Knospen-Labels. Nach der Lehre, der Betriebsleiterschule und dem Abschluss als Meisterlandwirt wusste der damals 37-Jährigen: Die Bio-Knospe ist die Zukunft des Betriebs. «In erster Linie ging es um wirtschaftliche Überlegungen. Ich wusste, dass wir so mehr für die Milch bekommen würden.» Aber dafür brauchte er auch Abnehmer. Und die hatte er anfangs nicht. Bio-Milch war damals noch nicht so gefragt wie heute. «Als ich das Zertifikat bekam, konnte ich noch gar keine Bio-Milch verkaufen.» Schliesslich half der Zufall. Ein Stallkontrolleur wies ihn auf die Milchsammelstelle im Steigbach hin – dort war Bio-Milch gesucht. Die erste Chance für Walter Nef. Mit der Zeit wurde es dann einfacher. Heute liefert er an die Molkerei Biedermann in Bischofszell, schon seit Jahren. Die Zeiten haben sich geändert: «Anfangs wurde ich von anderen Landwirten für den Wechsel noch belächelt. Klar: Auch heute bin ich teilweise noch der ’Biologe’. Aber es findet schon ein Umdenken statt. Und immer mehr stellen um.» Die grösste Anpassung vor 25 Jahren waren die Blackenbekämpfung (zeitaufwendige Handarbeit) und der «Kuhtrainer». Beim Kuhtrainer handelt es sich um eine Konstruktion, die die Kühe mit kleinen Elektroschocks dazu erzieht, im Stall keinen Buckel zu machen. Der Grund: So landen ihre Ausscheidungen in der dafür vorgesehenen Rinne. «Früher war das normal und der Ausbau der Anlage bedeutete für uns deutlich mehr Aufwand bzw. Tierpflege.» Das Tierwohl spielt für das Bio-Zertifikat eine wichtige Rolle. Für Walter Nef ist aber vor allem der Kreislaufgedanke entscheidend. «Grundsätzlich ist die Idee, dass man den Betrieb nachhaltig führen kann bzw. die Tiere mit dem ernährt, was das Land hergibt.» Trotzdem: Ganz ohne Zufütterung funktioniert es nicht. Walter Nef kauft für seine Tiere Maiswürfel und etwas Milchviehfutter bei der Bio-Müh- le Lehmann in Gossau. «Natürlich ist es 100 Prozent Bio. Ausserdem stammt es fast vollständig aus der Schweiz. Das ist mir wichtig.» Dass er überhaupt mit so wenig Extra-Futter auskommt, hat mit der Wahl der Rinderrasse zu tun. Je grösser die Milchleistung bzw. je stärker eine Rinderrasse auf die Milchproduktion hin gezüchtet wurde, desto mehr Kraftfutter braucht sie – insbesondere in diesen Höhenlagen. «Ich bin zum Original-Braunvieh zurück. Diese Kühe fühlen sich hier wohl.» Der Nachteil: Mit 5500 bis 6500 Kilo Jahres- Milchleistung liefern sie bis zu 3000 Kilogramm weniger als eine andere Milchviehrasse. «Aber so eine Rasse hier mit Bio-Standards zu halten, ist kaum möglich. Und sicher nicht sinnvoll.»

