"Ich habe Unvorstellbares gesehen"

24.10.2019 | Timo Züst
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Timo Züst

Seit bald vier Jahren ist der Gaiser Fabio Zgraggen mit dem Flugzeug über dem Mittelmeer unterwegs. Er sucht dort nach Flüchtlingen in Seenot. Am Samstag spricht er im Pfarreizentrum Stofel. Die TP hat ihn zum Kaffee getroffen.

Herr Zgraggen, 2015 gründeten Sie mit Freunden die Humanitäre Piloten Initiative (HPI). Wie kam es dazu?

Der Gedanke entstand am Lagerfeuer. Ganz klassisch: Ich sass mit Sam, meinem Geschäftspartner, nach einem Arbeitstag auf dem Gäbris. Wir tranken ein Bier und sprachen über Gott und die Welt. Damals war die Flüchtlingskrise gerade das grosse Thema. Und Sam hatte gerade erfahren, dass er Vater wird. Also dachten wir: Was erzählen wir einmal unseren Kindern, wenn Sie uns fragen «Was habt ihr getan, als im Mittelmeer tausende Menschen ertranken?»

Und daraus entstand die Idee zu HPI?

Wie bei fast allen guten Projekten stand am Anfang eine idealistische Vision. Wir wussten: Wenn wir etwas tun wollen, müssen wir unsere persönlichen Fähigkeiten nutzen. Ich war damals in der Flugschule. Der Gedanke an Aufklärungsflüge als Unterstützung für die Seenotrettung lag also nahe.

Wie geht man so etwas überhaupt an?

Das war uns natürlich auch vollkommen neu. Als ersten Schritt schrieben wir deshalb einigen Hilfsorganisationen eine Mail und schilderten die Idee. Die Reaktionen kamen postwendend: «Super!» «Genial, das brauchen wir.» Wann fangt ihr an. Morgen?» Das hat uns erst einmal etwas überwältigt. Aber gleichzeitig auch dazu verpflichtet, weiter zu machen. Ausserdem hat es eine Art Domino-Effekt ausgelöst, der alles ins Rollen gebracht hat.

Wie lange hat es gedauert, bis ihr zum ersten Mal in der Luft wart?

Ein gutes Jahr. Das war eine sehr intensive Zeit. Wir mussten das organisatorische Konstrukt für HPI aufbauen, logistische und rechtliche Fragen klären, Material, Geld und Piloten beschaffen und, und und.

Gleichzeitig betrieben sie weiter die Flugschule «Freewings» als Inhaber. Das hat funktioniert?

Zu sagen, es hat gut funktioniert, wäre übertrieben (lacht). Aber irgendwie haben wir es hingekriegt. Möglich war das natürlich nur, weil alle Geschäftspartner hinter der Idee standen. So konnten wir uns gegenseitig die Flexibilität verschaffen, die für so etwas nötig ist.

Zum eigentlichen Fliegen. Was genau ist da Ihre Aufgabe?

Wir machen Luftaufklärung. Das heisst: Wir fliegen in niedriger Höhe über ein bestimmtes Gebiet des zentralen Mittelmeers. Erspähen wir dabei ein Flüchtlingsboot, melden wie dessen Standort und Zustand der zentralen Seenotrettungsleitstelle und allen Rettungsorganisationen.

Wie lange dauert so ein Flug?

Im Normalfall sieben bis acht Stunden. In schlimmen Zeiten kommt es aber auch vor, dass wir Doppelschichten einlegen. Das sind dann lange Tage.

Flugzeug, Pilot, Crew, Treibstoff – günstig ist das nicht. Wie finanziert ihr euch?

Ja, das ist teuer. Alles mit eingerechnet, kostet uns ein Tag in der Luft zwischen 3000 und 4000 Franken. Glücklicherweise können wir das alles über Privatspenden finanzieren. Ausserdem arbeiten wir auch mit anderen Rettungsorganisationen wie «Sea-Watch» zusammen. So können wir die Kosten etwas aufteilen.

Wie viele Tage seid ihr im Einsatz?

Im ersten Jahr waren es natürlich noch wenige. 2017 und 2018 dann um die 90 Einsätze. Und dieses Jahr werden es wohl über 100. Anfangs mussten wir im Winter kaum fliegen, weil es da fast keine Aktivität gab. Das hat sich mittlerweile geändert.

Vor ein paar Jahren las man täglich neues über die «Flüchtlingskrise». Diese mediale Welle ist abgeflacht. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Situation habe sich verbessert.