Führung auf dem Bio-Hof

Der Bauernverband AR hat im Juni eine Führung auf dem Bio-Bauernhof der Familie Zeller in Speicher organisiert. Hier erfahren Sie mehr: Kommen Sie mit und erleben Sie auf einem kurzweiligen Rundgang, wie hochwertige Lebensmittel produziert werden und gleichzeitig Biodiversität geschützt und gefördert wird. Die Bauernfamilie Zeller gibt zusammen mit Fachleuten Einblick in den Boden, in Biodiversitäts-Förderflächen wie Blumenwiesen, Hecken und Obstgärten sowie in nachhaltige Bewirtschaftungstechniken. Mi. 9. Juni 19 bis 21 Uhr Auf dem Bio-Suisse und Demeter-Betrieb von Christian und Judith Zeller-Iseli, Steinegg 2, Speicher Zellerhof mit Milchviehhaltung, Legehennen und Obstbau Durchführung oder Verschiebetermin (Sa. 12. Juni 9–11 Uhr) Bekanntgabe ab Mo. 7. Juni unter: www.appenzellerbauern.ch/biodiversitaet.php Anmeldung: Bitte bis zum Mittag des Vortags an: hoerler@naturnah.ch/079 445 92 69 Die Führungen werden unter Einhaltung eines Covid- 19-Schutzkonzeptes durchgeführt.
Eine weitere Bio-Vorschrift: Embryo-Transfers oder die Einsetzung gesexter Samen ist nicht erlaubt. Das bedeutet: Der Landwirt kann sich das Geschlecht seiner Kälber nicht aussuchen. Das ist eine Herausforderung. Denn grundsätzlich braucht ein Milchbauer wie Walter Nef Kühe, keine Stiere. «Ich habe deshalb eine sogenannte ’Zweinutzungskuh’. Sie eignen sich nicht nur für die Milchproduktion, sondern setzt auch Fleisch an.» Dieser Kompromiss ermöglicht es ihm, auch Stier- Mast-Kälber ohne Verlust aufzuziehen. Mit der Bio-Umstellung hat Walter Nef auch begonnen, sich mit Homöopathie auseinanderzusetzen. Heute weiss er: Das wichtigste Instrument sind nicht die Globuli, sondern seine persönliche Einschätzung. «Man muss die Tiere sehr genau beobachten. Wenn eine ein Viertel macht (Entzündung eines Euter-Teils) und man das früh genug merkt, bringt man es mit alternativen Methoden oft noch weg.» Heute ruft er nur noch selten den Tierarzt. Es gab auch schon Jahre, während denen er ganz auf Antibiotika verzichten konnte. «Aber das geht natürlich nur, wenn man den Überblick über seine Kühe behalten kann. Hätte ich doppelt so viele, wäre es viel schwieriger.» Beim Betreten des Schuppens schiesst ein heller Blitz über Walter Nefs Kopf hinweg. Es ist eine Rauchschwalbe. Sie nisten im Schuppen und im Stall. Die Mehlschwalben bauen ihre Nester an der Stallwand unter dem Vordach. Es hatte eine Weile gedauert, bis Walter Nef herausgefunden hatte, was die Tiere brauchen, damit sie sich wohlfühlen. Die Antwort: etwas mehr Unordnung. «Die Nester bauen sie selbst. Hauptsächlich aus feuchtem Stroh und Erde. Wenn ich den Boden draussen mit Wasser nässe, finden sie mehr als genügend Baumaterial.» Die kleine Schwalben-Kolonie ist nicht seine einzige Anstrengung für die Biodiversität. Als Bio-Bauer ist er verpflichtet, mehr für die Artenvielfalt zu tun als ein konventioneller Landwirt. Dazu gehören Ausgleichsflächen, die Lebensraum für Tiere und Pflanzenarten schaffen. Aber auch das Anpflanzen einheimischer Obstbäume. «In den vergangenen Jahren wurden hier grosse Fortschritte gemacht – auch in der herkömmlichen Landwirtschaft müssen die Ausgleichsflächen vorhanden sein. Die Direktzahlungen schaffen den nötigen Anreiz für die Biodiversitäts-Anstrengungen. » Walter Nefs wichtigste Einnahmequelle ist die Milch. Er hält 28 Kühe, 10 Rinder in der Aufzucht und drei Mastkälber. Damit hat sein Betrieb «mittlere Grösse». Die Rechnung geht für ihn auf – auch dank Bio und Zusatzverdiensten. «Aber ich bin natürlich schon sehr stark vom Milchpreis abhängig. Wenn die Nachfrage nicht gross genug ist, wird es schwierig.» Momentan wächst das Angebot unverhältnismässig. Landwirte, die heute auf Bio umstellen, kommen erst auf eine Warteliste, bevor sie schliesslich Milch liefern können. Dieses Paradox ist für Walter Nef das wichtigste Argument gegen die Agrar-Initiativen vom 13. Juni: Die Trinkwasser- und die Pestizidverbotsinitiative. Zwar würde eine Annahme für ihn kein grosses Problem darstellen – er erfüllt mehrere Forderungen bereits heute. «Aber es gibt Betriebe, die wegen ihrer Grösse, den Produktionsabläufen und der Organisation nicht einfach auf Bio umstellen könnten. Ganz zu schweigen von den Anpassungen, die diese Initiativen fordern. Ich glaube, es braucht ein Umdenken an der Basis. Kein Gesetz bzw. ein Dirigieren von oben. So lange die Konsumenten das günstigere Produkt bevorzugen, funktioniert es einfach nicht. Auf der einen Seite wird mehr Bio und Nachhaltigkeit gefordert, und auf der anderen Seite wird im Supermarkt das billigste Fleisch gekauft.» Seine Idee für das Vorantreiben dieses Wandels: Die Entfremdung der Menschen von der Landwirtschaft bzw. der Nahrungsmittelproduktion rückgängig machen. «Welche Schulklasse besucht heute noch einen Bauernhof? Wer achtet noch darauf, im Mai nicht durch die ungemähten Wiesen zu laufen? Wer weiss noch wirklich, woher unser Essen kommt? Da müssen wir ansetzen.» tiz

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