Wissen Sie, als wir damals starteten, dachten wir: Wir machen das vielleicht ein gutes Jahr. Dann hat die Politik sicher Lösungen gefunden. Tja, das war schrecklich naiv von uns. Und heute ist die Situation schlimmer denn je.

Was genau bedeutet schlimmer?

Ich spreche damit insbesondere den Anteil der Flüchtlingsschiffe an, die in Seenot geraten. Die Zahlen der ankommenden Flüchtlinge sind zwar massiv zurückgegangen. Dafür gerät heute jedes fünfte Flüchtlingsboot in Seenot. Diese Quote war zuletzt im Jahr 2016 so hoch.

Woran liegt das?

Dafür gibt es zwei ganz konkrete Auslöser. Erstens: Die Kriminalisierung der privaten Seenotrettung. Private Rettungsorganisationen haben es immer schwieriger. Wir alle kennen die Beispiele von Schiffen, die nicht an Land dürfen. Uns selbst wurde im Sommer 2018 aus politischen Gründen die Starterlaubnis von Malta entzogen. Wir starten deshalb jetzt von Süditalien aus. Aber es werden auch bewusst starke Signale an die Handelsschiffe gesendet. Nehmen diese Flüchtlinge in Seenot an Bord, werden sie bei der Anfahrt eines Hafens absichtlich schikaniert. Sie dürfen nicht anlegen oder müssen ewig warten. Deshalb ignorieren Handelsschiffe Flüchtlinge in Seenot leider immer häufiger.

Gibt es nicht ein Gesetz, das die Rettung auf See vorschreibt?

Natürlich! Auf See gilt ein Seenot-Rettungsgesetz. Trotzdem konnten wir in mehreren Fällen dokumentieren, wie Handelsschiffe diese Pflicht vernachlässigen. Erst wenn sie unsere Präsenz bemerken, handeln sie.

Sie sprachen von zwei Gründen.

Genau. Der zweite ist die libysche Küstenwache. Natürlich ist es eigentlich eine Farce, sie Küstenwache zu nennen. Dank Recherchen von Journalisten wissen wir, dass es sich dabei um eine korrupte Milizorganisation handelt. Viele ihrer Mitglieder verdienen gleichzeitig beim Schlepper-Geschäft mit.

Und was für eine Rolle spielt sie?

Ihre Aufgabe – übrigens mitfinanziert durch europäische Gelder – ist es, zu verhindern, dass Flüchtlingsschiffe das europäische Festland erreichen. Das tut sie mit aller Härte. Ich selbst habe mehrmals gesehen, wie sie Flüchtlinge mit körperlicher Gewalt und unter vorgehaltener Waffe an das Besteigen eines Boots hindern.

Inwiefern hat das einen Einfluss auf die Anzahl der Boote, die in Seenot geraten?

Ganz einfach: Um diesen Kontrollen zu entgehen, müssen Schlepper immer gefährlichere Bedingungen zum Ablegen nutzen. Sie laufen beispielsweise bei starkem Seegang aus, weil die Boote dann vom Radar nicht erfasst werden. Und sie zwängen noch mehr Menschen auf ein Boot, weil sie so wenige aufs Wasser bringen.

Sie sagten, sie sahen die Gewalt mit eigenen Augen. Ich nehme an, Sie haben auch sonst viel gesehen.

Ich habe dort Dinge gesehen, die Sie sich gar nicht vorstellen können.

Beschäftigt Sie das? Träumen Sie davon?

Natürlich beschäftigt mich das. Täte es da nicht, würde wohl etwas nicht stimmen. Aber wir waren uns beim Aufbau dieser Organisation bewusst, worauf wir uns einlassen. Wir haben deshalb Mechanismen geschaffen, die uns beim Verarbeiten helfen.

Die Sea-Watch- Kapitänin Carola Rackete hielt Anfang Oktober eine bewegende Rede vor dem EU-Parlament. Darin schilderte sie schreckliche Szenarien. Können Sie diese Geschehnisse nachvollziehen?

Auf jeden Fall. Ich bin 100-prozentig davon überzeugt, dass sich das alles so zugetragen hat. Carola war übrigens auch schon bei unseren Flügen an Bord – als technische Koordinatorin bzw. Funkerin.

Immer wieder hören wir von Rettungsbooten, die nicht an Land können. Für Sie muss das besonders frustrierend sein.

Natürlich. Insbesondere deshalb, weil ich weiss, dass dieses Boot nicht wieder hinausfahren kann, um weitere zu retten. Jede Stunde, jedes Boot zählt.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Menschen Ihre Organisation bereits gerettet hat?

Für das Jahr 2018 haben wir eine konkrete Auswertung gemacht. Wir wissen, dass mindestens 1500 Menschen nur dank unserer Aufklärung überlebt haben. Und bei der Rettung 20’000 weiterer waren wir direkt beteiligt. Im 2019 werden es wohl noch mehr.

Wenn Sie nach einer Woche über dem Mittelmeer zurück hierherkommen und Gleitschirm-Stunden geben, fühlt sich das nicht paradox an?

Das ist ein gewaltiger Kontrast. Aber es macht keinen Sinn, sich schuldig zu fühlen. Wir können nichts dafür, wo wir geboren werden. Und es ist auch richtig, dass wir unser Leben geniessen. Könnte ich das nicht mehr, müsste ich aufhören. Ich weiss, dass ich die Welt nicht allein retten kann.

Wenn Sie es nicht können, wer dann?

Man hat immer das Gefühl, eine Revolution startet mit einem grossen Messias. Oder sie startet an einem Ort und breitet sich wie ein Lauffeuer aus – ähnlich der französischen Revolution. Ich glaube, die Veränderung wird aus ganz vielen, kleinen Wurzeln entstehen. Ein Lehrer, der seinen Schülern etwas über Nachhaltigkeit erzählt, trägt dazu bei. Aber auch ein Biobauer. Oder jemand, der Kleider an Griechenland («aid hoc») oder Kurdistan («Hilfskonvoi Kurdistan») spendet. Die Summe vieler kleiner Taten macht den Unterschied.

Bei der konkreten Problematik der Flüchtlingskrise nehmen Sie wohl aber das EU-Parlament bzw. die Politik in die Pflicht, oder?

Definitiv. Eigentlich lustig: Wie hatten uns immer als unpolitische Organisation gesehen. Und nennen uns heute noch so. Aber wenn du das Unglück, das Chaos und die politischen Fehlentscheidungen dort siehst, kannst du gar nicht unpolitisch blieben.

Was wäre ein möglicher Lösungsansatz?

Ich kann nur für das Mittelmeer sprechen. Aber ich glaube, es geht um eine Grundsatz-Haltung. Wir müssen uns endlich von der Vorstellung lösen, wir könnten Migrationsbewegungen mit einer Mauer stoppen. Es gab diese Bewegungen schon immer. Und es wird sie auch immer geben. Es macht schlicht keinen Sinn, dass sich ein syrischer Flüchtling erst über das Mittelmeer kämpfen, einen Schlepper bezahlen und sich misshandeln lassen muss, bevor er das Anrecht auf ein Asylverfahren erhält.

Aber ein Asylverfahren braucht es?

Klar. Wir können nicht alle aufnehmen. Aber es ist auch falsch zu glauben, dass «alle nach Europa wollen». Niemand verlässt gerne seine Heimat. Ich propagiere nicht «no borders». Aber man sollte die Vier-Milliarden-Dollar-Schlepper-Industrie aushebeln, indem man humanitäre Korridore schafft. Und den Ankommenden dann ein hartes aber faires Verfahren garantiert.

Am Samstag sprechen sie im Teufner Pfarreizentrum Stofel bei einem öffentlichen Anlass des «Runden Tischs für Geflüchtete im Rotbachtal». Was werden Sie erzählen?

Ich werde von meinen Erlebnissen erzählen. Aus erster Hand. Und natürlich zeige ich auch Bildmaterial – allerdings nichts allzu Heftiges. Aber meine eigentliche Message ist: Vorträgen zuzuhören und mediale Berichte zu lesen, ist gut und recht. Aber das damit erlangte Wissen sollte auch zu einer Handlung führen. Egal, was für eine. Was hat das Ganze sonst für einen Sinn?

Zur Person


Der 34-jährige Fabio Zgraggen ist in Rehetobel aufgewachsen und lebt heute in Gais. Ursprünglich hatte er die Design-Fachklasse in St. Gallen absolviert. Anschliessend war er mehrere Jahre in der internationalen Filmbranche tätig – insbesondere im Bereich der «Special Effects». Nach der Rückkehr in die Schweiz und der Ausbildung zum Gleitschirm-Fluglehrer, gründete er vor vier Jahren mit zwei Partnern die Gleitschirm-Flugschule «Freewings» im Bühler.

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